Kenny Chesney

Mit Strickmütze, schlabberigen Khakihosen und einem grauen Sweatshirt sieht der junge Mann wie ein Student in den Zwanzigern aus, der gerade dabei ist, es in der Welt zu etwas zu bringen, aber noch nicht ganz so weit ist, sich dem Diktat der Seriosität zu beugen. Das ist das Schöne an Kenny Chesney: der zweifache Gewinner des CMA-Awards für den Entertainer des Jahres (2004, 2006) sowie für das Album des Jahres 2004 ("When the Sun Goes Down") sieht aus wie der Mann von nebenan.

Dabei handelt es sich nicht um eine einstudierte Tarnung. Auch nach 25 Millionen verkauften Alben ist Chesney wirklich ein Künstler, der sich mit seiner Zuhörerschaft identifiziert. Diese Identifikation mit den Leuten, die im Verlauf der letzten fünf Jahre beinahe 6 Millionen Konzerttickets erworben haben, beruht auf Gegenseitigkeit: Wenn Chesney sein Publikum anschaut, sieht er sich selbst.

"Ich war ganz genau wie diese Kids da draußen, und ich glaube, das bin ich immer noch", so Chesney. "Wenn ich auf die Bühne gehe oder eine Platte mache, versuche ich an das zu denken, was mir Spaß macht, weil ich den Leuten die tollste Zeit ihres Lebens bescheren will."

Seit seinem großen Wurf "No Shoes, No Shirt, No Problems" im Jahr 2002- dem Album, das direkt auf das mit Doppelplatin ausgezeichnete "Everywhere We Go" und sein Greatest-Hits-Album folgte- hat Chesney das Leben vieler Menschen jenseits der Medienzentren berührt.

Indem er sich zugänglich zeigt, erlangt der Sänger ein Gespür für die Normalität, das den Dingen, die jeder Mensch durchmacht, eine gewisse Würde verleiht.

"Wir machen alle dasselbe durch, und genau darum geht es in vielen dieser Lieder", meinte der aus Lutrell, Tennessee, stammende Musiker. "Darum habe ich "I Go Back´ geschrieben, denn ich glaube, dass es unabhängig davon, wer man ist, Songs gibt, die diese Momente prägen. Wenn man sie hört, fühlt man sich gleich dahin zurückversetzt. Mir war es vergönnt, eine Reihe Songs zu schreiben, die genau das bewirken."

Foto: Melanie Dunea für BNA RecordsIn der Tat fängt Chesneys Lied "Summertime", das fünf Wochen Platz 1 belegte, genau ein, was es bedeutet, an den sorglosen Tagen ohne Schule jung und am Leben zu sein. Demgegenüber definiert der Song "The Good Stuff", der sich sechs Wochen auf der Nr. 1 hielt, was im Leben wirklich wichtig ist, und "There Goes My Life", der acht Wochen die Spitze der Charts behauptete, zeigt, wie eindrucksvoll das Leben sein kann, wenn es voll ausgelebt wird.

"Genau das ist es", so der Vorsitzende von Sony BMG Nashville, Joe Galante. "Er hat nie vergessen, wie es ist, der Junge in der Menge zu sein, der zu den Stars auf der Bühne aufschaut. Er ist immer noch ein Fan. Nehmen Sie einmal den Preis für seine Konzertkarten. Er könnte mehr verlangen, aber er möchte, dass seine Fans das Gefühl haben können, dass sie einen echten Wert geboten bekommen, nicht wie es bei anderen Stars ist."

In manchen Dingen ist Chesney ein geradezu unwahrscheinlicher Superstar. Letztes Jahr spielte er in neun Football- und Fußballstadien und trat an für Country-Musik so wenig traditionellen Veranstaltungsorten wie Seattle, Boston und Detroit sowie dem New Yorker Madison Square Garden vor ausverkauftem Haus auf.

"An solche Dinge denkt man dabei nicht, weil man versucht, den Momenten eine Bedeutung zu verleihen", meinte der Singer/Songwriter in seiner angenehmen Art. "Die Leute nennen mir die Statistiken, und dann halte ich schon inne und denke darüber nach. Manchmal versuche ich, mir der Sache bewusst zu werden, aber das sind letztendlich bloß Zahlen. Für mich geht es um die Leute, die ihre Radios aufdrehen oder mit uns mitsingen, wenn wir in ihrer Stadt auftreten. Das sind die Augenblicke, auf die es ankommt."

Chesney, der in den Spelunken des Lower Broadway von Nashville auftrat, bevor die legendäre Honky Tonk Row ihre Wiedergeburt erlebte, brachte neben harter Arbeit und einem guten Gespür für Songs auch eine fast schon magische Komponente auf: Träume im wahrsten Sinne des Wortes. Für einen Jugendlichen, der das Gitarrespielen erst im ersten Studienjahr am College wirklich ernst nahm, war es ein großer Traum, an den er sich herantraute. Aber er hat es gewagt und zog nach seinem Abschluss nach Nashville.

