Phil Vassar; Foto: Jim Wright

Phil Vassar benimmt sich nicht wie ein Star. Aber immerhin hat er neun Nummer-Eins-Hits der Country-Charts geschrieben. Und als Interpret und Songwriter gelang ihm im Jahr 2000 mit seiner ersten Single "Just Another Day in Paradise" ein Nummer-Eins-Erfolg - und nur ein paar Wochen später übernahm Tim McGraw diese Chartposition mit einem weiteren Stück aus Vassars Feder, "My Next Thirty Years". Die ASCAPwählte ihn zweimal zum Songwriter des Jahres. Das Musikmagazin Billboard verlieh ihm die Titel "Top New Country Artist" und "Country Songwriter of the Year".

Das alles hat Phil Vassar vorzuweisen. Aber egal, ob man ihn vom Zuschauersitz einer ausverkauften Sportarena aus sieht, wie vor kurzem während seiner "Acoustic Tour", oder aus der Nähe, bei einem Gespräch: Vassar könnte ein alter Zimmergenosse aus College-Zeiten sein, oder der nette Barkeeper, der genau weiß, was man immer trinkt, oder ein Kumpel, den man anruft, wenn bei schönem Wetter ein bisschen Basketballspielen auf dem Programm steht.

Phil Vassar; Foto: Rob ShanahanAlles Rollen, die er auch schon gespielt hat, oder noch immer spielt. Allerdings müssen sie jetzt in seine Terminplanung passen: als erstklassiger Interpret, ausdrucksvoller Sänger, als einer der besten Songwriter im Musikbusiness und angesagtester Pianist der Country-Szene. Und dennoch: Es ist der ganz normale Phil Vassar, der mir die Tür zu seinem weitläufigen Anwesen aufmacht und mich, vorbei an Kunstwerken und gediegener Einrichtung, zu einem Stuhl in der Nähe seines Yamaha-Flügels führt. Durch die Panoramafenster schaut man auf einen kleinen Spielplatz für seine Töchter, Haley (9) und Presley (4), den er selbst gebaut hat.

Als ich ihn zu seinem Haus gratuliere, lacht er und meint: "Ich frage mich die ganz Zeit, wann der wirkliche Eigentümer auftaucht und mich rausschmeißt."

Phil Vassar, der ursprünglich aus Virginia stammt, hat einen langen Weg hinter sich, seit er mit 21 in Nashville ankam: mit einem Uni-Abschluss von der James Madison University in Harrisonburg (Virginia) in der Tasche, ein paar selbst geschriebenen Songs, die er anderen Musikern anbieten will, und mit dem festen Willen zum Erfolg. In den nächsten acht Jahren schafft er es, so viel Geld zu sparen, dass er das Restaurant kaufen kann, in dem er regelmäßig zur Unterhaltung der Gäste auftritt. Einer dieser Gäste lässt sich Vassars Demo geben und spielt es seinem Vater, Engelbert Humperdinck, vor. Der Crooner mit der samtweichen Stimme nimmt dann einen der frühen Songs von Vassar, "Once in a While" für sein 1996 erschienenes "Album After Dark" auf.

CD: Phil Vassar - Prayer of a Common ManDie Music Row, Nashvilles Musikindustrie, wird hellhörig. EMI Music Publishing nimmt ihn unter Vertrag. Vassar schreibt Hits für Alan Jackson, ("Right On the Money"), Jo Dee Messina ("By Bye", "I'm Alright"), Collin Raye ("Little Red Rodeo") und einige andere. Im Jahr 2000 folgt Vassars Debüt als Interpret. Seitdem sind bei Arista Nashville drei Studioalben und eine Sammlung seiner größten Hits erschienen. Mittlerweile ist Vassar zu Universal South gewechselt, dort erschien gerade sein neues Album "Prayer of a Common Man".

