Kacey Musgraves

"The Well" ist ein etwas unkonventioneller Treffpunkt im Stadtteil Green Hills in Nashville, Tennessee. Der Parkplatz ist übersät mit Schlaglöchern und überall ist der Beton beschädigt. Die Metallpaneele an der Decke sind rostig, die Lackierung auf den Holztischen blättert ab und durch die Lücken zwischen den Latten kann alles mögliche - Krümel, Kaffee, Schmuck - zu Boden fallen.

Das Lokal ist auf irgendwie gemütliche Art und Weise zugleich ungepflegt und freundlich. Und es befindet sich nur einige Blocks entfernt vom Bluebird Café, dem renommierten Symbol für Nashvilles Vorrangstellung als Hauptstadt des Songschreibens.

Der perfekte Ort also, um sich mit Kacey Musgraves zusammen zu setzen, deren Debüt-Album "Same Trailer Different Park von Kacey Musgraves" die Widersprüche des modernen Amerikas und die noch viel verwirrenderen Emotionen ihres sich entfaltenden, introspektiven Herzens zum Thema hat.

Nach modernen Country-Standards ist es ein ziemlich ungewöhnliches Album - keine dramatischen stimmlichen Höhepunkte, kein Rappen, keine Hymnen auf Trucks und/oder Bier - und es sind gerade diese Unterschiede, die für sie sprechen. Ihre erste Single "Merry Go 'Round" (geschrieben von Musgraves, Josh Osborne und Shane McAnally), kam unter die Top 10 in den Radio-Charts - eine nahezu unwahrscheinliche Entwicklung, wenn man ihr düsteres Porträt des Vorstadtlebens als fast sichere Sackgasse bedenkt.

Doch das war nur der Anfang. 2013 ging Musgraves mit Little Big Town sowie Kenny Chesney auf Tour, trat beim Bonnaroo Music Festival auf und spielte nebenbei noch ihre eigenen Shows - wobei die letzte davon unerwartetes Drama bot, als sie mitten in "Merry Go 'Round” zu weinen anfing. Ihre Großmutter war in der Nacht zuvor an einer Rauchvergiftung gestorben und mit der schicksalhaften ersten Zeile - "If you ain’t got two kids by 21, you're probably gonna die alone" ("Wenn du bis 21 nicht zwei Kinder hast, wirst du wahrscheinlich alleine sterben") - öffneten alle Unwägbarkeiten von 2013 die Schleusen der Gefühle.

Kacey Musgraves

"Es war ein verrücktes, unwahrscheinliches Jahr, vollgepackt mit so vielen Dingen", resümiert sie. "Dieser Song war in gewisser Weise der Beginn. Er ist zudem über meine Heimatstadt und davon inspiriert, wie ich aufwuchs, also hat er mir die Worte förmlich entgegen geschrien. Aber das waren zum Teil gute Tränen, bloß ein Rauslassen von Emotionen."

Weitaus positiver ist da zu verzeichnen, dass Musgraves im November bei den CMA-Awards zum "Neuer Künstler des Jahres" gekürt wurde. Noch Wochen danach hat Musgraves versucht, diesen Sieg irgendwie zu begreifen.

"Ich bin ein großer Fan von Country Music, daher bedeutet es mir viel, dass ich quasi als ihre Vertreterin angesehen werde", sagt sie. "Ich habe wirklich nicht erwartet zu gewinnen. Ich dachte, Florida Georgia Line hätte den Sieg ganz sicher in der Tasche. Aber dass alle sagen 'Hey, du bist jemand, der es verdient, Teil dieser Welt zu sein', das bedeutet mir sehr viel."

Auch wenn sie viele verschiedene Genres mag - sie hat für Katy Perry geschrieben und wird in Kürze mit ihr auf Tour gehen - so sieht Musgraves ihre Wurzeln doch in der klassischen Country Music. "Follow Your Arrow" (Musgraves, Brandy Clark und Shane McAnally) ist ein Beispiel für ihre widersprüchliche Herangehensweise. Seine Akzeptanz von Marihuana und gleichgeschlechtlichen Beziehungen ist ziemlich 2014, während die Folk-Gitarrenriffs und das unbeschwerte Pfeifen Erinnerungen an Marty Robbins Hit "Ribbon of Darkness” von 1965 wecken.

