Keith Urban

Nachdem das neue Album unter Dach und Fach war und alle TV-Auftritte genau geplant waren, schien Keith Urban bereit zu sein, genau da weiterzumachen, wo er aufgehört hatte. Eine Rückkehr in die Entzugsklinik bringt diesen reibungslosen Ablauf jetzt jedoch in Gefahr.

Die Veröffentlichung des neuen Albums am 7. November (USA) - 17. November (Europa) sollte eigentlich wie folgt vonstatten gehen: Der gut aussehende Countrystar sollte auf allen Fernsehsendern Promotionauftritte absolvieren, die Radios würden das Album nach Hitsingles absuchen, die Fans würden massiv die CDs kaufen und die Plattengesellschaft würde den entsprechenden Erfolg feiern.

Und warum sollte sich dies auch nicht so abspielen? Alles schien in der letzten Zeit gut für den in Neuseeland geborenen und in Australien aufgewachsenen Musiker zu laufen, dessen sehnlichster Wunsch bis zur letzten Woche darin bestand, seinen Fans das neue Album vorzustellen.

"Viele dieser Songs eignen sich hervorragend dazu, live gespielt zu werden, besonders in Hallen, in denen die Leute mitsingen", sagte Urban kürzlich, während er seinem Album im Aufnahmestudio den letzten Schliff gab. "Es ist wie in einem Fußballstadion, wo jeder in die Gesänge einstimmt. Ich liebe das."

Love, Pain and the whole Crazy ThingJetzt wird jeder "Love, Pain and the Whole Crazy Thing" zuerst nach Hinweisen absuchen - Hinweisen darauf, was den 39-jährigen Urban dazu brachte, vor einigen Tagen wieder die Entziehungsklinik aufzusuchen. Der Sänger hatte sich innerhalb von nur drei Jahren durch eine ganze Reihe von Hit-Singles auf zwei Alben von einem namenlosen Country-Sänger zu einem der bekanntesten Stars entwickelt, wobei von diesen Alben jeweils mehr als 3 Millionen Stück verkauft wurden.

Seitdem er den Sprung vom unbekannten Opening Act zum Headliner schaffte, der ganze Stadien füllt, wird er allgemein als einer der führenden Anwärter der Country-Szene auf einen Durchbruch im Mainstream-Pop (sowohl in den USA als auch international) angesehen. Erst vor vier Monaten hat der Countrysänger mit der Rockader den größten Kinostar aus Australien, Nicole Kidman, geheiratet, was ein märchenhafter Schlussstrich unter eine nicht immer geradlinig verlaufende Entwicklung zu sein schien.

"All dies schien darauf hinzuwirken, Keithan die Spitze der Countrymusik zu bringen", sagte Michael McCall, Redakteur für die County Music Hall of Fame und erfahrener Musikjournalist. "Er ist sicherlich einer der größten Stars in dieser Branche und es sieht nicht so aus, als ob seine Karriere den Höhepunkt schon erreicht hätte."

Weniger als zwei Wochen vor der geplanten Veröffentlichung seines Albums in den USA schockte Urban die Fans und sogar einige seiner Vertrauten dadurch, dass er sich nach Cumberland Heights,einer Entziehungsklinik, begab, was Erinnerungen an seinen langen Kampf mit Drogen und Alkohol weckte, von dem die Menschen dachten, dass er ihn erfolgreich bestanden hatte.

Bisher beschränken sich die Aussagen von Urban in der Öffentlichkeit auf eine kurze Erklärung über einen Sprecher, die auch auf der Website erschient: "Ich bedauere zutiefst, dass ich Nicole und diejenigen, die mich lieben und unterstützen, Kummer bereitet habe" wurde in dieser Erklärung unter anderem angegeben. "Wenn man sich von einer Abhängigkeit befreien will, darf die Aufmerksamkeit niemals nachlassen, und ich fürchte, genau dies ist geschehen."

Die britischen Tageszeitung "Daily Mail" will erfahren haben, dass Nicole am Boden zerstört ist. Ein Freund sagte: "Nicole hat ihn vor die Wahl gestellt: Er macht einen Entzug, oder sie verlässt ihn. Sie ist ein emotionales Wrack. Sie würde esKeith niemals erzählen, aber sie sagt ihrer Familie und engen Freunden, dass ihre Ehe am seidenen Faden hängt."

Vertreter seiner Plattenfirma Capitol Nashville und sein Management machten keine Angaben darüber, was ihn konkret dazu bewog, sich einer Entziehungskur zu unterziehen.

Sein Manager Gary Borman erklärte, dass es das Ziel von Urban sei, dauerhaft gegen seine Abhängigkeit vorzugehen. "Er ist sehr stark und sehr diszipliniert und dachte deshalb, dass er das Problem allein bewältigen könne", sagte Borman. "Aber das ist einfach nicht möglich".

