Charley Crockett - The Man from Waco

CD Cover: Charley Crockett - The Man from Waco

Charley Crockett würdigt "The Man from Waco" und bestätigt erneut seine Klasse

Jedes Jahr ein neues Album. Mindestens. Charley Crockett, der schlacksige, bärtige Texaner mit den stechenden Augen dürfte der derzeit produktivste Act im Country und Americana sein. Kaum kennt man die Songs eines neuen Crockett-Albums gut genug, um sie mitpfeifen zu können - schon wirft er ein Neues auf den Markt. Sein Tatendrang ist unstillbar. Das wird noch bewundernswerter, wenn man sich klar macht, dass der Mann nahezu täglich irgendwo in Nordamerika auf einer Bühne steht.

Kein Club, keine Halle, kein Open Air ist vor ihm sicher. Gut für ihn - und gut für jeden Veranstalter. Denn Charley Crockett, der jahrelang mit Alkohol- und Drogenproblemen zu kämpfen hatte und zeitweise obdachlos war, hat sich zu einem Act mit Qualitäts-Garantie gemausert. Man weiß, was man von ihm bekommt. Man wird nicht enttäuscht.

Charley Crockett bürgt für Qualität

Das gilt auch für seine Alben. Er wird, das darf man ruhig so sagen, eigentlich mit jeder weiteren CD besser. Mit jeder Neuveröffentlichung findet er mehr zu sich und seinem eigenen Sound - was aber nicht heißt, dass man ihn stilistisch einordnen könnte. Das nicht. Das auf keinen Fall! "Ich habe viele Jahre Straßenmusik gemacht", erzählt er uns in einem kürzlich geführten Telefonat, "ich bin an jeder Straßenecke gestanden. Hier habe ich Country gespielt, da Folk, woanders Pop und in Gegenden wie New Orleans habe ich natürlich Jazz-Standards gespielt. Die Straße ist mein Lehrmeister. Du musst einiges zu bieten haben, damit die Leute stehen bleiben und dir zuhören."

Das hat er hinbekommen, das hat er gelernt. Diese Erfahrung macht er sich nun auch für seine Alben und Tourneen zunutze, indem er mit den Stilrichtungen jonglieren kann wie ein Zirkuskünstler. Mit leichter Hand vermengt er die Zutaten, wobei der Bodensatz bei fast jedem der neuen 15 Tracks von "Man From Waco" aus Roots-Country oder Folk besteht. Abgeschmeckt mit einer guten Prise Nostalgie und augenzwinkernder Ironie. Genau diese Mixtur macht Charley Crockett so sympathisch.

Sicher, er ist kein superbegnadeter Shouter. Seine Stimmgewalt hält sich in Grenzen, sein Umfang von oben nach unten ist überschaubar. Schlau wie der Kerl aber ist, versucht er gar nicht mit Stimm-Power zu glänzen. Im Gegenteil. Er macht aus der Not eine Tugend und bleibt stimmlich immer in seinem ihm angestammten Terrain - eine Stimmlage, die er souverän zu bedienen weiß. Und die gerade in staubigen Wild-West-Oden wie "Black Sedan" ausgezeichnet zur Geltung kommt. Überhaupt findet sich so manche Reminiszenz an die Frontier-Tage, an die alten Cowboys, an die alten Filme. Der Titeltrack beispielsweise klingt ganz so, als ob er aus einem John Wayne-Streifen entstammen würde. Oder etwa nicht? "Doch, damit liegst du völlig richtig", lässt er durch das Telefon verlauten, "ich habe mich für den Track von dem alten James Stewart-Western "The Man From Laramie" inspirieren lassen. Deshalb klingt er wohl auch so sehr retro."

Mit "The Man from Waco" erinnert er an Billy Joe Shaver

Inhaltlich aber setzt er woanders an: "Waco ist eigentlich keine sonderlich beliebte Stadt in Texas", sagt er, "doch wir sind schon so oft da durchgefahren, also habe ich mir gedacht, es ist an der Zeit, diesen Ort mal etwas zu würdigen. Und nachdem Billy Joe Shaver da gelebt hat und 2020 in Waco gestorben ist, hatte ich einen weiteren guten Grund für den Song." Zünftige Wild-West-Klänge sind aber nur die eine Seite seiner CD-Medaille. Die andere präsentiert so manche musikalische Überraschung. Beispielsweise "Trinity River". Ein Song mit Bläsern, mit komplexeren Akkorden-Progressionen, mit synkopierten Beats, kurz: ein Song mit Jazz-Feeling - und damit nicht weit entfernt vom Lyle Lovett-Sound, wenn dieser mit seiner Large Band loslegt. Sieht er das ähnlich? Fehlanzeige! Er kennt Lyle Lovett nicht einmal. Konfrontiert man ihn aber damit, dass "Just Like Honey" etwas von Dylan und das hintergründig-verschmitzte "I'm Just a Clown" von Lee Hazlewood haben, bekommt man ein hocherfreutes "I appreciate that" zu hören. "Diese Vergleiche ehren mich."

Vor allem letzterer, mit Lee Hazlewood. Mit dem 2007 verstorbenen Country- und Easy-Listening-Troubadour scheint er sich verbunden zu fühlen. "Lee konnte man auch nie auf eine Stilrichtung festlegen. Er hat auch einfach sein Ding gemacht - und auch er ließ die anderen rätseln, was das denn jetzt sei." Er macht´s nicht anders. Und er macht es gut.

Fazit: Neues von Charley Crockett. Kaum ein anderer Country- und Americana-Act füttert seine Fangemeinde so fleißig, wie der hagere Texaner. Auf "The Man from Waco" läuft er dazu erneut zu Hochform auf.

Label: Son of Davy / Thirty Tigers (Membran) VÖ: 9. September 2022
01 The Man from Waco Theme
02 Cowboy Candy
03 Time of the Cottonwood Trees
04 Just Like Honey
05 I'm Just a Clown
06 Black Sedan
07 The Man from Waco
08 Trinity River
09 Tom Turkey
10 Odessa
11 All the Way from Atlanta
12 Horse Thief Mesa
13 July Jackson
14 The Man from Waco Theme
vgw
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