Wenn man annimmt, dass die noch immer andauernde Reaktion auf die Kritik, die Natalie Maines 2003 an der Irak-Politik von Präsident George W. Bush übte, Schuld an diesem Hype hat, dann ist man wahrscheinlich noch zu jung, um sich daran zu erinnern, wie sich die Karriere der Beatles entwickelte. So angeregt diese Debatte zwischen Maines- und Bush-Anhängern bis jetzt auch war, sie verblasst im Vergleich zu dem Sturm der Entrüstung, der 1966 ausbrach, als John Lennon sagte: "Wir sind jetzt berühmter als Jesus."
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Die Country-Sender und Fans haben den Dixie Chicks zwar die Rute ins Fenster gestellt und ihnen die gelbe Karte gezeigt, doch im Vergleich zu den Repressalien, die der Lennon-Satz auslöste, war das gar nichts. Die Zeit damals war einfacher gestrickt, die Stimmung war noch nicht von den Vietnam-Protesten aufgeheizt - dazu würde es erst bei der Versammlung der Demokratischen Partei 1968 kommen - und so wurde eine andere Meinung noch nicht so einfach verdaut, wie es vielleicht der Fall gewesen wäre, wenn Lennon seine Bemerkung ein paar Jahre später fallen gelassen hätte.
Einige kirchliche Führungspersönlichkeiten zerrissen die Band regelrecht. Alben von den Beatles wurden bei öffentlichen Kundgebungen verbrannt.
Lennon stellte seine Bemerkung bald danach mit einer Entschuldigung klar, die zwar kaum zerknirscht, aber auch nicht kampflustig war. Es ist möglich, dass einige entrüstete Fans den "Fab Four" nie mehr vergeben haben, aber sie erholten sich trotzdem ganz gut. Die Band, die mit ihren Alben bereits sieben Erstplatzierungen im Trockenen hatte, erzielte in diesem Jahr, das für seine PR ein einziger Alptraum war, zwei weitere Top-Platzierungen, auf die noch 10 folgen sollten, darunter die Compilation "1." im Jahr 2000. Laut den Daten der Recording Industry Association of America (Verband der Musikindustrie in den USA) bleibt es die Band mit den meistverkauften Alben.
Abgesehen von den emotionalen Standpunkten bezüglich Politik, Religion und Krieg, besteht zwischen den Folgen des Lennon-Sagers und jenen, die auf den Anti-Bush-Kommentar von Maines folgten, ein großer Unterschied: Die Beatles überstanden den Tumult, ohne dass sich die Sender, die ihre Musik spielten, von ihnen distanziert hätten. Die Country-Sender haben mit Boykotten vielleicht öl ins Feuer gegossen, doch die Dixie Chicks haben diese Flammen mehr als einmal zu löschen versucht.
Wenn wir uns jetzt also diesen Unterschied von 33 Prozent zwischen dem Start dieses Albums und dem besseren Start, den die Band 2002 mit "Home" hinlegte, ansehen, stellt sich die Frage, inwieweit dieser Rückgang darauf zurückgeführt werden kann, dass konservative Republikaner das Trio auf Eis gelegt haben. Bis zu welchem Grad kann diese Differenz außerdem mit der Tatsache erklärt werden, dass "Home" bei seiner Markteinführung bereits zwei Hits im Country-Radio zu verzeichnen hatte, während die ersten zwei Songs von "Taking the Long Way" in dem Medium, das den Dixie Chicks die größte Bühne gibt, auf eine verhaltene Reaktion gestoßen sind?
Wie viele dieser mehr als eine halbe Million Käufe von "Taking the Long Way" waren wiederum Unterstützungsgesten? Wie viele Menschen haben zum ersten Mal ein Country-Album gekauft, weil sie der Politik der Chicks zustimmen und mit der Band, die diesen Rückschlag erfuhr, sympathisieren?
Angesichts der umfassenden Presseberichte über dieses bevorstehende Album und der beträchtlichen Fangemeinde des Trios, lautete die Frage nie, ob die Dixie Chicks eine starke Eröffnungswoche hinlegen. Sie haben seit 1998 24 Millionen Alben verkauft, nachdem sie mit "Wide Open Spaces" vom Independent-Sektor zu Sony Music Nashville siedelten.
Das bringt sie seit dem Start von Nielsen SoundScan 1991 im Vergleich mit allen verzeichneten Bands auf Platz 31 in der Rangliste der gesammelten Albumverkäufe, mehr als Country-Künstler wie Brooks & Dunn Faith Hill oder Kenny Chesney in ihren längeren Karrieren verkauft haben. Von den 30 Bands, die ihnen voraus sind, sind nur die Debut-Alben von Eminem (32 Millionen), Britney Spears (28 Millionen) und Creed (25 Millionen) erst nach 1998 veröffentlicht worden.
Die wichtigere Frage ist, wie lange der Atem dieses Albums sein wird, vor allem, wenn die Country-Sender das ganze aussitzen wollen. "Home" erzielte die beste Verkaufswoche in der Karriere der Chicks, aber seine Verkäufe - 5,8 Millionen - hinken hinter den SoundScan-Zahlen für frühere Alben wie "Wide Open Spaces" (8,4 Million) und "Fly" (8,2 Million) 1999 nach.
Wann ging der Verkauf für "Home" zurück? Im März 2003, ungefähr gleich nachdem sich Maines mit ihrer Bemerkung ins Fettnäpfchen gesetzt hatte.