Sugarland: Die Kunst, Risiken einzugehen

Sugarland; Foto: Kate Powers

Seit ihrem Debüt vor fünf Jahren mit dem Hit "Baby Girl" haben Kristian Bush und Jennifer Nettles von Sugarland den Verkauf von mehr als 5 Millionen Alben gestemmt, ihre zweite Auszeichnung als CMA Vocal Duo of the Year in Folge gewonnen und mit Pop-Ikonen wie Beyoncé, Bon Jovi und Melissa Etheridge zusammen gearbeitet. Und wenn hinter ihrem Erfolg auch harte Arbeit und großes Durchsetzungsvermögen stehen, lässt er sich doch auf ein einfaches Wort reduzieren: Furchtlosigkeit.

"Ich würde sagen, das läuft bei uns ganz organisch", beschreibt Bush die Art, wie er und Nettles Entscheidungen treffen. "Wenn sich etwas wie eine gute Idee anhört, ist es wahrscheinlich eine gute Idee. Und wenn man mit jemandem zusammen laut träumt, steckt darin natürlich Energie. Aber man muss sich immer fragen, 'welche Angst steckt dahinter, arbeitest du aus Angst heraus oder nicht?' Man trifft die bessere Entscheidung, wenn nicht".

Dies erklärt, warum Sugarland kein Problem damit hat, sich so unterschiedlichen Einflüssen zu unterwerfen wie die Indigo Girls, R.E.M. und The Replacements, wenn das Duo seine einzigartige Herangehensweise an die moderne Country-Musik kultiviert.

Es mag auch etwas mit der Strategie hinter der Veröffentlichung ihres neuesten Albums "Love on the Inside" zu tun haben, das zunächst als Deluxe-Edition mit zusätzlichen Bonus-Tracks, ausführlicheren Begleittexten, einem Video sowie einer Dokumentation über das Geschehen hinter der Kulissen, und erst danach als preiswertere Version herausgebracht wurde - eine Umkehrung der üblichen Herangehensweise.

"Wir waren uns nicht sicher, was dabei herauskommen würde", räumt Luke Lewis, Chairman der Universal Music Group Nashville ein. "Wir hatten zusätzliche Musik und weiteres Material und dachten, dass die Fans das mögen könnten. Alle waren es gewohnt, die Deluxe-Editionen später im Leben eines Albums auf den Markt zu bringen, und für mich als Fan war das schon etwas ärgerlich, mir ein Album ein zweites Mal kaufen zu müssen, um an das Bonusmaterial zu kommen, das darauf enthalten ist. Und viele Leute haben eben keine zusätzlichen zwei oder drei Dollar in der Tasche, also schien das ganz vernünftig, es auf diesem Weg zu versuchen".

Sugarland; Foto: Kate Powers

Bush ging es ausschließlich darum, den Fans etwas zu bieten. "Die Händler möchten heute oft irgendwelche exklusiven Inhalte, mit denen sie Kunden in ihren Laden ziehen können", erklärt Bush. "Und das Album in dieser Form basiert wirklich auf der Idee, dass wir uns letztes Jahr neu orientiert und als Fans definiert haben. Wir haben versucht, uns daran zu erinnern, was für eine großartige Erfahrung das ist. Ich nahm meinen Bruder und Jennifer auf ein Konzert der Police mit. Sie waren eine der ersten Bands, die ich auf der Bühne gesehen habe, und dann sah ich sie mit Jennifer, die sie noch nie gesehen hatte, und Brandon, der mit mir 1985 auf dem Konzert war. Und wir sprangen wie die Irren durch das Publikum. Niemand auf dem Konzert wusste, wer wir waren. Wir waren einfach ein paar kreischende Fans wie alle anderen. Ich erinnere mich daran, wie wichtig das war, als ich 13 war, diese Begleittexte zu lesen. Also möchte ich darauf mehr Zeit verwenden. Wenn man den Leuten den Kontext dessen erklärt, was sie sich gleich anhören, macht das einen Unterschied".

