Hank Williams Jr.: Der lange Weg von der Rose Avenue zur Gulf Shore Road

Hank Williams JrHank Williams Jr. war bereits mit 30 ein altgedienter Entertainer. Er lernte nicht nur bei Meistern wie Johnny Cash und Earl Scruggs, sondern trug auch das von seinem berühmten Vater hinterlassene Musikerbe weiter. Und er vergaß dabei nie die Lektionen, die er gelernt hatte, unter anderem sich selbst stets treu zu bleiben und dabei nicht zu vergessen, das Leben zu genießen.

So versteht man auch die spezielle Mischung aus Country-Spaß und Selbsterkenntnis, dazu ein gewisses Maß an politischer Meinung, die in seinem neuesten, bei Curb Records erschienenen, Album "127 Rose Avenue" zum Ausdruck kommt. Seine erste Single, "Red, White & Pink-Slip Blues", geschrieben von Mark Stephen Jones und Bud Tower, erschien zum Beispiel scherzhafterweise am 15. April, einem Datum, das für viele Amerikaner mit schmerzhaften Erinnerungen verbunden ist. "Wir haben heute die höchste Arbeitslosenzahl, die wir je hatten" erklärt Williams. "Ich bin sehr stolz auf das Lied und das Video: Da sitzt dieser Kerl in dem 59er Cadillac von Merle Kilgore [Williams verstorbenem Manager] und erzählt seinem Labrador alle seine Probleme. Die Fans lieben das einfach!"

In Verbindung mit diesem Wirtschaftsthema organisierte Williams Plattenlabel einen Wettbewerb, zeitgleich zum Erscheinungsdatum der Single, in dem er selbst den Preis stiftete. "Wir nannten es die 'Rettungsaktion für Bosephus'", sagt Jeff Tuerff, Vizepräsident für Marketing von Curb Records. "Wir brachten die Single am 15. April heraus und schufen eine Website, die die Premiere der Single zeigte. Die Radiostationen erhielten sie am gleichen Tag und sie sorgten dafür, dass die Website massenhaft besucht wurde. Wir ließen die Fans auch darüber abstimmen, was sie von dem Song hielten und was Hank für sie bedeutet. Wir erhielten tausende von Einträgen, viele von ihnen forderten, dass Hank als Präsident kandidieren muss!" (Das Echo war so stark, dass wir den Besuchern der Homepage zusätzlich die Frage "Sollte Hank Jr. als Präsident kandidieren?" zur Abstimmung mit Ja oder Nein vorlegten. Es wurde mit überwältigender Mehrheit mit "Ja" gestimmt).

Schon in der ersten Woche online kamen laut Tuerff mehr als 10.000 Besucher auf BocephusBailout.com. Auf der Website hat man Zugriff auf einen Hank Jr. Player, mit einem Katalog älterer Songs dieses Künstlers sowie auf das Video "Red, White & Pink-Slip Blues". "Der Song erreichte die Top 10 auf CMT" sagt Tuerff. "Wir waren auch sehr präsent auf iTunes. Sein Auftritt bei 'Fox & Friends' führte zu einer ganzen Menge Aufrufe bei YouTube und das wiederum einige Wochen später zur Veröffentlichung des Musikvideos, was das Echo bei den Verbrauchern weiter anfachte".

Die Aktion lief sechs Wochen, mehr als 25.000 schrieben sich beim Wettbewerb ein, die Preise waren 1.000 Dollar in bar, zusätzlich 1.500 Dollar für Reisekosten und Hotelunterbringung am Auftrittsort eines Williams-Konzerts, beste Plätze im Konzert und ein Backstage-Empfang während der Show, eine "Sammler-Box" mit drei Williams-CDs, eine Limited-Edition "Monday Night Football" Gitarre und eine handsignierte Ausgabe des Albums "Red, White & Pink-Slip Blues".

