Minnie Driver; Foto: Universal Music

Die Schauspielerin Minnie Driver (38) dürfte vielen ein Begriff sein. Dass sie aber auch eine ausgesprochen talentierte Singer-Songwriterin ist, wissen sicher nur Wenige. Bereits 2004 rang sie mit ihrem folkigen Debütalbum "Everything I've Got in My Pocket" (2004) Kritikern den nötigen Respekt ab, die sie als eine weitere singende Schauspielerin abqualifizieren wollten. Am 25. Juli 2008 erscheint in Deutschland, Österreich und in der Schweiz nun ihr zweites Album "Seastories". Eine Sammlung zwölf fragiler Songs aus eigener Feder, die irgendwo zwischen Country, Folk, Blues und Pop angesiedelt sind. Prominente Schützenhilfe bekam sie u. a. von Alternative-Countryrocker Ryan Adams & The Cardinals, Liz Phair und "Wallflower" Rami Jaffee. CountryMusicNews.de sprach mit der hochschwangeren Minnie Driver im Hamburger Hyatt Hotel über "Seastories", ihre musikalischen Wurzeln und ihr Idol Bob Dylan.

Oscar®-Nominierung Mitte der 90er als beste Nebendarstellerin in "Good Will Hunting", Hauptrolle neben John Cusack in der schwarzen Komödie "Grosse Point Blank". Für kurze Zeit galt Minnie Driver, die mit ihren hohen Wangenknochen, langen Locken und tiefliegenden Augen ein bisschen an die junge Cher erinnert, als Hollywoods heißester Brit-Import. Doch der ganz große Durchbruch blieb aus. Während man sie bei uns zuletzt 2004 in der Kinofassung des Musicals "Das Phantom der Oper" sehen konnte, ist sie in den USA derzeit mit der TV-Hitserie "The Riches" wieder ganz oben, inkl. Emmy®- und Golden-Globe®-Nominierung. Aber, was viele überraschen dürfte: Ihre tatsächliche Leidenschaft ist die Musik. Songs schreibt sie schon seit ihrer Jugend, singt und spielt Gitarre. Als ihre Filmkarriere durchstartete, gelang es ihr machmal sogar, beides miteinander zu verbinden: In "James Bond 007 - GoldenEye" (1995) sang sie als russische Country-Sängerin "Stand By Your Man". Und zu dem Soundtrack von "Good Will Hunting" steuerte sie einen eigenen Song bei. Jetzt also "Seastories".

Image"Der Ozean ist der Ursprung des Lebens, nicht zu vergessen die mythische und romantische Dimension. Irgendwie hat mich das inspiriert, Spaziergänge am Wasser, dabei über Songideen oder Texte nachdenken", sagt sie über den Titel des Albums. Überhaupt sind Sonne, Sand und Meer beständige Konstanten in ihrem Leben. Geboren wurde Driver zwar 1970 in London und aufgewachsen ist sie in England. Doch bis zur Scheidung ihrer Eltern Mitte der 70er Jahre lebte sie auf Barbados. Mit 19 verhökerten Minnie und ihre Schwester Kate hippiemäßig gebrauchte Klamotten am Strand von Uruguay. Heute hat die begeisterte Surferin im kalifornischen Malibu das Meer direkt vor der Haustür. Genau da, wo die Wellen am schönsten brechen. Man sieht Minnie Driver förmlich vor sich, wie sie übers Wasser reitet oder ihre Füße im Sand umspülen lässt, während Lyrics und Gitarrenklänge durch ihren Kopf rauschen. "Ich lebte in New York, als ich mit den Songs begann, und zog dann zurück nach L.A. Das Album vereint also darüber hinaus diese beiden Küstenorte und zwei verschiedene Phasen in meinem Leben", erläutert Driver weiter.

Eines haben die Songs auf "Seastories" gemeinsam; sie drehen sich um das immerwährende und unerschöflichste Musikhema überhaupt: die Liebe in allen Variationen. Die Erinnnerung an eine verflossene Liebe, wie in der Midtempo-Ballade "Beloved", oder die verzweifelte Suche danach, wie in dem Opener "Stars & Satellites", in dem es heißt: "If love is the answer you seek, you're asking the wrong kind of questions". Die Liebe zu sich selbst als Rezept für eine gute Beziehung, wie in der countryesken Pianonummer "How to Be Good". Oder elterliche Liebe, wie in "London Skies", Drivers melancholischer Hymne an ihren Vater Ronnie, dem das Album darüber hinaus gewidmet ist. Die Liebe ist auf der CD allgegenwärtig, ob als Country-Blues ("Cold Dark River") oder Countryrocker wie "King Without a Queen". "Das war von allen Songs der Schwierigste", wirft Driver ein, "weil ich ihn kräftig überarbeiten musste. Denn geschrieben habe ich ihn schon mit 17, aber er musste unbedingt auf das Album, weil er mir immer noch sehr viel bedeutet." Wie auch die anderen Songs. "Die Stories darauf sind sehr persönlich", erzählt sie. "Das ist so, als würde ich Abschnitte aus meiner Vergangenheit noch einmal besuchen. Außerdem ist die Person, um die sich die meisten Songs drehen, nach wie vor sehr wichtig für mich." Wer das ist, verrät sie allerdings nicht, genausowenig wie den Vater ihres noch ungeborenen Kindes.

