Cam - The Otherside

CD Cover: Cam - The Otherside

Cam bleibt sich treu: alle fünf Jahre ein neues Album. Ihr neuestes, drittes Werk heißt "The Otherside" und bietet Country-Pop vom Feinsten.

Es mag vor fünf Jahren den Anschein gehabt haben, dass Camaron Marvel Ochs, kurz Cam genannt, aus dem Nichts kam. Von 0 auf 100 in Rekordtempo, mit ihrem Album "Untamed", das sowohl in den Country-, als auch in den amerikanischen Pop-Charts Top-Platzierungen einfuhr. A Star was born. Doch: Cam kam weder aus dem Nichts, noch glückte ihr eine Über-Nacht-Karriere. Im Gegenteil. Erstens floppte ihr 2010 erschienenes Debüt-Album "Heartforward" grandios, zweitens verdiente sich die aus Huntington Beach, Kalifornien, stammende Künstlerin ihre Meriten auf die klassische Art und Weise: als Songautorin für Acts wie Miley Cyrus und Sam Smith.

"Untamed" änderte natürlich alles für die blondgelockte Sängerin. Das Gold-prämierte Top-Album warf einige Single-Hits ab und öffnete ihr die Türen ins Country-Establishment. Im Schlepptau: Grammy-Nominierungen, Cover-Stories, Auftritte in den wichtigsten TV-Shows und Tourneen mit Country- und Pop-Schwergewichten wie Tim McGraw und Faith Hill ("Soul2Soul Tour") und Harry Styles. Dass sich Cam, die im letzten Jahr noch beim Country2Country-Festival in Deutschland überzeugte, in der letzten Zeit rar gemacht hat, lag nicht nur am Virus: Die Sängerin ist Ende 2019 Mutter einer Tochter geworden. Nicht selten bringen diese emotionalen Erlebnisse auch eine künstlerische Korrektur mit sich. Auch bei ? "The Otherside" gibt die Antwort.

Die neuen Seiten von Cam: "The Otherside"

Und sie muss heißen: Jein. Einerseits bleibt sich die 35-Jährige treu und sie serviert erneut Country-Pop höchster Güte. Andererseits zeigt sich die großartige Sängerin gereifter, vielleicht auch etwas ernsthafter, ganz sicher aber glücklicher und dazu vielseitiger. Resultat ist ein Album, das ihre Fans mit Sicherheit zufriedenstellen wird und ihr gleichzeitig eine neue Hörerschaft erschließen sollte.

Den Auftakt übernimmt "Redwood Tree", ein hübscher, eher ruhiger Country-Pop-Song, mit der Betonung auf Country. Akustische Instrumente und die synkopierte, vorwärtstreibende Akzentuierung auf die Pause zwischen den Vierteln stehen im Mittelpunkt - und natürlich ihre elastische Stimme, die im puren Country genauso zu überzeugen weiß, wie im Pop. In der Ode an einen dieser kalifornischen Redwood-Baumriesen unterstreicht Cam, dass sie nicht ohne Grund Patsy Cline zu ihren größten Einflüssen zählt - mit Country-Vocals nach alter Schule. Ein klassischer Gesangsstil, der nie aus der Mode kommen wird.

Diesen Gedanken nimmt sie auch in dem Track "Classic" auf. In dem gemeinsam mit Jack Antonoff (The Chicks, Taylor Swift) geschriebenen und im legendären New Yorker "Electric Ladyland"-Studio aufgenommenen Track, singt sie von zeitloser Qualität. Von den unverwüstlichen Meilensteinen, den Ikonen des Films, der Kultur, des Designs - und schafft damit selbst eine Art kleinen Klassiker. Denn der Titel verströmt jede Menge akustischer Endorphine und wirkt wie eine knapp dreiminütige Seelenmassage. Wer nach Genuss dieses Songs keine bessere Laune hat, sollte schleunigst beim Ohrenarzt vorstellig werden. "He makes music fun", schwärmt Cam über ihren Songwriter und Produzenten Anatonoff. Das ist nobel von ihr, aber nur die halbe Wahrheit. Denn ohne den unwiderstehlichen Gesang Cams würden selbst die besten Harmonie- und Text-Einfälle ins Leere laufen.

Eine etwas andere Geschichte erzählt der Titeltrack. "The Otherside" ist schließlich ein Song-Vermächtnis von Tim Bergling, besser bekannt als Avicii. Der 2018 verstorbene DJ und Songschreiber kam kurz vor seinem Tod nach Nashville, um mit einigen Songautoren der Stadt zu schreiben. Darunter auch mit Cam. Die Songwriting-Session war für sie, wie sie sagt, "eine spezielle Erfahrung". Avicii habe künstlerisch sein Ding durchgezogen, ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer Autoren zu nehmen. Als sie jedoch das Resultat zu hören bekam, war sie hin und weg. Und sie wusste, dass sie diesen Song haben möchte. Aber auch: Dass ihre Interpretation der Avicii-Hinterlassenschaft eine Bürde ist, eine Verantwortung, der man sich als Künstlerin stellen muss. "Ich wollte diesem musikalischen Genie gerecht werden", sagte sie in einem Interview. Und: Es gelingt ihr.

Mal traditionell, mal ganz Pop - immer aber hohes Qualitäts-Level

Nachdenklich zeigt sich die junge Mutter auch in der getragenen Ballade "Till There's Nothing Left". Es geht dabei ums Verlieben und Entlieben, um Erfahrungen und Erinnerungen. Ein schöner, gehaltvoller und emotional jederzeit glaubwürdiger Song. Starke Leistung! Das gilt auch für das ganz im Vintage-Look gehaltene Diane. Nach einem A-Cappella-Intro hält der dreieinhalbminütige Titel klasse geschrammelte Akustik-Gitarren, einen hüpfenden Bo-Diddley-Groove und - das Tüpfelchen auf dem i - Hooklines der Marke Fleetwood Mac bereit.

Mehr dem Pop zugewandt ist dagegen der Track "Changes". Kein Wunder, schließlich stammt der Song aus der Feder von Harry Styles, einem der vielleicht talentiertesten Songwriter der jungen Garde. Mit leichter Hand gelingt es dem Komponisten, gleichzeitig eingängige und originelle Harmonieverbindungen zu kreieren und damit einen Song, maßgeschneidert für Cam. Das lässt sich natürlich auch von dem langsamen, im Drei-Viertel-Takt gehaltenen Folk-Blues von "Forgetting You" behaupten. Wie sie hier mit dem getragenen Tempo spielt, den Song mal antreibt, mal abbremst, wie sie kurz, aber effektvoll ihre Kopfstimme im Refrain einsetzt und wie sie die Ballade vom Vergessen glaubwürdig erzählt, beweist ihre ganze Meisterschaft.

Fazit: Die persönlichen Veränderungen haben Cam hörbar gut getan. Mit "The Otherside" kann sie ihren Vorgänger-Hit "Untamed" glatt noch toppen - erstklassiger Country-Pop, vielseitig und meisterhaft interpretiert.

Label: Triple Tigers / RCA Nashville (Sony) VÖ: 30. Oktober 2020
01 Redwood Tree
02 The Otherside
03 Classic
04 Forgetting You
05 Like A Movie
06 Changes
07 Till There's Nothing Left
08 What Goodbye Means
09 Diane
10 Happier For You
11 Girl Like Me

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