Was hat Country-Gigant "12 Songs" zu einem rauschenden Comeback verhalf. Verständlich also, wenn viele Insider diesen Frederic Ray Rubin, wie er bürgerlich heißt, sogar für den wichtigsten Produzenten dieser Tage halten. Doch wie kam ausgerechnet dieser Mann, der als Gründer des Def-Jam-Labels aus einer ganz anderen, nämlich der HipHop-Ecke stammt, ausgerechnet dazu eine Country-Legende wie Cash mit den legendären "American Recordings" zurück ins Rampenlicht zu holen? Mehr noch: Den Dixie Chicks verpasste Rubin gerade für ihr aktuelles Nummer-Eins-Album "Taking The Long Way" den rockigsten Sound, denn sie je hatten.

Nun - Rick Rubin ist das Musterbeispiel für eine neue Generation kreativer Produzenten, die auf diversen Hochzeiten tanzen und aus ihren Flirts mit anderen Stilrichtungen die Country-Szene befruchten. An Beispielen herrscht kein Mangel: Nashville-Star Dann Huff, Produzent von Country-Größen wie Wynonna oder Keith Urban ist mit seinen überragenden Gitarren-Künsten auch bei so unterschiedlichen Acts wie Madonna bis Whitesnake und zuletzt sogar beim neuen Album der deutschen Softpopper von Pur extrem angesagt.

Bevor sich Bass-Gitarrist und Toto-Gründungsmitglied David Hungate beim großen Chet Atkins an die Studio-Regler setzte, war er für so unterschiedliche Künstler wie Bryan Adams, Greg Lake, Barbra Streisand oder die Pointer Sisters im Einsatz. Der Texaner Keith Stegall schrieb Jahre lang Pop-Kompositionen - unter anderem für Al Jarreau - bevor er seinen Busenfreund Alan Jackson produzierte.

Weil Musikproduzenten den Sound in etwa so steuern wie Regisseure ihre Filme, machen sich in der Countrymusic seit Jahren vor allem Rock-Einflüsse breit. Eine - durchaus belebende - Liaison mit der Massentauglichkeit also, die Chet Atkins und Owen Bradley Mitte der 1950er-Jahre erstmals vorführten, als sie den noch rauen Nashville-Sound mit weicheren Klängen, weniger Banjos und sanften Chören für die Hitparaden zähmten. Gedacht war dieser Kunstgriff als Antwort auf den damals heftig konkurrierenden Rock´n´Roll. Doch erstmals wurde dabei auch die Macht der Musik-Produzenten auf das Soundformat deutlich, was Stars wie Willie Nelson oder Waylon Jennings später in ihr musikalisches "Outlaw"-Dasein trieb.

Dabei schlug das Pendel dieses Klangstylings auch schnell auf die Gegenseite aus: Nachdem ein gewisser Bob Dylan mit seinem 1968 in Nashville produzierten Album "John Wesley Harding" die Country-Sounds für Rock, Pop und Folk entdeckte, ging das von den Byrds unter dem Einfluss von Gram Parsons produzierte "Sweetheart of the Rodeo" als erstes "Country-Rock"-Album in die Musik-History ein. Mit seinem Erfolgsfilm "Urban Cowboy" löste John Travolta dann Anfang der 80er einen weltweiten Country-Boom aus. Damit war das Feld für eine ganz neue Generation von Country-Virtuosen in den 1990ern bereitet: Dwight Yoakam, Randy Travis, Garth Brooks oder Steve Earle, die tief im Country verwurzelt waren, begannen hart am Pop zu segeln und strickten daraus mit ihren Produzenten einen neuen Nashville-Crossover, der teilweise die Erfolge von Megasellern wie Madonna oder Michael Jackson übertraf.

Session-Drummer wie Vinnie Colaiuta (ehemals Zappa, Sting), John Robinson (Chaka Khan) oder Eddie Bayers (Stevie Winwood) - in Pop wie Country gleichermaßen zuhause - lieferten treibende Rhytmen auf denen Fingerpicking wie auch weibliche Country-Stimmen prächtig gediehen. Ein Strickmuster, das von Rick Rubin auch beim aktuellen Dixie-Chicks-Longplayer eindrucksvoll funktioniert, auf dem sich neben aller Abwechslung auch viele sensible, nachdenkliche Momente finden. Produzierenden Saitenhexern wie Dann Huff ist es zuzuschreiben, dass bei Gitarrensoli heute eher Rock-Spielarten dominieren. Das perlende Fingerpicking eines Vince Gill ist in den letzten Jahren immer stärker zugunsten ausladender Rocksoli verschwunden, wie es Huff beispielsweise bei der Wynonna-Nummer "Free Bird" perfekt vollführt.

Weil heute auch die Musiker und Produzenten Nashvilles Global Player sind, dürfte die Entwicklung weiterhin spannend bleiben. Das Schönste: Vergangene Spielarten geraten nicht in Vergessenheit und im Zweifelsfall sollte auch für die Countrymusic jener berühmte Satz gelten, der Klassik-Legende Leonard Bernstein zugeschrieben wird. Darauf angesprochen, weshalb er die Beach Boys ähnlich hoch einschätze wie Beethoven soll der Meister erklärt haben: "Es gibt eben keine E- und U-Musik, sondern nur gute oder schlechte."

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