Joe NicholsEs ist jetzt sieben Jahre her, dass Joe Nichols sein erstes Album "Man with a Memory" veröffentlicht hat. Somit scheinen sich Fans und ebenso die Musikbosse sicher zu sein, dass sie mit diesem Künstler und mit dem, was er verkörpert, alles richtig gemacht haben.

Aber mit der Veröffentlichung seines sechsten Albums "Old Things New" am 27. Oktober 2009 in den USA, stellt Nichols alle seine alten Vorstellungen und sich selbst in Frage, und zwar hauptsächlich, indem er sich auf eine Art und Weise forderte, wie er es noch nie zuvor getan hatte. Nach seinen selbstzerstörerischen Alkoholexzessen wurde dem Gewinner des CMA Horizon Awards 2003 klar, dass sich seine Einstellung zu seiner Musik drastisch verändert hat. Wie sein neues Album zeigt, hat die Stimme an Überzeugungskraft gewonnen und seine Auftritte ziehen die Menschen heute mehr denn je in ihren Bann. Seine erste Tour durch Australien begann im Februar 2009, seine ersten Auftritte vor US-Truppen im Irak fanden im Juni 2009 statt, in Europa hatte er Premiere bei der Country Night Gstaad 2005 und dann stimmte er zu, zum ersten Mal am Broadway eine Rolle in einer Theaterversion des Musicals "Pure Country" von George Strait zu spielen, das voraussichtlich Anfang 2010 Premiere hat.

“Ich bin heute offener für solche Dinge als jemals zuvor”, sagt Nichols während eines Gesprächs an einem sonnigen Nachmittag bei Universal Records South. "Vor einer Tour durch Australien, zum Beispiel, hätte ich früher große Angst gehabt. Ich hätte möglicherweise einfach gesagt 'nein danke, Australien ist nichts für mich'. Mein Gott, was haben wir denn mit denen schon gemeinsam? Solche und ähnlich dumme Dinge hätte ich möglicherweise gesagt."

CD Cover: Joe Nichols - Old Thing New"Old Things New" zeigt definitiv einen großen Schritt in der Entwicklung dieses Künstlers. Es wirkt in gewisser Hinsicht wie ein Abwägen der Moderne mit einer gehörigen Portion Respekt gegenüber der Geschichte der Country-Musik. Der Titelsong, geschrieben von Bill Anderson, Paul Overstreet und Buddy Cannon, mit Vince Gill als Sänger, erinnert lebhaft an Hörerlebnisse aus dem Jahr 1952; "This Bed’s Too Big," von Gary Burr und Victoria Shaw hat Elemente aus den Balladen des Western Swing; und "Man, Woman," von Shawn Camp und Marv Green, ist eine Reminiszenz an die Country-Musik der 70er Jahre, mit traurigen Texten, die in eine lebhafte Melodie eingebettet sind.

Nichols bringt das alles überzeugend rüber und sein Gesang pendelt zwischen kultivierter Männlichkeit wie bei Merle Haggard und purer Emotionalität wie bei Keith Whitley. In diesem Prozess steckt der aus Arkansas stammende Musiker Territorien ab, die innerhalb der Landschaft der modernen Country-Musik einzig und allein ihm gehören, wobei ihm bei diesem Anspruch immer noch leicht unbehaglich zumute ist.

"Es ist schwer, sich selbst zuzuhören und zu sagen, 'Hej, das gehört mir, das bin ich'", gibt er zu. "Wenn ich mich selbst höre, frage ich mich, 'habe ich das jetzt wie Merle Haggard gesungen? Habe ich es so gesungen, als wollte ich ihn imitieren? Oder habe ich eher versucht, Keith Whitley zu imitieren? Oder, so ganz neben bei überlegt, bin das wirklich ich?’"

"Und da gibt es noch eine andere Sache," grübelt Nichols. "Es gibt Lieder auf diesem Album, die sich nach keinem von uns Dreien anhören. Aber es kommt immer völlig natürlich von mir. Es gibt viele Momente wo ich denke, 'Wow, das klingt ja echt cool. Ich wusste gar nicht, dass ich das kann.' Es ist wirklich sehr seltsam mit diesem Album. Es ist völlig anders als alles, was ich bisher durchgemacht habe, vermutlich deshalb, weil ich jetzt in einer anderen mentalen Verfassung bin."

Diese Tatsache tritt im letzten Titel des Album "An Old Friend of Mine" von Rick Tiger und Brock Stalvey klar zutage, in dem die Hauptperson zu dem greift, was er sich als sein letztes Getränk ausmalt. Dieses Lied trifft den Kern ganz besonders, da sich Nichols 2007 in einen Entzug begab, Wochen nach der Veröffentlichung des "Real Things" Albums und dort begann er, sein Leben wieder zu ordnen.

