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Der Jubel, der Johnny Cash und seine kürzlich erschienene Filmbiographie - "Walk The Line" mit Joaquin Phoenix als Cash und Reese Witherspoon als seine Frau June Carter in den Hauptrollen - umgibt, wirft folgende Frage auf. Warum stach Cash für Hollywood aus den Reihen der Country-Sänger, von denen die meisten von der Durchschnitts-Popkultur als musikalisch unaufgeschlossene Rednecks abgetan und parodiert werden, hervor? Zugegeben, Cash Lebensgeschichte ist mit filmreifen Dramen gefüllt: der Sohn eines Baumwollfarmers aus Arkansas, der ein Star wird, Platten mit Elvis aufnimmt, aber seine Drogenabhängigkeit, den Zerfall einer Ehe und eine Reihe persönlicher Tragödien überwinden muss, um an der Spitze zu bleiben. Ein Grossteil des Reizes aber den Cash für die linke Westküste und die Elite Culture im Allgemeinen ausmacht, ist politischer Natur: Fast als einziger unter den prominenten Country-Sängern bezog Cash die Protestpolitik der 1960er in seine Lieder mit ein. Diese Haltung half seine Kariere neu zu beleben und aufrechtzuerhalten und brachte überproportionales Lob für seine Musik - die neben der von anderen großen Country-Stars verblasst, besonders der seines Zeitgenossen Merle Haggard.

Der Schlüsselmoment in Johnny Cashs Transformation zu einer "Legende" und nicht nur zu einem weiteren Country-Sänger, war die Aufnahme seines geradezu als Markenzeichen verwendeten Songs "Man in Black" im März 1971. Bis dahin genoss Cash Erfolge, vor allem als Vorreiter für Rockabilly in den 1950ern für die in Memphis beheimateten Sun Records, wo er sich den Stars des tiefen Südens anschloss unter anderem Elvis Presley und Jerry Lee Lewis, die die amerikanische Popmusik revolutionierten. Seine Kariere überlebte die großen Veränderungen in der Popmusik in den 1960ern - von 1969 bis 1971 hatte er sogar seine eigene Fernsehshow. Aber als Country-Musik Hitproduzent blieb er verglichen mit George Jones, Conway Twitty und Haggard zweitklassig. Es war "Man in Black", das gegen Ende der Produktion seiner Fernsehshow veröffentlicht wurde, das ihm dauerhaften Ruhm brachte.

Durch dessen Aufnahme verkörperte Cash etwas, das die musikalische Linke immer gesucht hatte: einen "Mann des Volkes", der auch politisch korrekt ist. Cashs Stück beinhaltete alle Themen der Protestpolitik der 1960er, einschließlich des Wiederstandes gegen den Vietnam Krieg.

I wear black for the poor and beaten down,
(Ich trage Schwarz für die Armen und Niedergeschlagenen,)

Livin´ in the hopeless, hungry side of town,
(Die in einer hoffnungslosen und hungernden Gegend der Stadt leben,)

I wear it for the prisoner who has long paid for his crimes
(Ich trage es für den Gefangenen, der schon lange für seine Verbrechen gebüßt hat,)

But is there because he´s a victim of the times.
(Aber der dort ist, weil er ein Opfer der Zeiten ist.)

Well, we´re doin´ mighty fine, I do suppose,
(Also, es geht uns ganz gut, meine ich,)

In our streak of lightnin´ cars and fancy clothes,
(In unseren Flitzern und ausgefallenen Kleidern,)

But jut so we´re reminded of the ones who are held back
(Aber damit wir an die erinnert werden, die zurückgehalten werden,)
Up front there ought ´a be a Man in Black.
(Sollte vorne ein Mann in Schwarz sein.)

I wear it for the sick and lonely old,
(Ich trage es für die Kranken und die einsamen Alten,)

For the reckless ones whose bad trip left them cold,
(Für die Leichtsinnigen, deren Horrortrip sie kalt zurückgelassen hat,)

I wear the black in mournin´ for the lives that could have been,
(Ich trage das Schwarz in Trauer um die Leben, die hätten sein können,)