ImageProminente und unerwartete Schützenhilfe bekam Driver von Alternative-Countryrocker Ryan Adams. "Ryan rief eines Tages an und wollte mich kennenlernen. Danach trafen wir uns regelmäßig, immer wenn ich in New York war, und er schlug plötzlich vor, zusammen mit seiner Band ein Album aufzunehmen. Ich war begeistert, aber nach fünf Tagen im Studio brach alles zusammen. Er nahm zu der Zeit viele Drogen und konnte nicht weitermachen. Aber die Band blieb", freut sich Driver. Sie ist auf vier Stücken zu hören, Adams selbst spielt auf "Beloved" Gitarre. "Er ist total verrückt, aber ein sagenhaftes Talent. Einer dieser klassischen Künstler, die sich für ihre Kunst gnadenlos aufopfern. Ich habe eine Menge von ihm gelernt."

Einer ihrer allergrößten Helden ist jedoch Bob Dylan. "Ich nenne ihn Onkel Bob", wie sie scherzhaft sagt. Einmal sei sie ihm persönlich begegnet, "doch ich möchte ihn gar nicht wirklich kennen. Dafür liebe ich ihn viel zu sehr. Es wäre schrecklich für mich, wenn er nicht meiner Idealvorstellung entspräche." Ihre Verehrung geht sogar soweit, dass sie sich nicht nur wünscht, ihr Baby möge gesund zur Welt kommen, sondern auch als Bob-Dylan-Fan. Aus diesem Grund hört sie ihn momentan noch häufiger als sonst. Läge es bei soviel Wertschätzung nicht nah, mal einen Dylan-Song zu covern, wie sie es mit Springsteens "Hungry Heart" auf ihrem Debütalbum getan hat? "Vielleicht später, Madeleine Peyroux hat in letzter Zeit sehr viel Dylan gecovert. Ich spiele eine eigene Version von "Idiot Wind", habe sie aber nie aufgenommen", so Driver. Das ist neben "Buckets of Rain", "Girl from the North Country" und "You're a Big Girl Now" einer ihrer Lieblingssongs von Dylan.

ImageDie frühen 1970er Jahre haben Minnie Driver musikalisch ohnehin schwer beeinflusst. "In meiner Schule in England hörten alle The Band, Dylan, Neil Young, Joni Mitchell. Ich wuchs also in den späten 1980er Jahren mit der Musik der frühen 1970er auf. Irgendwie war alles eine Dekade zeitversetzt", wundert sie sich. "Gut, The Cure, Blondie und Chryssie Hynde habe ich auch geliebt, aber meistens hörten wir Hippie-Zeug." Musikalische Einflüsse, die sich auch in ihren eigenen Songs widerspiegeln. Ein Freund ihres Vaters machte sie dann mit Jazz vertraut. "Ich trat während meiner Schulzeit mit einer Combo in Londoner Restaurants auf und sang Standards", erinnert sie sich. Sie war jung, brauchte Geld - war aber "als Kellnerin eine Niete". Zum Glück, denn: "Durch die Auftritte habe ich letztlich gelernt, professionell zu singen und zu performen", wie sie weiter erzählt. Ein eigenes Jazzalbum kam für sie trotzdem nie in Frage. "Mein Songwriting ist nur von der Musik beeinflusst, die ich früher in der Schule gehört habe, und von zeitgenössischen Bands, die in dieselbe Richtung gehen. Wilco ist beispielsweise einer meiner Alltime-Favorites. Wenn man hört, wie Jeff Tweedy Songs schreibt, wie kann man sich davon nicht beeinflussen lassen?"

Von derlei Virtuosität und Genialität ist Minnie Driver natürlich weit entfernt. Aber mit "Seastories" ist ihr dennoch ein zurückhaltendes wie schönes Album gelungen, dass einen beim ersten Mal vielleicht gar nicht sonderlich zu fesseln vermag. Doch mit jedem weiteren Hören erobert es klammheimlich das Herz und entfaltet eine überraschende Substanz. Hier präsentiert sich keine singende Schauspielerin, die aus Ego-Problemen zum Mikro greift. Sondern eine reife, ernstzunehmende Singer-Songwriterin, die zufälligerweise hauptberuflich vor der Kamera steht.

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