DVD Cover The Best of Johnny Cash TV-ShowDie Zahl der jetzt auf DVD neu herausgegebenen klassischen Country Music TV-Shows, insbesondere aus den 60ern und 70ern, steigt im Moment sprunghaft an.

Zum Beispiel die "The Best of the Johnny Cash TV Show, 1969-1971" von Sony Legacy erlangte bereits vier Monate nach ihrem Erscheinen auf DVD im September 2007 Platin-Status, weil sie über 100.000 Mal verkauft wurde. Weitere Titel aus dem Jahr 2007 sind "Dolly Parton and Friends" von MCI und die Time Life Produktionen "The Best of Barbara Mandrell and the Mandrell Sisters Show" und "Time Life Presents Glen Campbell: Good Times Again." Die Country Music Hall of Fame und das zugehörige Museum, in Zusammenarbeit mit Shout! Factory, brachten zur Weihnachts-Saison 2007 "The Johnny Cash Christmas Special 1976" und "The Johnny Cash Christmas Special 1977" auf DVD heraus. Das Museum gab außerdem in Zusammenarbeit mit Shanachie Entertainment 4 Bände von "Best of the Flatt and Scruggs TV Show" heraus. Ende November 2007 wurde eine achtbändige DVD-Sammlung mit Grand Ole Opry Highlights aus den Archiven dieser Institution unter dem Titel "Opry Video Classics" von Time Life auf den Markt gebracht.

{slide=Wie Musiker für Wiederveröffentlichungen auf DVD bezahlt werden}Eine Anmerkung von Bob Doerschuk

Für die Fans kann es ein echter Gewinn sein, wenn klassische Country Music Shows aus dem Fernsehen auf DVD herauskommen. Für Angehörige der American Federation of Musicians (AFM) sind sie oft der Grund für Kopfschmerzen.

Jeder Musiker, der in einer solchen wiederveröffentlichten Sendung auftritt, hat Anspruch auf Vergütung: Vom berühmten Instrumentalisten bis zum unbekannten Rhythmusgitarristen, der so lange schon in der Band des Gaststars X dabei ist, dass auch er beispielsweise in einer Folge der "Johnny Cash Show" zu sehen ist. Dazu haben sich die Produzenten einer solchen Fernsehshow vertraglich verpflichtet.

Es fragt sich aber: Wer ist eigentlich 20 oder 30 Jahre später für die Zahlung der Vergütung zuständig? Und: Wie hieß dieser Rhythmusgitarrist eigentlich?

"Wir möchten unbedingt, dass die Musiker das Geld bekommen", sagt Harold Bradley, Mitglied der Country Music Hall of Fame und Vorsitzender des Ortsverbands 257 der AFM in Nashville. "Aber zuerst müssen wir die Herausgeber dieser DVDs ausfindig machen, und ihnen klarmachen, dass sie an die Musiker Geld zahlen müssen. Wir holen uns also das Geld von ihnen. Und dann besorgen wir uns ein Exemplar des Films oder Videos und finden heraus, wer alles darin vorkommt."

Und das ist nur ein Teil des Prozesses. Man muss genau herausfinden, welcher Art der ursprüngliche Vertrag war. Üblicherweise wurde Musikern, die in Fernsehsendungen auftraten, Konditionen angeboten, die zum Beispiel bei Wiederveröffentlichung abgestufte Zahlungen vorsahen. Diese waren abhängig davon, wie viele DVDs - bzw. zu älteren Zeiten: Videokassetten - verkauft wurden. Oder ihnen wurden pauschal 2 Prozent des Bruttogewinns versprochen, den der Vertreiber damit macht. Zwar läuft die zweite Variante auf weniger Schreibarbeit und Kontrolle hinaus, aber hier hängt der Anteil jedes Musikers vom Kuchen von der Anzahl der mitwirkenden Musiker ab. Es ist klar, dass die Kuchenstücke ein wenig kleiner ausfallen, wenn 20 und nicht bloß fünf Musiker beim Auftritt in einer Fernsehsendung dabei waren.

Es wird noch komplizierter, wenn die DVD eine Zusammenstellung von Auszügen aus mehreren Shows ist und nicht etwa aus kompletten Sendungen besteht. "In diesem Fall müssen wir herausfinden, aus wie vielen Sendungen die Compilation zusammengestellt wurde, wie viele Musiker insgesamt dabei waren und mit dem Vertreiber verhandeln, dass er sich auf eine Zahlung einlässt, die sich am Umsatzvolumen orientiert," erläutert Melissa Hamby Meyer, ebenfalls vom AFM-Ortsverein 257.

Zum Glück ist es für Musiker ganz leicht, solche Verwicklungen zu vermeiden: Einfach die Verträge zu jedem Fernsehauftritt aufheben und so abheften, dass man sie wieder finden kann, wenn diese Auftritte dann irgendwann einmal auf DVD herausgebracht werden - oder auf irgendeinem anderen Medium der Zukunft. Jeder dieser Verträge spart der AFM Zeit und Geld bei ihren Bemühungen, sicherzustellen, dass vereinbarte Vergütungen auch ausgezahlt werden.

