ImageDas digitale Downloaden hat praktisch jeden Aspekt der Herstellung und der Vermarktung von Musik verändert. Welchen Einfluss hat dies jedoch auf eher visuell ausgerichtete Künstler, die sich mit der Gestaltung der Cover einen Namen machen? Werden deren Werke auf dem langem Weg von der LP zur CD und in die virtuelle Welt zu einer untergehenden Kunstform? "Gestaltungsprinzipien müssen sich ändern", erklärte Wade Hunt, der frühere Leiter der Sony BMG Nashville VP Creative Services und derzeitige Associate Creative Director, Catapult Marketing, der sich seit etwa 25 Jahren an vorderster Front mit der Gestaltung von Covern beschäftigt. "Gutes Design ist gutes Design. Ein guter Designer kann jedes Format wirkungsvoll gestalten. Aber die Dinge müssen für den Online-Vertrieb 'sauberer' werden, besonders die Alben-Cover. Das Cover des Beatles-Albums "Sgt. Pepper [Lonely Hearts Club Band]" zum Beispiel ist so komplex, dass es auf dem heutigen Online-Markt nicht funktionieren würde."

ImageDas entgegengesetzte Prinzip - Einfachheit - scheint im heutigen Online-Markt am besten zu funktionieren. "Die Auflösung ist manchmal kleiner, und daher werden ausgefeilte Designs oder kleinere Schriftarten in der digitalen Welt nicht gut wiedergegeben," erklärte Astrid May, Creative Director, Sony BMG Nashville. "Dies wirkt sich darauf aus, wie ich Farben, Zeichensätze und Fotos auswähle. Meiner Ansicht nach leidet die Qualität insgesamt."

Außerdem müssten "Fotos für den Online-Markt grafischer aussehen - ein aufgeräumteres Aussehen mit deutlich weniger Details", fügte sie hinzu. "Portraits oder Ideen mit einfachen Konzepten funktionieren besser."

Bei dem Versuch, die Online-Verkäufe zu stimulieren, kommen jedoch noch andere Faktoren ins Spiel - und einige von diesen führen zu dem Schluss, dass Einfachheit nicht immer die beste Wahl ist. "Nach 12 Jahren der Gestaltung von Quadraten finden Veränderungen statt", sagt May in Bezug auf die Zeit, die sie für die Kreation von Alben-Covern aufgewandt hat. "Das digitale Design ist sehr farbig und aktiv. Dinge, die in Druckwerken funktionieren, funktionieren nicht unbedingt in einer Umgebung mit Bannern, Pop-Up-Werbung und dergleichen. Ein minimalistisches, klares Cover mit nur einer Zeile Text, das in einem Ladenregal sehr ausdrucksstark wäre, wäre online komplett verloren und würde übersehen werden."

Die Lösung ist, ein Design hervorzubringen, das für die realen wie die virtuellen Bereiche angepasst werden kann. Karen Naff, VP Creative Services, Universal Music Group Nashville, nannte "These Days" von Vince Gill als Beispiel. "Dieses Box-Set wurde mit Leinen bezogen, und darauf wurde 'VG' in dunkelbrauner und klarer Folie appliziert," erklärte sie. "Es sah in echt großartig aus, war aber in einer digitalen Form nicht lesbar, also erstellen wir eine Version für die Vermarktung und die Online-Darstellung, in der das 'VG' in dunkelbraun gestaltet war, was auf dem neutralen Hintergrund wirklich gut aussah."

ImageFür Naff war ein weiteres neues Album einer Musikgröße ebenso beeindruckend, unabhängig davon, dass es von einer ihrer Kolleginnen entworfen wurde. "Eines unserer Alben, das aus meiner Sicht ein besonders einprägsames Album-Design hat, ist Willie Nelsons 'Countryman', das von unserem Mitarbeiter Craig Allen gemacht wurde, einem der besten Designer in der Stadt. Das Design und die Farben sprangen einen richtig an und vermittelten, dass es hier um Reggae ging. Auch das Album-Cover 'Enjoy the Ride' von Sugarland repräsentiert die Band absolut gut: mit Spaß und Energie. Das Bild und das Logo hinterlassen wirklich Eindruck."

Bilder wie diese, die sich effektiv von einem Format ins andere übertragen lassen, sind nicht immer einfach zu konzipieren. "Ich denke, dass das Internet und Seiten wie www.MySpace.com das Design negativ verändert haben," vermutete May. "Jeder mit ein paar Programmen denkt, er könne gutes Design abliefern, und die Regeln des Designs werden ignoriert und übersehen. Vielleicht bin ich altmodisch, aber solche Dinge wie Unterschneidung, Typografie und Farbtheorie scheinen völlig überholt zu sein."