Joe Nichols, Foto: Eric WelchSeitdem hat er eine grundlegende Veränderung durchgemacht. Nichols ist heute dünn und muskulös. Er beschäftigt sich viel mehr mit der spirituellen Seite seines Lebens.
Außerdem zog er nach Texas, was seiner Frau Heather ermöglichte, näher bei ihrer Familie zu sein und zusätzlich wichtige Distanz zwischen seinem Alltagsleben und seiner Karriere schuf.
"Er fühlte sich einfach im Einklang mit sich selbst,” sagte Mark Wright, Präsident von Universal Records South, der "Old Things New" zusammen mit Brent Rowan produziert hat. "Es fiel ihm einfach alles leichter und er war besser drauf. Joe Nichols ist zurück und er ist besser als je zuvor."

Diese positiven Veränderungen in Nichols Leben sind an einigen Neuerungen, die er in seinem Album vornahm, zu erkennen. Ursprünglich sollte der Anfangstitel "Cheaper than a Shrink" sein. Komponiert von Anderson, Cannon und Jamey Johnson, hält diese laute Spelunkennummer Alkohol mit einem Augenzwinkern für den idealen Ersatz für eine Therapie. Lyrisch jedenfalls wirft es viele neue Fragen zum Thema Glaubwürdigkeit des ernsten und besinnlichen letzten Liedes auf. Aus genau diesem Grund hat sich Nichols entschieden, die Reihenfolge zu ändern und "Cheaper than a Shrink" von der ersten Position zu entfernen.

"Ich möchte nicht vermitteln, dass ich den Mann, der das letzte Lied des Albums singt, nicht ernst nehme," erklärt er. "Ich finde, dass 'Cheaper than a Shrink' ein heiteres Lied ist. Ich finde es witzig. Es ist ein Lied voller Gefühle. Ich denke nicht, dass es schädlich ist zu sagen, dass dies eine lustige Art und Weise ist, die Situation zu sehen. Ich selber war so ein Mensch.”

"Dieser Typ" lebt zwar immer noch, betont Nichols, aber nur in der Vergangenheit. Dafür, bemerkt er, "kann ich darüber singen, acht Kinder zu haben. Ich habe zwar keine acht Kinder. aber ich kann ja darüber singen. Und ich kann dabei trotzdem glaubwürdig sein."

Ebenso wie in seiner Musik, hat Glaubwürdigkeit bei seiner Entscheidung, die Hauptrolle in "Pure Country" zu übernehmen, eine wichtige Rolle gespielt. Nicht nur, dass Nichols noch nie vorher geschauspielert hat, er hat noch nicht einmal das starke Verlangen gehabt, es zu versuchen. Aber als Bruce Phillips, ein Anwalt mit dem er befreundet ist und der an Verträgen für die Broadway-Produktion arbeitete, zufällig Nichols in einem Lebensmittelgeschäft in Nashville traf und ihm vorschlug, er könne sich selbst in dem Stück ausprobieren, hat Nichols die Würfel rollen lassen und sich dafür entschieden. Trotz der Tatsache, dass er nie Schauspielunterricht hatte, nahm er an, dass er sich zumindest in diesem ihm bekannten Bereich in die Produktion mit einbringen könnte, da die darzustellende Figur ein Country-Sänger ist. Der Regisseur Pete Masterson hörte ihm mit einigen anderen Schauspielern, die in New York bereits etabliert waren und die an diesem Morgen ebenfalls für diese Rolle vorsprachen, zu. Nichols Auftritt beeindruckte ihn jedoch so stark, dass er dem Künstler bereits am gleichen Tag, gleich nach dem Mittagessen, die Rolle anbot.

"Er hat etwas von einem liebenswürdigen Bad Boy – den man so oder so mag." sagt Masterson. "Ich finde das toll. Und genau das ist es, was wir in unserer Produktion mit ihm gemeinsam versuchen werden herauszufinden."

Joe Nichols, Foto: Eric WelchZahlreiche Komplikationen ergeben sich in jeder Produktion, die das Ziel verfolgt, am Broadway mitzuwirken, insbesondere wegen der Unvorsehbarkeit der Zeitpläne für die Stücke und die Theater, die diese präsentieren. "Pure Country," in dessen Besetzung ebenso die zweifache Gewinnerin des CMA Awards Lorrie Morgan ist, könnte später als geplant starten, könnte sofort starten und sofort wieder beendet werden oder könnte gestartet und viele Jahre gespielt werden. Falls das Stück tatsächlich erfolgreich starten sollte, würde der Zeitplan acht Vorstellungen pro Woche vorsehen, mit einem nicht genau datierten Ende. Selbst ein erfolgreicher Start könnte dann bei Nichols Versuchen, seine ursprünglichen Ziele zu verfolgen und als Tontechniker und Tourmanager zu arbeiten, zu Problemen führen.

"Viele dieser Dinge stellen potentielle Gefahren dar," gibt er zu. "Sie führen zu Risiken und machen alle ein wenig nervös. Aber ich glaube fest daran, dass es das aus einem guten Grund gibt."

Der alte Nichols hätte höchstwahrscheinlich so etwas wie "Pure Country", was so anders ist als seine bisherigen Erfahrungen, nicht weiter verfolgt. Aber indem er aus alten Dingen gelernt hat, ist er bereit für eine neue Herausforderung.

"Ich werde alles versuchen," bekräftigt er. "Solange es gesund für mich ist und solange es weiter geht, bin ich bereit, mir die Möglichkeiten, die ich habe, anzuhören.

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