Van Morrison - Astral Weeks (Expanded Edition)

CD Cover: Van Morrison - Astral Weeks (Expanded Edition)

In den Windschatten der Viadukte eines Traumes habe er sich gewagt, gibt ein junger Mann kryptisch kund: "If i ventured in the slipstream between the viaducts of your dream". Es sind die ersten Zeilen des ersten Stücks von "Astral Weeks", dem Titelsong von Van Morrisons zweitem Album. Beinahe 47 Jahre nach Erstveröffentlichung erscheint dieser zeitlose Klassiker, der Folk, Jazz und Blues mit impressionistischen Texten verbindet, in einer remasterten Version, auf CD als schicke Vinyl-Replika mit ausführlichen Liner Notes. Dazu kommen als Bonustitel vier Alternativ-Versionen.

"Brown Eyed Girl" war ein Top-10-Hit für den nicht einmal 22jährigen Nordiren gewesen, doch Soul, Rock und Rhythm & Blues interessierten den Ex-Them-Frontmann nun nicht mehr. "Astral Weeks" war im November 1968 sein eigentliches Debüt, veröffentlicht ein Jahr nach "Blowin' Your Mind!" Das erste Soloalbum war eine lieblose Zusammenstellung von als Singles intendierten Songs gewesen, ohne Morrisons Zustimmung veröffentlicht und mit einem abscheulichen braun-gelben Hippie-Cover versehen.

Der Sänger wechselte zu Warner Bros. und traf sich an drei Tagen im September und Oktober 1968 im New Yorker Studio mit einem Jazz-Quintett. Morrison hatte einen akustischen Sound schon im Trio in den Cafés und Bars von Boston ausprobiert und so die Grundlage für das Setting von "Astral Weeks" gelegt. Aus diesem Trio stammte Flötist John Payne, zu denen sich weitere, Jazz-geschulte Begleitmusiker gesellten. Perkussionist Warren Smith, Jr. und Gitarrist Jay Berliner hatten schon mit Charles Mingus gespielt, Connie Kay war Schlagzeuger im Modern Jazz Quartet. Heimliche Leader dieser Sessions war Eric Dolphys Bassist Richard Davis, dessen melodiöser Sound den Song "Sweet Thing" einläutet.

Das grundlegende Album des Folk-Rock, wie es ein Kritiker bezeichnete, entstand aus erweiterten Jamsessions, bei denen der menschenscheue Morrison den Musikern so gut wie keine Anweisungen gab oder überhaupt mit ihnen redete. Keine Spur mehr von den ungestümen Gitarren der Them-Zeiten, stattdessen findet sich hier empfindsamer, poetischer Folk mit subtilen keltischen Einflüssen, getränkt in jazzige Arrangements. Keiner der Songs folgt einem herkömmlichen Strophe-Refrain-Strophe-Schema, die acht Stücke mäandern traumgleich vor sich hin und bieten Morrisons außergewöhnlichem Gesang Raum, der einem Stream-of-Consciousness gleich seinen Gedanken freien Lauf lässt. Die meisten Songs sind first takes, live aufgenommen und später mit Overdubs eines Streichquartetts versehen.

Van Morrison hatte zwischen den Veröffentlichungsterminen der ersten beiden Alben geheiratet und war an die Ostküste der USA gezogen. Nun vertonte er melancholische Erinnerungen an seine Heimat Nordirland. "The songs are little poetic stories I made up and set to music", sagte der Künstler selbst über "Astral Weeks". Imaginierte Spaziergänge durch Belfast, bei denen er auch die "Cyprus Avenue" durchwandert, einen Sehnsuchtsort aus seiner Jugend. Das Cembalo gibt dem gleichnamigen Song seine unverwechselbare Klangfarbe, so wie es im bittersüßen "Beside You" die Flamenco-Gitarre von Jay Berliner ist. An dessen Ende brüllt Morrison die Worte "Beside You" beinahe heraus. Überhaupt: dieser unglaubliche Gesang! Mal ist es fast Jazz-Scatting, dann wieder säuselt und haucht er.

Die acht Kompositionen wirken, als habe die Band sie in genau dieser Reihenfolge hintereinander eingespielt, nur ein einziger Song will nicht so recht passen: den energetischen Big-Band-Sound von "The Way Young Lovers Do" betrachtete sogar Morrison selbst im Nachhinein als fehlplatziert zwischen den kammermusikalisch-gedämpften Stücken.

Das fast 10minütige "Madame George" bezeichnete Morrison Mitte der 70er Jahre dagegen als seinen besten Song überhaupt. Die auf dem Reissue zu hörende alternative Version kommt ganz ohne Orchestrierung aus, gibt der brillanten Komposition mehr Raum zum Atmen, und ist in der Betonung auf Vibraphon und Gitarre beinahe überlegen.

Fünf Minuten am Ende von "Slim Slow Slider" fehlten angeblich auf der fertigen LP, nun sind immerhin noch 90 wunderbare Sekunden nach dem harschen Fade-Out auf dem Original-Album zu hören, dominiert vom Sopransaxophon John Paynes. Allein diese kurzen, jazzigen Momente machen die Neuauflage zum Pflichtkauf für Van-Morrison-Anhänger.

Fazit: Traumgleicher Folk und Blues, getränkt in jazzige Arrangements, überlagert von der unglaublichen Gesangskunst Van Morrisons: "Astral Weeks", Ende der 60er Jahre kommerziell wenig erfolgreich, zählt mittlerweile vollkommen zu Recht zu den ganz großen Alben der Rock-Geschichte.

Label: Warner Bros / Rhino (Warner) VÖ: 30. Oktober 2015
01 Astral Weeks
02 Beside You
03 Sweet Thing
04 Cyprus Avenue
05 The Way Young Lovers Do
06 Madame George
07 Ballerina
08 Slim Slow Slider
09 Beside You (Take 1)
10 Madame George (Take 4)
11 Ballerina (Long Version)
12 Slim Slow Slider (Long Version)

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