Außer der sehr emotionalen Single bietet "127 Rose Avenue" weiteres Material, angefangen bei dem lustigen Country Rap des "Farm Song", geschrieben von Rick J. Arnold und Williams, mit dem Pedal Steel Guitar Virtuosen Robert Randolph bis hin zu dem aufrüttelnden Titel von James Carson Chamberlain, Phil Barnhart und Michael White "Sounds Like Justice". Obwohl von John Scott Sherrill und Don Poythress geschrieben, ist der Titel "Mighty Oak Trees" ein sehr persönlicher Tribut an alle Mentoren von Williams. Und der Titelsong, geschrieben von Bud McGuire, Kim Williams und Ray Hood, ruft durch seine Texte weitere Erinnerungen wach, denn sie dokumentieren einen Besuch im 'Hank Williams Boyhood Home & Museum', dem Haus in Georgiana, Alabama, in dem Hank Williams Sr. aufwuchs.

"Ich konnte es einfach nicht glauben, als ich zum ersten Mal "127 Rose Avenue" hörte" sagt Williams. "I sagte nur, 'Wow, was für ein Song! was für ein Text!' Und dann stieß ich auf die wahre Geschichte, als der Kerl da hinunter ging und durch das Museum lief und seine Erfahrungen machte, und das ist der Grund, warum ich den Song schrieb. Ich sagte 'Genau, das ist es. Das werde ich einspielen'. Wissen Sie, die Leute bei Curb wollten das Album zuerst "Red, White & Pink Slip-Blues" nennen, aber ich sagte ihnen 'Nein, Der Albumtitel muss "127 Rose Avenue" heißen'".

Mit Doug Johnson als Koproduzent begann Williams im Frühjahr 2008 am Album zu arbeiten. Sie ließen sich Zeit- "Wir spielten ein paar Sachen ein, warteten ein paar Monate und spielten ein paar weitere ein" erklärt der Singer/Songwriter — aber sie reagierten schnell, wenn die Inspiration einschlug, zum Beispiel, als die Idee aufkam, Marimbas und Fanfaren bei "Gulf Shore Road" hinzuzufügen, einem Song, den Williams über sein Zuhause schrieb.

"Dieser Song liegt mir sehr am Herzen" meint er nachdenklich. "Genau dort bin ich in meinem Leben jetzt angekommen. Ich fahre dort runter und es fällt mir schwer, von diesem kleinen Teil Floridas nach West Tennessee zurückzukehren. Für diesen Song brauchte ich nur 10 Minuten um ihn aufzuschreiben. Es ist eben keine Phantasie. Es gibt diese Gulf Shore Road wirklich, und in der Pelican Bay fliegen die Pelikane in echt dicht über deinen Kopf. Der Song lag schon eine ganze Weile in meinem Gitarrenkasten rum, bis Doug sagte, 'Wieso lässt du sowas einfach hier liegen?' Aber es war einfach nicht der richtige Ort und die richtige Zeit, es aufzunehmen - bis jetzt.'"

Eine weitere Überraschung im Album "127 Rose Avenue" ist der Titel von Williams "All the Roads", in dem die Bluegrass-Größen The Grascals zu hören sind. "Das bin genau ich. Weißt du, die Leute merken es nicht, aber unser "Little Rockin' Randall" hatte die Angewohnheit, bei 2131 Elm Hill Pike auf seine Boswell Harley Davidson zu steigen und rüber zu Earl Scruggs Haus zu fahren, um Unterricht im Banjo spielen zu nehmen" sagt Williams, und meint damit sich selbst, denn Randall ist sein zweiter Vorname, unter dem er früher gelegentlich auftrat und sich damals in Nashville anmeldete. "Und fuhr ich rüber zu Johnny [Cash] und sprach mit ihm über den Bürgerkrieg. Ich spiele jetzt ganz gut Banjo; mit Earl and Sonny Osborne hatte ich einige der besten Lehrer der Welt."