"Man braucht diesen Gegensatz", meint sie. "Das mag ich am liebsten, dieses Nebeneinander von einer wirklich traurigen Melodie und einem positiven Text oder umgekehrt. Oder etwas mit einem wirklich modernen Text, aber mit einer sehr traditionellen Melodie. Wenn irgendetwas zu einseitig ist, habe ich das Gefühl, dass es entweder vorhersehbar oder langweilig ist."

Was man auf keinen Fall von ihrer Kunst oder auch ihrer Karriere sagen kann. "Wenn man eine Chance hat, der Musikwelt etwas zu sagen, dann sollte es besser etwas sein, das man auch zu sagen bereit ist", so Musgraves. "Viele Leute hätten die Gelegenheit bei einem großen Label zu unterschreiben wahrscheinlich mit Kusshand ergriffen, aber ich glaube, ihnen geht es in erster Linie darum, dass sie berühmt werden wollen oder so etwas. Ich wollte einfach nur tolle Musik machen, die mir etwas bedeutet. Ich wusste, dass, wann immer etwas richtig war, es sich richtig anfühlen würde und die richtigen Leute hoffentlich mit an Bord sein würden."

Diese Chance hatte sie, als der Vorsitzende und Geschäftsführer von UMG Nashville, Mike Dungan, sie für Mercury Records engagierte. Sie holte Luke Laird und Shane McAnally, von denen keiner zuvor eine Hit-Single produziert hatte, als ihre Co-Produzenten mit ins Boot. Sie hatten "Same Trailer" im Wesentlichen seit Monaten fertig, als sie "Arrow” und "Silver Lining” schrieb (mit Osborne und McAnally). Statt sie für das nächste Album aufzusparen, bestand sie auf einer Last-Minute-Session. Beide Songs halfen dabei, das Endprodukt abzurunden, wobei "Arrow” durch sein kontroverses Thema die Aufmerksamkeit auf sich zieht und "Silver Lining” mit seinem Gefühl von hoffnungsvoller Melancholie ein formidabler Auftakt für das Album ist.

"Sie weiß genau, was sie will, aber sie benimmt sich so, als wüsste sie es überhaupt nicht", so Laird. "Es gibt keine Anzeichen für zu viel Ego, aber man spürt, dass sie den richtigen Instinkt hat. Das ist etwas, was man wahren Künstlern nicht einfach beibringen kann."

Ihre Auftritte sind genau so gegensätzlich aufgebaut. Während viele ihrer Zeitgenossen Arena-Rockgitarren und Pop-Phrasierungen ins Genre mit einbringen, setzt Musgraves viel Steel Guitar ein, frech garniert mit visuellen Darstellungen von Western-Kakteen und Cowboyhüten.

"Ich bin damit aufgewachsen, Western Swing und wirklich traditionelle Country Music zu singen - Songs von Ernest Tub, Jimmie Rodgers, Patsy Montana, Patsy Cline", meint sie. "Damals mochte ich den Aspekt der Performance. Aber es war wie 'Mama! Niemand sonst in meinem Alter mag diese Songs!' Ich habe mich irgendwie streberhaft gefühlt. Wenn ich jetzt zurückblicke, sehe ich, dass ich dadurch sehr, sehr viel über die Ären gelernt habe, die vor mir kamen, so dass ich nun Teile daraus verwenden kann, die mich ansprechen und ihnen einen frischen Touch verpassen.”

Musgraves hat ihre Pläne für 2014 bisher noch nicht ausgearbeitet. Die Sessions für ihr Nachfolge-Album müssen auch noch losgehen und sie scheint es nicht eilig damit zu haben. "Eine erste Aufnahme ist wirklich etwas besonderes", erklärt sie. "Ich möchte das einfach so lange festhalten, wie ich kann."

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