Geschichten erzählen- das ist es, worum es in der Country-Musik immer geht und ging. Neben einfühlsamen Melodien und der typischen Instrumentierung ist vor allem die Story, die in den Stücken erzählt wird, ein Markenzeichen der Stilrichtung. Selbst bekennende Country-Hasser schätzen das Talent vieler begnadeter Country-Songwriter, in drei bis vier Minuten Musik eine komplette Geschichte zu verpacken. Das Genre hat mit Größen wie Brett James, Willie Nelson, Johnny Cash, Dolly Parton und Mary Chapin Carpenter schließlich einige Aushängeschilder zu bieten.

Neben den Geschichten selbst sind nicht selten auch die dadurch ausgelösten Reaktionen interessant. Man erinnere sich nur an die Bush-kritischen Äußerungen der Dixie Chicks die für Missmut bei vielen Country-Fans und Radiostationen sorgten. Die Resonanz waren verbrannte CDs von den Sendern verbannte Songs. Ihr Lied "Not Ready To Make Nice", aus dem Album "Taking The Long Way",erzeugte drei Jahre nach den Vorfällen nochmals einen Sturm der Entrüstung.

Für so viel Wirbel sorgt Dave Carroll, Sänger der kanadischen Country-Band Sons Of Maxwell wahrscheinlich nicht. Aber mit seinem selbst geschriebenen Song "United Breaks Guitars" schaffte er ein kleines Wunder: Innerhalb eines Tages stiegen die Klicks auf seiner Homepage von durchschnittlich 50 auf 50.000. Aber von Anfang an: Hier Carrolls persönliche Geschichte, die zum Text eines Country-Stücks wurde:

Im Frühjahr 2008 waren Sons Of Maxwell im Rahmen einer Tour mit dem Flugzeug unterwegs von Halifax, Kanada, nach Omaha, Nebraska. Beim Umsteigen in Chicago beobachteten die Band und andere Passagiere, wie Mitarbeiter der United Airlines während des Umladens des Gepäcks alles andere als achtsam mit den Gitarren der Musiker umgingen: sie warfen sie aus dem Flugzeug. Bei dieser groben Behandlung ging Carrolls 3.500,--US-Dollar teure Taylor Gitarre zu Bruch. Ab diesem Tag folgte für den Sänger ein Marathonlauf, bei dem er versuchte, den Schaden ersetzt zu bekommen. Niemand fühlte sich richtig zuständig geschweige denn verantwortlich- jeder schickte Carroll von A nach B, mit Umweg über C und wieder zurück. Nach langen und nervenraubenden neun Monaten erhielt er eine Abweisung seiner Beschwerde. United Airlines übernehme keinerlei Verantwortung für den Vorfall, hieß es. "In diesem Moment wurde mir klar, dass ich die ganze Zeit über einen aussichtslosen Kampf geführt hatte und alles reine Zeitverschwendung war", so Carroll zu der derben Abfuhr. In seinem letzten Schreiben an die Fluggesellschaft kündigte Carroll an, dass er drei Songs über United Airlines und seine Erlebnisse schreiben würde. Dann würde er Videos zu den Liedern drehen, diese online stellen und die Zuschauer über ihren Lieblings-United-Song abstimmen lassen. Sein Ziel: eine Million Klicks innerhalb eines Jahres.

Soweit Carrolls leidvolle Geschichte. Das humorvolle Video zum ersten seiner angekündigten drei Songs steht nun seit dem 6. Juli 2009 auf YouTube. Es stellt in satirischer Weise nicht nur die Vorfälle an sich dar, sondern auch eine allgemeine Frustration- die Hilflosigkeit, der sich viele Kunden ausgesetzt fühlen, wenn sie mit den Call Centern einer Fluggesellschaft oder anderen Unternehmen zu tun haben. Die US-amerikanischen Medien sprangen auf das Thema an und bereits nach wenigen Tagen war die Millionenmarke bei den Klicks geknackt. Kaum zwei Wochen seit der YouTube-Premiere haben sich bereits rund drei Millionen User über das Video amüsiert und mehr als 20.000 Kommentare abgegeben.

Angesichts des Medienhypes versuchen United Airlines jetzt zurück zu rudern und unter anderem auch auf der offiziellen Twitter-Seite die Gemüter zu beruhigen. Die Fluggesellschaft habe ihren Fehler eingesehen, entschuldigt sich dafür und will das Video von Sons Of Maxwell sogar bei zukünftigen Personal-Schulungen verwenden. In einem Video-Statement zu den Reaktionen, die "United Breaks Guitars" ausgelöst hat, zeigt sich Carroll dankbar über die Entschädigung, die ihm United Airlines nun "großzügigerweise, aber zu spät" angeboten haben, möchte diese aber nicht annehmen und stellt es United frei, dass das Geld für einen wohltätigen Zweck verwendet wird. Letzte Woche spendete die Fluggesellschaft 3.000,-- US-Dollar im Namen von Dave Carroll an das "Thelonious Monk Institute Of Jazz" zur Unterstützung musikalischer Ausbildung. Carroll bittet in seinem Statement außerdem sarkastisch um Nachsicht mit der United Airlines-Mitarbeiterin, die die endgültige Absage erteilt hat, da sie nur die United Airlines Politk vertreten hat. "Ich hoffe, irgendwann einmal mit ihr über die ganze Sache lachen zu können", so Carroll.

Die Tatsache, dass bereits Song eins der geplanten Trilogie das Ziel erreicht hat, hält Dave Carroll jedoch nicht davon ab, auch seine Pläne für den zweiten und dritten Song zu realisieren. "Song zwei kommt sehr bald", kündigt Carroll an. Durch die internationale Aufmerksamkeit hat sich der Bekanntheitsgrad des Country-Musikers in den letzten Wochen erheblich erhöht. Auf seiner Homepage schreibt er: "Eigentlich sollte ich United danken. Sie haben mir einen Raum für Kreativität eröffnet und dadurch Menschen aus der ganzen Welt zusammengebracht." Dennoch: Wird Dave Carroll wieder mit United Airlines fliegen, wenn er auf Tour ist? - Er antwortet: "It's not in my plans." {discuss forum:1}

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