Trotzdem: Bauen Sie nicht darauf, dass Sie sich mit diesen Einnahmen zur Ruhe setzen können. Ein Auftritt im Rahmen einer halbstündigen Sendung mit verschiedenen Musikern und Bands in den Siebziger Jahren beispielsweise könnte auf eine einmalige Zahlung von 18,75 US$ hinauslaufen. "Für eine Tasse Kaffee müsste es immerhin reichen," meint Melissa Meyer.{/slide}

Der Patriarch im Unterhaltungs-Marketing, Time Life, sah den Trend bereits vor fünf Jahren voraus und gab damals eine Zusammenstellung von Auftritten aus einer klassischen Country Music Varieté-Show heraus. "'Hee Haw,' mit seinen Gästen aus Comedy und Country Music war das perfekte Modell für uns" sagt Jeff Peisch, Leiter der Video-Abteilung von Time Life in Arlington, Va. "Die Show war ziemlich genau das, was nach unserer langen Verkaufserfahrung mit Country Music CDs Erfolg versprechend aussah."

A Salute To Hee HawMit einer Verkaufszahl von mehr als 1,5 Millionen Stück zeigt die "Hee Haw"-Kollektion exemplarisch, was nach Peischs die meisten populären DVD-Neuerscheinungen so attraktiv macht. "Nostalgie ist möglicherweise der Kern aller unserer Erfolgsprodukte - aber wir nehmen bei uns nie das Wort 'Nostalgie' in den Mund" erklärt er. "Wir sagen lieber 'weißt du noch?' und 'war das nicht toll damals?' Wenn man älter wird, denkt man mit großer Freude an diese Musik zurück."

Vom Unternehmens-Standpunkt aus betrachtet, gibt es auch eine ganze Menge guter Gründe, alte Country Music TV-Shows wieder hervorzuholen und sie auf DVD neu anzubieten. "Es hat viel mit dem gegenwärtigen Niedergang des Tonträger-Geschäfts zu tun," sagt Sandy Brokaw von der Brokaw Company, einer in Los Angeles, Kalifornien, ansässigen Publicity-Firma, zu deren Geschäft unter anderem die DVD-Neuausgaben von Campbell und Mandrell gehören. "Ein großer Teil des Umsatzes wird allein durch Neuverpackung der Produkte erzielt. Es ist ungefähr so, wie wenn Sie Gold Nuggets wegschließen und immer wieder mal ein paar hervorholen, um daraus mehr Gold Nuggets zu machen."

"Andere Copyright-Inhaber schauen nach, was aus ihrem Bestand im aktuellen Markt gefragt ist ... und denken dabei eher an Videos," sagt LeAnn Bennett, Director of Special Projects der Country Music Hall of Fame und des zugehörigen Museums. Die Popularität des DVD-Formats hat dazu beigetragen. Laut Angaben von Ars Technica, einer Webseite, die sich mit dem Verhältnis zwischen Kunst und Technologie beschäftigt, hatten im Jahr 1999 nur 6,7 Prozent aller Haushalte in den USA einen oder mehrere DVD-Player. Bis zum Jahresende 2006 war diese Zahl auf 81,2 Prozent angestiegen.

"Heutzutage hat jeder einen DVD-Player, also stellen wir fest, dass es einen entsprechenden Markt gibt," meint Alan Stoker, der Kurator für Ton- und Bildaufnahmen am Museum der Country Music Hall of Fame.

Obwohl er einräumt, dass Time Life Pionierarbeit bei der Veröffentlichung von Country Music-Fernsehaufnahmen auf DVD geleistet hat, ist er der Meinung, dass die DVDs mit Archivmaterial seiner Organisation mehr sind als nur Teil eines Trends. "Es ist Teil unseres Auftrags," meint er. "Diese Sendungen auf ein anderes Format zu übertragen und zu veröffentlichen gehört zu unserem Bildungsauftrag und zum Auftrag, die Kultur zu bewahren."

Das kann ein aufwändiger Prozess sein. Für das Projekt "Flatt and Scruggs" brauchten Stoker und seine Kollegen fast 20 Jahre vom Konzept bis zum Endprodukt; im Rahmen dieser Serie wurden zwischen 1956 und 1962 ursprünglich 36 halbstündige Sendungen ausgestrahlt.

"Ich wusste, dass es diese Show gegeben hatte," sagte er. "Aber es hieß immer, die Bänder wären gelöscht worden. Solche Bänder waren [damals] so teuer, es war üblich, sie zu verwenden, dann zu löschen und dann neu aufzuzeichnen. Für die überregionale Weiterverbreitung wurden sie auf Filmmaterial kopiert und diese Filme gingen dann zur Ausstrahlung an die anderen Fernsehsender. Schließlich wurden alle diese Filme wieder zum Ausgangspunkt zurückgeschickt."