Jeder Track auf diesem Album zeigt deutlich, dass Phil Vassar ein Meister des Country-Genres ist: angefangen mit dem politisch aufgeladenen "This is My Life" bis hin zu "Love is a Beautiful Thing", in dem Vassar die Vertrautheit in einer Ehe zu so etwas wie Poesie werden lässt. Vor allem gelingt ihm die schwierige Aufgabe, musikalischen Anspruch mit Bodenständigkeit und Glaubwürdigkeit zu verbinden. "Es ist drei Jahre her, seitdem ich das letzte Studioalbum gemacht habe", erklärt er. "Seitdem ist viel Wasser den Bach herunter geflossen. Wenn du dich als Mensch weiterentwickelst, verändert sich auch dein Stil als Songwriter. Was für dich wichtig ist, verändert sich und damit ergeben sich auch andere Themen. Mir gefällt die Richtung, in die es sich entwickelt, und mir gefällt auch, dass ich mich als Songwriter weiterentwickle."

"This is My Life" zeigt deutlich, in welche Richtung Phil Vassar unterwegs ist. "Es geht um das wirkliche Leben", sagt er bestimmt. "Als ich noch keine Kinder hatte und sorglos lebte, ging eine Menge davon einfach an mir vorbei. Da war es wichtiger, mit meinen Freunden herumzuhängen, mit Mädchen Spaß zu haben und ähnliche Dinge. Wenn du aber Vater von Schulkindern bist, und die Amokläufe an der Columbine Highschool und an der Virginia Tech mitbekommst - das beschäftigt dich. Die Welt ist jetzt ein bisschen wackeliger, unsicherer, und das macht sich bei einem Musiker in seinem Songwriting bemerkbar."

Phil Vassar; Foto: Jim WrightAber in Vassars neuesten Songs geht es nicht nur um die Themen in den Nachrichten. Sein Blick hat sich erweitert: Es geht nun weniger um die leichten, romantischen Themen, sondern eher um die subtileren Erkenntnisse im Leben. "Ich habe eine Menge erlebt, vor allem in den letzten Jahren", meint Vassar. "Das versuche ich mir von der Seele zu schreiben, wenn ich komponiere. Aber ich mag die schwierigen Bälle, die mir das Leben ständig zuwirft. Sie halten mich auf Trab. Das ist für mich jetzt wahr. Nicht wahr wäre es, wenn ich jetzt über das Ausgehen in die Disco oder so etwas schreiben würde. Ich hätte keine Ahnung, wie ich das anfangen sollte."

Dass das nicht ganz stimmt, beweist "Baby Rocks": Vassar schafft es immer noch, jede Menge Testosteron für die Tanzfläche in seine Texte, Hooklines und Grooves zu legen. "Baby Rocks" und auch "Why Don't Ya", eine ausgelassene Kollaboration mit Los Lonely Boys, stehen aber neben Songs, in denen es weniger um jugendlichen Überschwang als vielmehr in um eine reifere Sicht auf die Dinge geht. Die Themen sind Nostalgie ("My Chevrolet"), verlorene und wieder gefundene Leidenschaft ("Around Here Somewhere"), die Verzweiflung und Entschlossenheit, die einem das Leben und seine Probleme täglich abverlangt ("Prayer of a Common Man"), dass man über viele Dinge einfach kurz lachen und das beste daraus machen sollte ("The World is a Mess"), und schließlich die Erkenntnis, dass man das Leben annehmen muss, mit allen seinen Vorzügen und Nachteilen ("Crazy Life").

"Als ich dabei war, dieses Album zu machen, dachte ich oft an ein Gespräch zwischen Bob Dylan und John Lennon", sagt Phil Vassar. "Dylan sagte: "Mann, ihr habt diese Bühne! Ihr solltet in euren Songs etwas aussagen!" Und daraus entstand dann "Rubber Soul". Dieses Gespräch veränderte die Beatles - und es veränderte mich. Früher dachte ich immer, wie toll es ist, Hits zu haben und locker-flockige Songs zu schreiben. Aber du musst tiefer gehen, wahrhaftig sein und wirklich etwas ausdrücken. Ich hatte das Gefühl, dass ich das auf diesem Album tun musste."

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