Und deshalb hatten Sugarland und Mercury Nashville, zusammen mit dem Manager der Band Gail Gellman, die Idee zur Promotion, die sie das "Platinum Ticket Instant Win Game", also das Platin-Ticket-Sofortgewinnspiel nannten. Die Platin-Tickets lagen fünf der Deluxe-CDs bei; diejenigen, die sie gekauft hatten, erhielten eine Reise inklusive Allem für zwei Personen nach Nashville, Tickets für die CMA Awards, ein Treffen mit den Künstlern und Fanartikel.

Mit oder ohne Platin-Tickets - das Album "Love on the Inside" hat eine Menge zu bieten. Es ist eine Koproduktion von Sugarland und Byron Gallimore; die Musik kombiniert die Intensität und Begeisterung der Gruppe mit einem gemütlichen, fast heimeligen Gefühl, das von der Entscheidung herrührt, das Album in heimatlichen Gefilden zu produzieren. "Das war zunächst mal sehr bequem, weil wir in unseren eigenen Betten schlafen konnten", erklärt Nettles. "Erst im Verlauf der Aufnahmen erkannten wir die künstlerischen Auswirkungen davon, all diese großartigen Musiker und unseren Produzenten mit seinem Team aus ihrem gewohnten Umkreis in Nashville herausgeholt zu haben. Es erlaubte uns allen, unseren gewohnten Trott zu verlassen und uns ausschließlich auf das vor uns liegende Projekt zu konzentrieren."

"Wir wollten alle aus ihrer normalen Umgebung herausholen und sie nach Atlanta verpflanzen", erklärt Bush. "Es war wichtig sicherzustellen, alle mit Haut und Haar zu beteiligen. Indem wir die Beteiligten herbrachten, erhielten wir ein anderes Ergebnis, weil jeder mit voller Aufmerksamkeit dabei war".

Sugarland; Foto: Kate Powers

Es gab andere Gründe, das Album in der Nähe des Wohnorts aufzunehmen, besonders da sie ihre Studiozeit für das Album "Enjoy the Ride" von 2006 zwischen Tour-Termine und andere Verpflichtungen legen mussten. "Das war brutal", berichtet Nettles. "Meine Stimme war deswegen nicht gesund, was enorm anstrengend war. Wir haben damals beschlossen, so etwas nie wieder zu tun".

"Wir haben bei der Aufnahme unseres letzten Albums sehr viel gelernt", sagt Bush. "Jedes Mal, wenn wir uns mehr Raum nahmen, waren die Rückmeldungen positiv. Also dachten wir: 'Was lernen wir daraus?' Und unser Mantra wurde: 'Alles auf diesem Album muss Gefühl haben. Wo ist das Gefühl?' Wenn es nicht da ist, müssen wir die Texte überarbeiten. Wenn es immer noch nicht da ist, müssen wir die Musik überarbeiten. Weiterarbeiten, bis es da ist."

"Außerdem schrieben wir "Enjoy the Ride" in so kurzer Zeit, dass wir als Songschreiber nicht wirklich in die Tiefe gehen konnten", fügt Nettles hinzu. "Wir wussten, dass wir das niemals wieder tun würden. Danach begannen wir kurz nach der Veröffentlichung von "Enjoy the Ride" an dem zu arbeiten, was nachher unser drittes Album werden sollte. Wir wollten Raum und Zeit haben, uns künstlerisch auszudehnen und an allem, das wir auf unserem Weg als Musiker und in unserem Leben als Beobachter lernten, Freude zu haben".

"Wir waren nicht sicher, was am Ende dabei herauskommen würde, da dies eine sehr viel einfachere Platte ist, als die meisten Leute erwartet haben ", fügt Bush hinzu. "ich glaube, dass die Leute irgendeine Art extrem aufwändig produziertes, sehr geplantes und auf Nummer sicher geschriebenes Album erwartet haben. Aber ich denke, man baut Künstler auf, indem man sie ermutigt, sich zu verändern - und sie dann nicht bestraft, wenn sie es tun".