Durch die hohen Erwartungen, die aufgrund seiner Geburt und seiner bisherigen künstlerischen Kariere an ihn gestellt werden, ist es für Williams schwer, frische Songs von heute lebenden Songwritern zu bekommen, da die meisten von ihnen bei dem bleiben möchten, was man bereits von ihm kennt. "Es ist wirklich nicht besonders inspirierend", sagt er, "wenn du von einem hörst 'Ich hab' da einen echten Hit für dich' und dann fängt die erste Strophe an mit 'I'm from the South. I drink whiskey'. Wenn du einen von denen gehört hast, kennst du sie alle, und irgendwann hängt's dir zum Hals raus: Es ist einfach alles total abgedroschen. Ich will nicht die Gefühle dieser Schreiber verletzen, aber es ist einfach nicht mehr das Gleiche wie bei "Whiskey Bent and Hell Bound2. Wenn du 75 Songs von der Art gehört hast, willst du endlich mal was ganz anderes schreiben."

Und ab und zu ist ja auch ein ganz neuer Song ganz plötzlich da. Für Williams war "Forged by Fire", geschrieben von Ronald W. Hellard und Daryl Burgess, ein solcher Glücksfall. "Ich habe mir eine Menge Songs angehört und dieser hat mir sofort gefallen" sagt er. "Es haben mich sogar Leute aus dem Irak angerufen, also wenn das nicht für diesen Song spricht."

Hank Williams JrWilliams hat auch den "Long Gone Lonesome Blues" von seinem Vater ins Album aufgenommen, allerdings in einem anderen Arrangement als es die Leute gewohnt sind. "Doug sagte mir, ich solle es genauso spielen wie auf der Bühne, und als wir fertig waren, sagte er ‚das ist ja wie eine Geschichtsstunde mit Lightnin' Hopkins'" sagt Williams, und meint damit die große Blues-Legende aus Texas. "Das war der letzte Song, den wir spielten, am letzten Abend. Wir brauchten nur zwei Takes und waren fertig."

Wie alle Songwriter, schätzt Williams besonders die Songs, die sich in 10 Minuten oder so wie von selbst schreiben, "Last Driftin' Cowboy" war so einer. Dieser Tribute an Steel Guitar-Legende Don Helms, ein Mitglied der Band seines Vaters, "The Drifting Cowboys", (in der Intro spielt Helms den "Honky Tonk Blues") flog Williams einfach so zu - ganz plötzlich und bereits völlig ausformuliert.

"Ich laufe mit meinen Labradors jeden Morgen zwei Kilometer" sagt er und meint damit seine beiden Jagdhunde Dakota und Ellie May Clampett. "'Driftin' Cowboy' kam von ganz allein. Es war wie … also, Ich würde sagen es war eine Eingebung. Text und Melodie hatte ich im Kopf und als ich von diesem morgendlichen Lauf nach Hause kam, setzte ich mich an Daddys Schreibtisch und schon war er fertig. Normalerweise läuft das nicht so, aber dieser Song war nach eineinhalb Stunden fertig."

Die Arbeit an "127 Rose Avenue" erfüllte Williams sehr und zusammen mit seiner Familie erfreute ihn insbesondere die Nachricht, dass "Family Tradition: The Williams Family Legacy" (Familientradition: Das Erbe der Familie Williams), ihre Ausstellung in der Country Music Hall of Fame and Museum, bis zum 31. Dezember 2011 verlängert wurde. "Es ist die größte Ausstellung, die sie je hatten" sagt er. "Ich fand gerade noch ein paar mehr Dinge, die ich ihnen bringen konnte. Ich fand eine weitere Original-Martin-Gitarre, eine Spezialanfertigung für Hank Sr. aus dem Jahr 1946, es ist wirklich sehr aufregend."

Nach Tuerffs Meinung liegt der Grund für die Popularität der Ausstellung, genauso wie der von Williams, darin, dass einem so unglaublich viel geboten wird. "Er ist eine Ikone" sagt er. "Seine Musik wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Das Album ist ein phantastisches Werk und wir befinden uns jetzt in Phase 2, der Auskopplung von Singles in mehreren Formaten. Wir planen die Veröffentlichung von Singles, die sich ans Publikum beim Militär, bei Country- und Bluegrass-Radiostationen wenden, da das, was er mit jedem Album abliefert, uns die einmalige Gelegenheit gibt, nicht nur seine bestehende Fangemeinde zu erreichen, sondern sie auch größer werden zu lassen."

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