Eric Church

Anlässlich seiner Deutschland-Tournee sprach CountryMusicNews.de mit Eric Church.

Eric Church ist seit seinem 2006 erschienenen Debüt "Sinners Like Me" zu einem der größten Stars im Country avanciert - mit starker Stimme, tollen Song und erfrischenden Ideen. Bei allem Erfolg ist der 38-Jährige nicht abgehoben, wie sich unser Autor beim Interview überzeugen konnte.

Ein grauer März-Samstag in München. Es ist kalt und windig, der Wetterbericht kündigt Schnee an. Menschen wuseln mit vollen Einkaufstaschen durch Einkaufsstraßen; hecheln kleine Atemwölkchen aus, blicken stur nach vorne. Kein Lächeln, nur Hektik. In dem Luxushotel am Münchner Hauptbahnhof ist von diesem grimmigen Treiben nichts zu spüren. Hier flanieren wohlhabende Menschen aus aller Welt gemütlich durch Marmor geflieste Gänge; hier und da ein Lachen, ein Nicken. Es ist gediegen, ruhig und entspannt. Noch ruhiger und entspannter ist es in einem etwas abgeschiedenen Bereich des Hotels, in den mich der Manager von Eric Church mitnimmt. Man muss schon zwei Mal hinschauen, um ihn dann auch zu erkennen, wie er schlank, vielleicht sogar etwas schmächtig in seiner Jogginghose und einem irgendwie aus der Mode gekommenen Rollkragenpulli aus einem großen Fenster hinausblickt. In eben diese hektische, lärmige Welt. Was wird er sich denken? Wer weiß, vielleicht inspiriert ihn dieser durchaus etwas trostlose Anblick für einen neuen Song, für eine Ballade mit dem Titel "A Grey Day In Munich"?

Eric Church - der ideale Interviewpartner

Wie so oft, stellt man sich die Superstars in Natura größer, kräftiger, lauter, präsenter vor. Wie so oft sind sie: ruhig, in sich gekehrt, zurückhaltend und auch etwas kleiner und schmaler als man glauben würde. Selbst der Händedruck fällt nicht so zupackend aus, wie man das von einem der aktuell größten Namen in der Country-Szene erwarten würde. Schon nach wenigen Minuten des Gesprächs wird klar, dass alles andere als ein Country-Star von der Stange ist. Er formuliert fein und überlegt, er hält Augenkontakt, er lächelt und er lacht auch gelegentlich etwas lauter auf, er spricht ausführlich, aber nicht überbordend, er weiß, wann es mit einer Antwort genug ist. Als Profi weiß er, dass die Zeit begrenzt ist und dass eine ganze Reihe Fragen auf dem Block notiert sind, die alle beantwortet werden möchten. Kurzum: ein idealer Interviewpartner.

Etwa sechs Stunden später an diesem 5. März 2016 wird Eric Church in der TonHalle ein mitreißendes Konzert geben. Verglichen mit den Arenen, in denen der Sänger normalerweise in Amerika gastiert, ist die Münchner Location ein Wohnzimmer. "Nein, das macht mir überhaupt nichts aus", antwortet er auf die Frage, ob dieser gravierende Kapazitätsunterschied nicht frustrierend sei. Ganz im Gegenteil sogar, er genieße diesen intimen Rahmen. Es sei für ihn und seine Arenen-erprobte Band ein "back to the roots". "Heute kommen etwa 1.000 Leute", sagt er, "so haben wir auch in den USA angefangen. Dann sind wir innerhalb von 18 Monaten wieder in die gleiche Stadt gefahren und da waren es dann schon deutlich mehr. Wir haben zugeschaut, wie die Menge wuchs und wuchs, wie der Samen aufging. Das macht Spaß."

Eric Church: großes Festival contra kleiner Club-Gig

Eine kleinere Bühne hat für Eric Church ohnehin seinen ganz eigenen Reiz: "Wir stehen da viel enger zusammen, die Kommunikation ist deshalb wesentlich besser. Da ergeben sich auch mal ungeplante Dinge, kleine Jam-Sessions. Das alles ist in großen Hallen nicht machbar, da braucht man für die Kommunikation ja fast ein Intercom-System." Eric Church sieht es sportlich. Als Herausforderung, diesen fern der Country-affinen Heimat gelegenen Markt zu knacken. Er weiß, dass das nur durch Präsenz gelingen kann. Durch Touren, durch Interviews. Wohl auch durch große Festivals, wie "Country 2 Country". In diesem Jahr ist Eric Church erstmals mit von der Partie: Am 13. März 2016, dem dritten Festivaltag, gibt er ein Gastspiel in der gewaltigen, etwa 14.000 Zuschauer fassenden Londoner O2-Arena. "Sie haben mich ja schon mehrfach gefragt, ob ich mitmachen möchte", verrät der aus North Carolina stammende Künstler. Bisher habe er immer dankend abgelehnt. Er mag dergleichen Gruppen-Shows nicht so sehr, konzentriere sich lieber auf seine eigene Show, auf seine eigene Tour. In diesem Jahr aber macht er mit. Allerdings nur, wie er sagt, unter gewissen Bedingungen: "Ich habe nur unter der Voraussetzung zugesagt, dass ich den Tag gestalten darf, dass ich mir aussuchen darf, wer noch mit mir spielen wird. Als sie sagten, ich könne das machen, war ich dabei." Das von Eric Church höchst selbst bestimmte Line-Up kann sich natürlich sehen lassen. Neben Eric Church gastieren seine Buddys - Chris Stapleton, Kacey Musgraves und Frankie Ballard.