Each week we lose a hundred fine young men.
(Jede Woche verlieren wir hundert feine junge Männer.)
Es ist schwer zu sagen, ob Cashs Aufnahme von "Man in Black" mehr als ein Karriereschritt war. Aber es gibt zumindest einige Gründe es anzunehmen. Bereits 1964, zu einer Zeit als die Volksmusik und die Beatles früh Rocker wie Cash in den Schatten stellten, wandelte er sich zu einem thematisch aktuellen Volkssänger, der Songs wie "Ballad of Ira Hayes", ein Stück über die ungerechte Behandlung eines amerikanisch-indianischen Helden im 2. Weltkrieg, aufnahm. Aber "Man in Black" platziert Cash unverkennbar in das Lager der wütenden Protestsänger. Er machte sich das Image mit ganzem Herzen zueigen - etwa trug er immer lange schwarze Jacken anstelle des typischen unechten Schmuckes der Country-Stars.
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Während es im Leben von Johnny Cash eine Menge gibt, das neu und wert war gefeiert zu werden, müsste jeder objektive Drehbuchautor, der zwischen den Geschichten von Cash und Merle Haggard zu wählen hat, einfach "Hag" wählen, den einzigen anderen Nashviller Songwriter, der aus den 1960ern mit einer erkennbaren politischen Haltung hervorging. Das Timbre von Haggards stimmlicher Ausdrucksweise, seine hervorragenden musikalischen Fähigkeiten, die autobiographische Originalität seiner Texte, und die Tiefe der Emotionen in seinen Werken platziert ihn in eine erlesene Gruppe zusammen mit den größten unter den Country-Sängern - Jimmie Rodgers, Hank Williams und George Jones. Aber sein öffentliches Image ist für immer gekennzeichnet durch die Aufnahmen zweier hochgradiger Gegen-Gegenbewegungssongs aus dem Jahr 1969: "Okie from Muskogee" und "Fightin´ Side of Me".

"Okie" verteidigte die traditionelle Kultur:

We don´t smoke marijuana in Muskogee;
(Wir rauchen kein Marihuana in Muskogee ;)

We don´t take our trips on LSD;
(Wir machen unsere Trips nicht auf LSD ;)

We don´t burn our draft cards down on Main Street;
(Wir verbrennen unsere Wehrpässe nicht unten an der Hauptstraße;)

We like livin´ right, and bein´ free.
(Wir lieben es recht zu leben und frei zu sein.)

We don´t make a party out of lovin´;
(Wir machen keine Party aus der Liebe; )

We like holdin´ hands and pitchin´ woo;
(Wir lieben es Hände zu halten und vom Umwerben zu reden;)

We don´t let our hair grow long and shaggy,
(Wir lassen unsere Haare nicht lang und zottig wachsen,)

Like the hippies out in San Francisco do.
(Wie es die Hippies in San Francisco tun.)

I´m proud to be an Okie from Muskogee,
(Ich bin stolz ein Okie von Muskogee zu sein,)

A place where even squares can have a ball.
(Ein Platz, wo sogar Squares Spaß machen können,)

We still wave Old Glory down at the courthouse,
(Wir haben noch immer die Flagge der USA im Gerichtsgebäude,)

And white lightnin´s still the biggest thrill of all.
(Und White Lightning* ist noch immer der Größte aller Nervenkitzel.) *ein Whiskey
"Fightin´ Side of Me" war noch aggressiver, indem es die politische und kulturelle Linke anprangerte.
I hear people talkin´ bad,
(Ich höre Leute schlecht reden,)

About the way we have to live here in this country,
(über die Art wie wir hier in diesem Land leben müssen,)

Harpin´ on the wars we fight,
(über die Kriege, die wir schlagen, lästern,)

An´ gripin´ ´bout the way things oughta be.
(Und jammern darüber, wie die Dinge sein sollten,)

An´ I don´t mind ´em switchin´ sides,
(Und mir macht es nichts aus, wenn sie Seiten wechseln,)

An´ standin´ up for things they believe in.
(Und sich für Sachen, an die sie glauben, einsetzen,)

But when they´re runnin´ down my country, man,
(Aber wenn sie mein Land schlecht machen, Mann,)

They´re walkin´ on the fightin´ side of me.
(Sind sie auf meiner schlechten Seite,)

I read about some squirrelly guy,
(Ich habe über einen verrückten Typ gelesen,)

Who claims, he just don´t believe in fightin´.
(Der behauptet, er glaube nicht an das Kämpfen,)

An´ I wonder just how long
(Und ich wundere mich, wie lange)

The rest of us can count on bein´ free.
(Der Rest von uns damit rechnen kann, frei zu sein.)

They love our milk an´ honey,
(Sie lieben unsere Milch und unseren Honig,)

But they preach about some other way of livin´.
(Aber sie predigen über eine andere Lebensweise.)

When they´re runnin´ down my country, hoss,
(Aber wenn sie mein Land schlecht machen, Mann, )

They´re walkin´ on the fightin´ side of me.
(Sind sie auf meiner schlechten Seite.)
Es sollte mehr kommen, einschließlich "Working Man Blues" "I ain´t never been on welfare. That´s one place I won´t be." ("I war niemals ein Fall für die Wohlfahrt. Das ist etwas, was ich nie sein werde.") Trotz einer packenden Autobiographie aus dem Jahr 1981, Sing Me Back Home, wartet die Merle Haggard Story - nennen wir sie Okie - auf ihre Produktion.
Genauso wie Cashs Musik der von Haggard nicht das Wasser reichen kann, so ist das Drama von Haggards Leben ergreifender und bedeutender. Folgender Vorfall sagt viel darüber aus: Bei einem Fernsehauftritt mit Haggard erinnerte sich Cash an eines seiner bekannten typischen Gefängniskonzerte in San Quentin. Haggard bemerkte, dass er bei dem Konzert gewesen sei. Als Cash feststellte, dass er sich nicht erinnern könne, dass Haggard an diesem Tag auf der Künstlerliste gestanden wäre, erwiderte Haggard: "Ich war im Publikum, Johnny." Seine Geschichte ist eine klassisch amerikanische Geschichte von Sünde und Erlösung, gefüllt mit filmischen Szenen und natürlich von einem erstklassigen Soundtrack begleitet.