Ein Ziel, das sich die Band für "Love on the Inside" gesetzt hatte, war, dass sich das Material in großen Konzerthallen gut anhören sollte. "Es kriecht einem ganz langsam in die Knochen" verspricht Bush. "Wenn man hereinkommt und einen Song wie 'We Run' hört, denkt man vielleicht, es kommt nicht rüber, aber das tut es. Und ganz plötzlich, wenn man das heroische Gitarrensolo am Ende von 'What I'd Give' hört, ist man auf einem Konzert von Prince. Es ist 'Purple Rain!'"

"Die Live-Show ist die Musik selbst", betont Nettles. "Die Live-Show ist Sugarland. Da gibt es keinen Unterschied. Musik ist eine lebendige Kunstform. Sie ist eine darstellende Kunst. Sie kann nur lebendig werden, während sie aufgeführt und aktiv dargestellt wird. Wir kamen ja nicht unter Vertrag, weil sich jemand ein Demo angehört hat. Wir wurden in dem Moment genommen, als sie uns Live gesehen haben. Das ist es, was wir tun, und was wir im Studio so gut wie möglich einfangen möchten. Wir möchten, dass unsere Fans unsere Shows verändert, transformiert und inspiriert verlassen. Wir möchten, dass sie davon bewegt werden, die Aufführung dieser Songs vor ihnen zu sehen und zu hören. Es ist eine vollkommene, sinnliche Erfahrung. Wenn wir sie gleichzeitig mit Schokolade füttern könnten, würden wir es tun!"

Sugarland; Foto: Kate Powers

"Ich glaube nicht, dass irgendetwas, das wir für die Vermarktung dieses Albums getan haben, den gezeigten Erfolg gehabt hätte, wenn die Musik nicht fantastisch wäre", sagt Lewis. "Sehr oft in der Geschichte kommt die beste Musik schließlich von Leuten, die verschiedene Stilrichtungen miteinander verschmelzen, und das hilft dabei, diese neuartig, einmalig, wiedererkennbar und ein wenig anders als alles Andere zu machen - all das, was man sich erhofft. Ich glaube nicht, dass das besonders absichtlich oder planvoll geschah. Und Country-Musik deckt heute ja zum Glück ein sehr breites Spektrum von Einflüssen ab. Einige Leute sind davon etwas irritiert, weil es nicht klingt, wie wir das von traditioneller Country-Musik erwarten, aber es kommt definitiv beim Publikum an".

Wenn man die aufeinander folgenden Auszeichnungen als Vocal Duo und Nettles Prämierung für den Song of the Year bei den CMA Awards sowie den Aufstieg der ersten Single des Albums "All I Want to Do" an die Spitze der Charts und die 314.000 Verkäufe der Deluxe-Edition allein in der ersten Woche betrachtet, hat sich Sugarlands Entschlossenheit, Risiken einzugehen, bezahlt gemacht.

"Ich glaube, da passiert so ein merkwürdiges, kosmisches Ding, wenn man so vollkommen an etwas glaubt, und ich denke, dass man eigentlich dazu gezwungen ist, ein Risiko einzugehen", philosophiert Bush. "Wissen Sie, man kommt an den Punkt, an dem man nichts mehr zu verlieren hat. Und das ist wirklich ein guter Orientierungspunkt. Wir versuchen uns das immer ins Gedächtnis zu rufen, wenn wir Entscheidungen für unsere Karriere zu treffen haben: 'Hey, sollten wir nicht ein Album voller Liebeslieder aufnehmen?' Nun, wir haben nichts zu verlieren".

"Und es gibt in der Musikbranche jede Menge Angst und Verwirrung", fügt er, weiter ausholend, hinzu. "Aber ich habe wirklich die Hoffnung, dass das, was gerade passiert, eine Chance ist. Es ist nicht das Ende - tatsächlich fängt es gerade erst an."

vgw
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