Dennoch, so stellte May fest, liegt die Zukunft des Designs im Internet. "Für die Zukunft scheint es der Ort für Bilddarstellung, Vermarktung und Artists & Repertoire zu sein. Gute und schlechte Nachrichten: Ich denke, dass wir in Zukunft beim Entwerfen nur noch an die digitale Schiene denken. Darunter wird aus meiner Sicht die Integrität des Alben-Designs leiden."

Naff sieht an den Möglichkeiten des Internet auch eine gute und unterhaltsame Seite, besonders in seinen Möglichkeiten, das Publikum einzubeziehen. "Es könnte Spaß machen, unterschiedliche Versionen der Cover anzubieten und die Leute drüber abstimmen zu lassen," vermutet sie.

Zufällig dachte das Team hinter Dierks Bentley genau daran. Capitol Records Nashville und Brad Henderson, VP, Brand Strategy & Creative, und Drew Huddleston, Senior Designer, beide von Echo, vormals Echo Music, sind für die Umsetzung des Dierks Bentley Fan Project verantwortlich, das Fans die Möglichkeit gab, Titel, Songs, Album-Design und andere Aspekte seiner neuesten "Greatest Hits Collection" auszuwählen.

Image"Der größte Unterschied zwischen der Gestaltung von Covern für den realen bzw. den Online-Markt ist die Möglichkeit, dem Publikum zu erlauben, so schnell mit dem Künstler in Kontakt zu kommen," erklärte Huddleston. "Mit der sofortigen Verbindung, die das Internet ermöglicht, können Künstler ihr Publikum im wahrsten Sinne des Wortes fragen, was sie möchten - und genau das haben wir mit dem neuen Dierks-Fanprojekt getan. Da wir eine direkte Verbindung zu den Fans aufbauen konnten, hatte Dierks die Möglichkeit, sein Publikum für den laufenden Prozess der Gestaltung des Albums zu begeistern. Während in der Vergangenheit die Vorstellung eines neuen Albums über Werbung für das bereits verpackte Album geschah, gab ihm das Internet nun die Möglichkeit, schon früher für Begeisterung zu sorgen und sogar einen Teil seines Kernpublikums Monate vor der Veröffentlichung als Käufer zu gewinnen."

"Rein praktisch ist das gute Aussehen auf einem Bildschirm, egal ob auf einem Computer oder einem Telefon, wichtiger als jemals zuvor," fügte Henderson hinzu. "Druckwerke werden immer seltener und bedeutungsloser. Daher hat man nicht mehr die Kontrolle über Größe, Farbe und Qualität, die man einmal hatte. Wenn man Glück hat, werden die Leute es überall sehen, und sie müssen es erkennen und sich damit befassen, ob es nun groß auf der Kartonhülle einer Limited-Edition-Vinylscheibe oder ein Icon auf dem Bildschirm ihres iPhones ist."

Sieht man von ästhetischen Fragen einmal ab, werden, wenn man den Design-Prozess zu einem gemeinschaftlichen Abenteuer macht, die Beziehungen zwischen Bentley und seinen Anhängern eindeutig verbessert. "Von kurzen Einblicken in die Auswahl möglicher Cover-Fotos bis zur Entscheidung für den Namen und die Titel-Liste haben die Fans es geliebt, dabei zu sein," sagte Huddleston. "Und die Tatsache, dass 3000 Fans so schnell in den Prozess involviert waren, zeigt, wie begeistert sie waren."

Image"Fast die Hälfte dieser Leute kamen in einen Live Video Chat Room, um zu sehen, wie Dierks die neue CD-Hülle präsentiert, ihre Fragen beantwortet und sogar ein paar Lieder unplugged spielt," fügte Henderson hinzu. "Dierks und die 1500 Leute hatten eine tolle Zeit."
Das Internet verändert die visuelle wie auch die musikalische Seite der Musik, von grundlegenden Fragen bei der Suche nach dem wirkungsvollsten Bild für ein Album bis dahin, ob das Bild über die statischen Anforderungen der Druckwerke hinaus in der Lage ist, Kunden in die Lage zu versetzen, nicht nur Käufer zu sein, sondern auch am Kreativen ihren Anteil zu haben.

"Alle Bilder der Künstler müssen konsistent sein, um Wirkung zu entfalten," erklärt Hunt. "Es wird immer neue Wege geben, Ideen zu vermitteln, und Kreative müssen sich an die Grenzen des Mediums, für das sie entwerfen, anpassen. Das Digitale ist nichts weiter als ein neuer, zusätzlicher Weg, Dinge zu übermitteln. Und ob wir in der nahen Zukunft das 'Goldene Zeitalter' des Album-Designs erleben - nun, das hängt von den Kreativen ab. Ein guter Designer kennt keine Einschränkungen. Der Computer und das Internet sind nur Werkzeuge und sollten den kreativen Prozess nicht verändern."

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