Vince Gill

Diese Tage sind sehr gute Tage für Vince Gill. Im Laufe seiner unglaublichen 30-jährigen Karriere hat er auf jeden Fall beide Seiten dieses unbeständigen Musikgeschäfts erlebt. Bei einer Sache blieb Gill jedoch standhaft - seiner Leidenschaft für die Musik. Gut, vielleicht auch bei zwei Sachen - denn auch seinen wunderbaren Sinn für Humor konnte er sich bewahren.

Beide Eigenschaften zeigen sich deutlich auf seinem Platin-Album "These Days", einem Panorama-Set mit vier CDs und 43 Songs, das die vielfältigen musikalischen Stilrichtungen einfängt, die Gills Arbeit im Laufe von 19 Nr. 1 Singles, drei Platin- und sechs Mehrfachplatin-Alben ausgezeichnet haben. Hier ist jedoch noch etwas anderes am Werk , oder vielleicht auch nicht am Werk. Bei jedem Song auf "These Days" scheint Gill lockerer, ungezwungener und eher bereit zu sein, sich gehen zu lassen und einfach nur zu spielen als bei seinen vorhergehenden, kürzeren Alben. Nach Aussage von Gill ist das zum Teil Eric Clapton zu verdanken. Im Jahr 2004 rief der legendäre Gitarrist Gill an und bat um dessen Teilnahme am Crossroads Guitar Festival in Dallas. Dieser Anruf brachte Gill so auf Touren wie lange nicht mehr.

"Das war für mich eine große Sache, die mein Leben verändert hat", erinnert sich Gill. "Hier gab es jemanden, der mich als Musikerkollegen sah, nicht als Countrystar, und er ist einer der besten Musiker, die es jemals gegeben hat. Dass er mich als Künstler, dessen Arbeit er bewundert, zu diesem Festival eingeladen hat - das hat mich einfach dazu inspiriert, wieder loszulegen und zu spielen".

Gill machte sich mit neuem Eifer an die Aufnahmen und stellte fest, dass er nicht aufhören konnte. Er stellte auch fest, dass er sich richtig gehen lassen konnte.

"Wenn ich es rocken lassen wollte, dann habe ich es so hart rocken lassen wie ich wollte", sagte er."Anstatt der Meinung zu sein, dass es Grenzen gab, die ich nicht überschreiten sollte, habe ich diese Grenzen einfach überwunden".

Wenn Clapton dieses ehrgeizige Projekt angestiftet hat, so trugen auch die Beatles zur Inspiration bei. Gill nahm gerade in den Blackbird Studios in Nashville auf, als er ein Poster bemerkte, das für drei Alben der Beatles warb, die im selben Jahr veröffentlicht worden waren.

"Ich wusste, dass ich nicht zufrieden damit wäre, 10 Songs heraus zu suchen,und versuchte eine Lösung dafür zu finden, all dieses Material, das wir hervorgebracht hatten, unterzubringen. Also dachte ich: "Warum kann ich nicht einfach all diese Platten herausbringen, da sie sich doch stilistisch voneinander unterscheiden?´"

Gill trat an Luke Lewis, den Vorsitzenden von der Universal Music Group Nashville, mit der Idee heran, ein Country-Album, eine CD mit Balladen und eine CD mit temporeicheren, modernen Songs zu veröffentlichen. Lewis fand die Idee toll und schlug vor, noch eine vierte Platte hinzuzufügen und alle als Boxset zu veröffentlichen - eine bisher nie da gewesene Idee für ein Projekt mit völlig neuem Material.

"Die Idee für das Set entstand aus der Notwendigkeit heraus", meinte Lewis. "Wir sprachen über das Marketing und Vince sagte, er hätte noch mehr Songs und würde diese gern akustisch aufnehmen. Er hatte ganz offensichtlich eine unglaublich kreative Phase, und ich wäre dumm gewesen, ihn aufzuhalten. Ich war an der Vermarktung eines Boxsets mit vier CDs von Johnny Cash beteiligt gewesen, also war diese Idee, wie die meisten guten Ideen, eigentlich geklaut."

"Vince schlug vor, verschiedene Titel in verschiedenen Formaten zu bringen, also brachten wir Singles im Countryradio, auf christlichen Radiosendern, im Bluegrass- und Jazzradio. Vince hatte sehr gute, klar umrissene Vorstellungen über die Vermarktung, und diese Zusammenstellung ist für die Käufer ein Schnäppchen. Für den Preis von zwei CDs bekommen sie vier, und es gibt keine "Lückenfüller´. Ich kenne keinen anderen Künstler heutzutage, der in der Lage wäre, in relativ kurzer Zeit 43 großartige Songs für eine Kollektion dieses Kalibers zu schreiben und aufzunehmen".

"These Days" des Labels MCA Nashville hebt die Vielseitigkeit von Gill heraus und veranschaulicht seine chamäleonartige Fähigkeit, völlig unterschiedliche Stilrichtungen zu lenken; vom Bluegrass der Appalachen über Country der Alten Schule bis hin zum Torch-Singing-Jazz. Auf "Workin' on a Big Chill (The Rockin' Record)" lebt er seine kraftvolle Seite aus, während er auf "Little Brother (The Acoustic Record)" seine Qualitäten als Songwriter zeigt. "The Reason Why (The Groovy Record)" macht ihrem Namen mit dem Titelsong und der Single mit Alison Krauss und einem wunderbaren Jazzstandard mit Diana Krall, sowie Gastauftritten von Sheryl Crow, Bonnie Raitt, LeAnn Rimes und Trisha Yearwood alle Ehre.