Ein bisschen Erfolg sollte zu etwas größeren Träumen führen, aber es gibt Dinge, die selbst ein Träumer der Größenordnung eines Chesney nicht zu träumen gewagt hätte- ein Interview mit Rodney Crowell über das Songschreiben, ein Auftritt mit "You Don't Know Me" beim Benefizkonzert zum Gedenken an Ray Charles anlässlich der Premiere des Films "Ray" und jetzt die Produktion des neuen Albums von Willie Nelson.

"Wenn er seinen Mund aufmacht, kommt so viel rüber, nicht nur was die Töne angeht", so Chesney. "Das ist Willie Nelson. Er ist eine der größten amerikanischen Stimmen aller Zeiten und er gehört zu den Musikern, die ich schon mein ganzes Leben gehört habe. Darum ist der Gedanke, dass er mich anrufen würde, um mit ihm eine Platte zu machen... naja, so etwas wagt man nicht einmal zu träumen."

Nachdem er sein Handwerkszeug beim Verlag Acuff Rose als angestellter Journalist verfeinern konnte, erlernte er das Songschreiben im althergebrachten Sinn. Was dafür sorgt, dass ein Song funktioniert, ging ihm in Fleisch und Blut über, und er nahm dies sehr ernst, als er nach Material für Nelson suchte. Er bediente sich bei Guy Clark, Bob Dylan, Kris Kristofferson, Dave Matthews und Randy Newman, um Songs herauszusuchen, die so stark wie Nelsons Gesang sind.

"Wir versammelten die Leute alle in einem Kreis im Studio, und sie hatten einfach so eine unglaubliche Präsenz", erzählte Chesney. "Hier sang Willie Nelson Songs einiger der besten amerikanischen Songwriter, und man merkte förmlich, wie alle vollkommen bei der Sache waren. Sogar Willie meinte, dass er noch nie soviel Spaß im Studio gehabt habe. Das macht mich stolz."

Foto: Melanie Dunea für BNA RecordsMit dem Nelson-Album und einem Bluegrass-Projekt für sein eigenes Bandmitglied Tim Hensley, die beide gemeinsam mit seinem langjährigen Kreativpartner Buddy Cannon produziert wurden, scheint sich Chesneys Schwerpunkt verschoben zu haben. Was kann schließlich angesichts der Energie und des Einsatzes, die Chesneyfür seine aktuellen Vorhaben aufbringt, noch übrig bleiben? Die Antwort entspricht genau dem, was man von einem Mann erwartet, der sich dafür einsetzt, die Preise für Konzertkarten auf einem angemessenen Niveau zu halten, seine Auftritte aufregend zu gestalten und mit seiner Musik eine Verbindung zu seinem Publikum beizubehalten. Er begann schon, sich nach Bühnenausstattungen für seine "Flip Flop Summer Tour" umzusehen, als seine "The Road and the Radio Tour" mit 1,3 Millionen verkauften Tickets noch nicht einmal ganz abgeschlossen war - und da dachten er und die Band schon über die neuen Setlisten nach.

Die neue, von Cruzan Rum gesponserte Tour beginnt am 12. April und läuft bis zum frühen Herbst mit einer All-Star-Besetzung, die Brooks & Dunn, Sara Evans, Pat Green und Sugarland umfasst. Chesney war kürzlich in "60 Minutes" auf CBS sowie in der Badeanzug-Ausgabe von "Sports Illustrated" zu sehen.

Galante erkennt den Antrieb in diesem Künstler, den er mitgeformt hat.

"Kenny wird als Entertainer, Autor und Sänger weiter wachsen", meinte Galante.

"Er lernt aus seinen Erfahrungen und ist jemand, der weiß, wenn ein anderer etwas besser macht als er. Das spornt zusätzlich an. Wenn man Sport macht, wird einem beigebracht, immer daran zu glauben, dass die Dinge möglich sind, auch wenn es so aussieht, als wäre das nicht der Fall. Das Endergebnis: Man strengt sich mehr an und strebt immer weiter nach etwas Besserem."

Nachdem fünf Singles seines mit Dreifach-Platin ausgezeichneten Albums "The Road and the Radio" veröffentlicht sind (darunter die Songs "Living in Fast Forward" und "Summertime", die mehrere Wochen auf Nummer 1 standen, sowie die beiden Songs "Who You'd Be Today" und "You Save Me", die Platz 2 erreichten, sowie seine jüngste Veröffentlichung "Beer in Mexico", bei der es sich um seine bisher am schnellsten in den Charts steigende Single handelt, die derzeit auf Platz 2 steht und weiter steigt), hat Chesney Zeit damit zugebracht, Songs anzuhören und darüber nachzudenken, was er als nächstes sagen möchte.

"Die Sache, die einen bei der Stange hält, ist der Wunsch, ein bisschen tiefer in das Herz eines Songs einzudringen", so Chesney. "Wenn man mit so großartigen Songs gesegnet wurde, liegt die Messlatte ziemlich hoch. Wenn ich unterwegs eine Sache gelernt habe- ob beim Autofahren, Radio hören oder Auftreten - ist es, dass die Songs den Ton angeben. Wenn man die richtigen Lieder hat, ist alles möglich; wenn nicht, dann können auch die besten Dinge um dich herum in die Binsen gehen."

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