Haggard war der Sohn von Dust Bowl Migranten aus Chekotah, Oklahoma, die sich in Kaliforniens Central Valley (Bakersfield) niederließen. Geboren wurde er 1937 und verbracht seine frühesten Jahre in einem verlassenen Güterwagen, an den sein Vater einen Vorbau angeschlossen hatte. Haggards Vater, selbst ein Fiedelspieler im Stil des Western Swings, starb als der Junge neun war. Kurz danach begann er mit dem Schulschwänzen und kleineren Verbrechen, dies führte zu zwei Einweisungen in kalifornische Jugendstrafanstalten. Haggard erinnert sich später an diese Zeit in einem seiner vielen autobiographischen Songs, "Mama Tried": "Mama tried to steer me right, but her pleadings I denied. Now there´s only me to blame, ´cause Mama tried.". ("Mama versuchte mich auf den rechten Weg zu bringen, aber ihre Bitten habe ich ignoriert. Jetzt bin nur ich dafür verantwortlich, weil Mama es versucht hat.)".
Verflochten mit Haggard Leben der kleinen Verbrechen und des Ausreißens war ein frühes Interesse an der Musik. Als Teenager hatte er die Gelegenheit zwei Lieder für die Country-Größe Lefty Frizell vor einem seiner Konzerte zu spielen. Beeindruckt lud Frizell ihn ein für diese Show auf der Bühne zu erscheinen.

Später wandte sich Haggard gravierenderen Verbrechen zu. Eine Verurteilung für bewaffneten Raub im Alter von 20 Jahren resultierte in einer Strafe von 15 Jahren in San Quentin. Ab hier wird die Geschichte wirklich melodramatisch. Während er für sieben Tage in einen speziellen Isolationstrakt geschickt wurde, weil er einen illegalen Brauereibetrieb im Gefängnis gestartet hatte, sprach Haggard - durch eine Abzugsöffnung - mit Caryl Chessman, dem verurteilten Serienvergewaltiger, der als der "Red Light Bandit" (Räuber an roten Ampeln) Frauen in Los Angeles in den späten 1940er Jahren terrorisiert hatte. Die sich gut verkaufenden Gefängnisschriften von Chessman zu seiner eigenen Verteidigung hatten diesen zu einem Cause Célébre für die liberalen Todesstrafengegner werden lassen.Haggard identifizierte sich mit Chessman, einem ehemaligen bewaffneten Räuber, der ebenfalls Zeit in Jugendanstalten verbracht hatte. Genauso wie Chessman wurde Haggard in einem Fall von Personenverwechslung fast mit Vergewaltigungsanschuldigungen konfrontiert. In seiner Autobiographie schreibt Haggard: "In diesen sieben furchtbaren Tagen wurde ich endlich erwachsen. Ich wusste, wenn ich nicht einige drastische Veränderungen in meinem Leben vornehmen würde, würde ich dort enden, wo Chessman war - höchstwahrscheinlich ohne seine Anerkennung."

Haggard versteht diesen "einschüchternden" Moment als den Wendepunkt in seinem Leben. Musik und gute Führung führten zu einer frühen Entlassung - und diese Erfahrungen, einschließlich jener im Gefängnis, beeinflussten stark seine Musik. Einer seiner typischen Songs, "Sing Me Back Home", erinnern an Menschen wie Caryl Chessman, deren Gang zur Gaskammer er verfolgte. "The warden led a prisoner, down a hallway to his doom. I stood up to say goodbye like all the rest. And I heard him tell the warden as he paused outside my cell, ´Let my guitar-playing friend do my request.´". ("Der Aufseher führte den Gefangenen durch einen Korridor seinem Schicksal entgegen. Ich stand auf, um mich wie alle andern zu verabschieden. Und ich hörte ihn zum Wächter sagen, als er vor meine Zelle verweilte: ´Lass meinen gitarrespielenden Freund meinen Wunsch erfüllen.´"). 1972 erhielt Haggard eine vollständige Begnadigung durch den kalifornischen Gouverneur Ronald Reagan, und schließlich sang er "Okie" für Richard Nixon im Weißen Haus; angeblich erzählte Nixon anderen, dass er sich wie ein Okie gefühlt hätte.

Die Chancen gegen eine Aufbereitung von Haggards Leben durch Hollywood bleiben also hoch. Der Film würde immerhin aus Nixon und Reagan gute Menschen machen müssen. Aber die Grateful Dead nahmen "Mama Tried" auf und in den letzten Jahren tourte Haggard mit Bob Dylan. Also gibt es vielleicht eine Chance. Hoffen wir, dass es geschieht, solange der auch heute noch produktive Haggard lebt. Die größtmögliche Anerkennung kann nicht zu früh kommen.
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