Das Verzeichnis der Personen, die am Album mitgewirkt haben, liest sich wie das Who's Who der Musik: John Anderson, Guy Clark, Rodney Crowell, Phil Everly, Emmylou Harris, Diana Krall, Del McCoury, Michael McDonald, Gretchen Wilson und viele andere liehen "These Days" ihre Stimmen. Viele hatten schon vorher mit Gill zusammen gearbeitet, wie zum Beispiel Bekka Bramlett, die mit ihrer kraftvollen Stimme zu "The Rhythm of the Pourin' Rain" beiträgt. Bramlett trat auch als Backup-Sängering für Gill bei dessen letzter Tour auf.

"Die Arbeit mit Vince macht immer Spaß", meinte Bramlett. "Man lernt, seiner Musik treu zu bleiben. Es ist einfach, im Studio alle Register zu ziehen, und deshalb bewundere ich am meisten an dieser Platte, dass sie so organisch ist. Ich lerne eine Menge von ihm darüber, wie man sich eine professionelle Arbeitsmoral erhält".

Lee Ann Womack, die mit Gill das wehmütige "If I Can Make Mississippi" für die Country-CD, "Some Things Never Get Old (The Country and Western Record)" aufnahm, bestätigt die Empfindungen von Bramlett.

"Vince ist einer der besten Sänger und vielseitigsten Künstler, die wir im Countrybereich jemals hatte", meinte Womack. "Ich finde es toll, mit Leuten wie ihm zu arbeiten. Er lässt uns gut aussehen".

Einer der Songs, mit dem Gill am zufriedensten ist, ist "Sweet Little Corrina", den er mit Phil Everly von den Everly Brothers aufnahm, der Mitglied in der Country Music Hall of Fame ist.

"Dieser Song ist einer der großartigsten musikalischen Momente in meinem ganzen Leben", meinte Gill. "Ich verehre ihre Musik so sehr. Ich fühle mich von dieser Familienharmonie so angezogen. Wenn zwei Leute zusammen singen und das zu einer Einheit wird - das ist wahre Magie".

Vince Gill These Days BoxDiese nahtlose Familienharmonie ist auch bei "A River Like You" offensichtlich, das Gill vor 22 Jahren schrieb und nun mit seiner Tochter Jenny Gill zusammen singt. Die Vermischung ihrer Stimmen zu hören brachte Gill den Tränen nahe.

"Es passiert etwas, wenn Leute mit demselben Blut miteinander singen", meinte er. "Jenny klingt wirklich toll, und ich kann nicht sagen, wie mir das zu schaffen machte, diese beiden Stimmen zu hören, die auf genau dieselbe Art vibrieren - wow."

Das Projekt war auf mehr als eine Art eine Familiensache, auch Vince Gills Ehefrau Amy Grant trug mit ihrer Stimme dazu bei. Ein Duett auf dem letzten Album von Grant half Gill dabei, sich bei diesem Projekt stimmlich locker zu machen.

"Beim Singen von "Rock of Ages' auf der letzten Platte von Amy hatte ich das Bedürfnis, loszulassen, und ich fand es sehr beruhigend, mich zu befreien und loszulassen. Ich sagte "Lasst uns alles geben. Wenn wir den Verstärker auf 12 drehen müssen, dann machen wir das eben´, und das war sehr befreiend".

In dieser Stimmung heuerte Gill String-Arranger David Campbell an, um Klangwelten zu schaffen, die im Country bisher nie da gewesen waren. Keyboarder John Hobbs und Techniker Justin Niebank unterstützten Gill ebenfalls dabei, bis an die Produktionsgrenzen zu gehen, zusammen mit talentierten Musikern wie zum Beispiel Big Al Anderson. Auch wenn Gill wie ein Perfektionist im Studio klingt, meinte er, dass er davon in Wirklichkeit weit entfernt ist und es vorzieht, zu sehen, wohin die Musik ihn trägt, anstatt andersherum.

"Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich im "Jetzt" lebe und sehr impulsiv bin", meinte er. "Manche Leute brauchen Vorbereitung und Strukturen. Amy braucht so etwas. Wir sind in dieser Hinsicht total verschieden. Sie weiß gern, was passiert. Ich hingegen reagiere lieber einfach darauf".

"These Days" erhielt im Dezember Platin, ein erster Eindruck davon, wie die langjährigen Fans von Gill auf sein neustes mutiges Unterfangen reagierten. Obgleich er in den letzten Jahren für die Veröffentlichung von Singles im Radio nur lauwarme Kritiken erhalten hatte, scheint Gill inzwischen mit jedem Ergebnis zufrieden zu sein - solange er weiterhin Musik von hoher Qualität machen kann, die ihn als Künstler herausfordert und seine Seele bewegt.

"Das ist ein wirklich interessantes Geschäft", sagte er. "Wenn man endlich weiß, wie es läuft, dann will man nicht damit aufhören, nicht? Ich habe gesehen, wie viele Künstler - ich selbst eingeschlossen - Karikaturen ihrer selbst wurden, weil sie etwas finden, das funktioniert und es überstrapazieren. Ich versuche immer noch, Hitalben zu produzieren und in diesem Geschäft so groß zu sein wie möglich. Aber ich kann das nicht steuern, und ich habe gelernt, das alles aus der Hand zu geben. Ich bin der Ansicht, dass wenn ich eine Platte mache und diese sich 10 Millionen Mal oder 1000 Mal verkauft, egal - keine der Noten wird sich jemals ändern".

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