Im Jahr 1989 vereinbarte William Graham, Geschäftsführer bei The ShowBiz Company, einer Firma, die an der Produktion der "Flatt and Scruggs Show" beteiligt war, dass 24 Folgen der Reihe als Schenkung dem Museum der Country Music Hall of Fame übergeben werden sollten. Gegen alle Wahrscheinlichkeit wandte sich daraufhin noch ein weiterer Spender, der anonym bleiben möchte, an Stoker und übergab die 12 fehlenden Folgen.

"Wir dachten, es gebe keine erhaltenen Kopien. Innerhalb von sechs Monate hatten wir alle 36 Folgen," erinnert sich Stoker, der den Erwerb der Show als "Wunder" bezeichnet.

Im Lauf der folgenden zwei Jahrzehnte erarbeiten Stoker und andere Verträge mit Earl Scruggs und den Verwaltern von Lester Flatts Nachlass, machten die Folgen fertig für Veröffentlichung und restaurierten Bild und Ton. Diese Phase des Prozesses kann die Produktionskosten erheblich erhöhen.

"Menschen, die DVDs kaufen sind Sammler," sagt Peisch. "Wir möchten ihnen ein Paket in der bestmöglichen Qualität bieten. Am Anfang steht das Säubern und Remastern der Masterbänder, dann wird der Ton verbessert und schließlich geht es darum, so viel zusätzliches Material zu bieten wie möglich. In der heutigen Welt, in der man alles digital herunter laden kann, sollte man Menschen die höchste Qualität bieten, wenn sie für etwas wirklich bezahlen sollen. Solche Leute sollten auch viel für ihr Geld bekommen."

Glen Campbell - Good TimesTime Life hat sich dafür entschieden, dies mit Hilfe von Bonusmaterial auf ihren DVDs sicherzustellen, wie beispielsweise kleinen Filmen aus der Gegenwart, in denen damals Beteiligte Geschichten über bestimmte Gäste oder Einzelheiten über die Produktion erzählen, die dann jeweils mit Bildern der Originalauftritte in der Fernsehshow abwechseln. Bei "Glen Campbell Good Times Again" sieht man Campbell selbst, wie er vor jedem einzelnen Stück in Erinnerungen schwelgt. Auf den "The Best of the Johnny Cash TV Show"-DVDs werden vor den Auftritten Erinnerungen des Sohnes, John Carter Cash, gezeigt, sowie Erinnerungen der Hairstylistin Penny Lane, des Bassisten von The Tennessee Three, Marshall Grant, des Arrangeurs der Sendung, Bill Walker, sowie von Hank Williams Jr.

Durch die DVDs der "Opry Vintage Classics"-Reihe führt Marty Stuart. In dieser Reihe sind 120 Auftritte von den 50er bis hin zu den 70er Jahren erschienen. Auf Anregung Stuarts hin wurde Porter Wagoner selbst gebeten, den Kommentar für seine Kollektion zu übernehmen. Er wurde wenige Wochen vor seinem Tod aufgezeichnet.

Auch Marketingausgaben treiben die Kosten für Wiedererscheinungen auf DVD in die Höhe. Zusätzlich müssen auch Tantiemen für die Zweitverwertung an die Musiker und Künstler (bzw. an deren Nachfahren) gezahlt werden, die auf der DVD erscheinen. "Wenn man es richtig macht, muss man für alle Stücke die Erlaubnis einholen," erläutert Stoker. "Wenn ein Musiker nachweisen kann, dass er bei einem Stück mitgewirkt hat, muss er im Rahmen der Zweitverwertung entschädigt werden."

"Das ist ein Grund dafür, dass [solche Wiedererscheinungen] so schwierig herauszubringen sind," meint Cash. "Es gibt zahlreiche Lizenzgebühren. Alle Mitwirkenden wiederum müssen nach Vorgabe der [Musiker-] Gewerkschaft bezahlt werden. Auflagen müssen erfüllt werden, und das ist natürlich auch richtig, aber das macht es sehr viel schwieriger, so etwas heraus zu bringen."

Trotz dieser Schwierigkeiten werden wohl im Jahr 2008 noch mehr Country Music Shows auf den Markt kommen. Dazu gehören Folgen von "Bobby Bare and Friends", die gerade vom Museum der Country Music Hall of Fame und der Shout!Factory zusammen für die Veröffentlichung vorbereitet wird. Im Endeffekt, so Glen Campbell, liegt es an der Qualität dieser klassischen Shows, dass genügend Nachfrage vorhanden ist, sodass sich die Mühe der Herausgeber auszahlt.

"Es ist gute und familientaugliche Fernsehunterhaltung," sagt Campbell. "Die Namen auf den DVDs waren die größten Namen im damaligen Musikbusiness und es sind auch heute immer große Namen."

Oder, um es in Jeff Peischs knappen Worten zu sagen: "So etwas gibt es heute einfach nicht mehr im Fernsehen."

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