Country Music ist kein Hee-Haw

Eric Church sieht seine Tournee, aber auch den Country 2 Country-Tross, als eine Art Mission. Die Nashville-Acts - Botschafter der Country Music. Denn so ganz habe man, meint Eric Church, noch nicht so ganz den Kern der Musik in Europa verstanden. "Es kommt darauf an, wo man in Europa gerade ist. Es ändert sich. Was ich aber oft mitbekomme, ist dieses angestaubte Hee-Haw-Bild, das die Leute oft hier von Country Music haben. So ist es nicht. So ist es schon lange nicht mehr. Country ist heute, zumindest was die Verkaufszahlen betrifft, vielleicht die populärste Musikform in Amerika. Für mich hat Country in vielerlei Hinsicht den Faden dort aufgenommen, wo ihn der Rock 'n' Roll einst fallen gelassen hat. Country ist dadurch viel breiter geworden. Das den Leuten zu vermitteln, ist mir wichtig."

Country ist nicht nur ein breiteres und weiteres Genre geworden, es ist auch offen für Einflüsse aus anderen Stilrichtungen. Eine Art Auffangbecken oder Schmelztiegel. Das repräsentieren auch die sechs Alben von Eric Church. Dennoch: Seine musikalische Heimat sieht der experimentierfreudige Sänger und Songschreiber im Country. "Ich bin sogar stolz darauf, ein Vertreter dieses Genres zu sein", sagt er und fügt hinzu: "Ich höre Country Music, ich mag diese Geschichten. Aber ehrlich gesagt, habe ich mich nie hingesetzt und gesagt: So, jetzt mache ich eine Country-Platte. Nie. Nicht einmal bei der ersten CD. Das hat sich einfach immer so ergeben." Für Eric Church zählt die Musik, die Töne, die Noten, die Texte, die Arrangements. Ob das jetzt mehr oder weniger Country ist, interessiere ihn nicht so sehr. Oft genug ist es: weniger Country. Schon alleine deshalb, weil er in seinem Klangmenü nie auf die klassischen Zutaten "Fiddle" und "Pedal Steel Guitar" greift. "Ich mag diese typischen Country-Instrumente zwar bei anderen, zum Beispiel bei Merle Haggard oder George Jones, nicht aber bei mir. Für mich ist die Musik schon immer Gitarren-orientiert gewesen, schließlich bin ich ja ein Kind der 80er Jahre."

Eric Church und der große Respekt vor Bruce Springsteen

Dass Rockerblut in seinen Adern fließt, hat Eric Church nie verheimlicht. Nicht umsonst hat er mit der Single "Springsteen" einem seiner Musik-Heroes gehuldigt. Höchst erfolgreich dazu, der Song wurde mehrfach mit Platin ausgezeichneter Hit. Auf die zugespitzte Frage, wem er dann näherstehe, Bruce Springsteen oder George Jones, braucht er ein paar Sekunden, bevor er antwortet: "Ich würde sagen", kommt es zögerlich, "ja, doch ... Bruce Springsteen. Ich könnte ja nie so singen wie George Jones, ich bin nicht mal nah dran. Für mich geht es um das Geschichtenerzählen und den Stil des Songschreibens. Vielleicht auch darum, dass die Musik eine Botschaft haben sollte." Und damit erklärt er seine Nähe zum Boss des Rock 'n' Roll: "Jedes seiner Alben hat dich irgendwohin mitgenommen." Mit der Legende einmal zu arbeiten - für Eric Church wäre es wohl die Erfüllung eines Traums. Ein Traum, der ihm aber womöglich ein paar schlaflose Nächte bereiten würde. "Der Respekt vor ihm ist so groß. Ich müsste über die Ehrfurcht hinwegkommen, sonst würde das nicht funktionieren. Deshalb weiß ich gar nicht, ob das so gut wäre." Wenn nicht - halb so schlimm. Denn die Liste seiner Kooperationspartner ist bereits jetzt schon lang. Und sie wird stetig länger. Zum Beispiel am 16. März 2016. An dem Tag wird er bei dem Tribute "The Life & Songs of Kris Kristofferson" in der Bridgestone Arena in Nashville dabei sein - u.a. neben Dierks Bentley, Ryan Bingham, Trisha Yearwood und Willie Nelson. Ein erlauchter Kreis. Eric Church ist mittendrin.

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