In seiner Ankündigung vom 20. Oktober 2006sagte Urban alle öffentlichen Auftritte in der nächsten Zukunft ab. Dies schloss einen Auftritt am 6. November bei der im Fernsehen übertragenen Awards-Show der Country Music Association in Nashville ein. Auch weitere wichtige Auftritte im Fernsehen entfallen. Auch fielen die Promotion-Termine in Deutschland diesem Entschluss zum Opfer.

Die Pläne für die Veröffentlichung des Albums werden vorangetrieben, aber die Abwesenheit von Urban hinterlässt natürlich eine große Lücke. So hat seine deutsche Plattenfirma EMI fast alle Marketing-Aktivitäten auf Eis gelegt, bis der Künstler für Promotion zur Verfügung steht.

"Das ist ein harter Schlag", gab der Präsident von Capitol Nashville, Mike Dungan zu. "Das wichtigste Promotioninstrument bei einer Veröffentlichung eines Albums ist der Künstler selbst. Wir verlieren unseren Auftritt bei den CMA-Awards, einen Auftritt in der Halbzeitpause eines großen, im Fernsehen übertragenen Footballspiels, in der "Today"-Show und der "Tonight Show with Jay Leno".

Johnny CashIn der Vergangenheit spielten Alkohol- und Drogenmissbrauch eine große Rolle beim Image einiger der größten Countrystars, einschließlich Hank Williams, George Jones, Johnny Cash und Waylon Jennings.

Heute ist das jedoch nicht mehr der Fall. "Heutzutage wird von den Stars erwartet, dass sie gesünder, in einer besseren Verfassung und präsentabler sind, als dies noch vor 20 oder 30 Jahren der Fall war", sagte McCall. "In der Countrymusik wird heutzutage sehr viel Wert auf das Image gelegt. Von den Künstlern wird erwartet, dass sie wirklich hart arbeiten. Es ist sehr schwer, betrunken oder high zu sein und die jetzt von ihnen erwartete Arbeit durchzuführen." McCall fügte hinzu: "Gleichzeitig erkennen die Leute aber, dass Alkohol- und Drogenmissbrauch eine Krankheit ist, und eine Entziehungskur kann als positiver Schritt gesehen werden."

Duncan bemerkte, dass sich viele berühmte Stars von Problemen mit Abhängigkeiten erholt haben: "Kelsey Grammer hatte Probleme, Robin Williams hatte Probleme und dies waren Leute, die zur besten Sendezeit als familienfreundliches Aushängeschild auftraten. Ich denke, man erwartet fast, dass es zu irgendeinem Zeitpunkt solche Probleme gibt. Man macht Fehler, gerät in Schwierigkeiten, rappelt sich wieder auf und am Ende ist man immer noch ein Künstler, immer noch ein Entertainer, immer noch jemand, der dem Publikum etwas zu sagen hat, was von diesem auch verstanden wird."

In der Tat haben sich die Fans von Urban beinahe geschlossen hinter den Countrysänger gestellt. In den Reaktionen auf KeithUrbanFans.com und den Country Music Television-Fanforen war fast ausschließlich Unterstützung zu finden.

"Ich bin so stolz, dass Keith das Problem erkannt hat und sich einer Entziehungskur unterzieht", lautet ein Posting auf der CMT-Website. "Dies hat mich besonders überrascht, weil es so kurz vor seiner geplanten Veröffentlichung des Albums kommt. Ich hoffe, dass ihm klar ist, dass sein Leben wichtiger als Plattenverkäufe ist."


Momentaufnahmen eines Lebens

Ein Aufenthalt in einer Entziehungskur bedeutet jedoch auch, dass seine neue Musik mit Sicherheit unter einem anderen Blickwinkel betrachtet wird. Die erste Single auf dem Album "Once in a lifetime" ist eine eher optimistische Ode an die unsterbliche Liebe, in der es darum geht, die Frau die man liebt, zu heiraten, Kinder zu bekommen und zusammen alt zu werden.

Aber es gibt Hinweise darauf, dass die Erfüllung dieser Wünsche nicht selbstverständlich ist:

It's a long shot baby
Yeah I know it´s true
But if anyone can make it
I´m betting on me and you.

Der Druck wurde vor zwei Monaten sichtbar, als sich Urban in einem Tonstudio in Nashville befand, um die Arbeit an seinem mit Spannung erwarteten vierten Album abzuschließen.

Obwohl er bis zu seinen gepiercten Ohrläppchen in Arbeit mit dem Mixen und Editieren seines Albums steckte, führte er sich eher wie das sprichwörtliche Kind im Süßwarenladen auf.

"Ich liebe diesen Teil der Entstehung eines Albums", sagte Urban lächelnd an einem warmen Spätsommertag, als er zwischen zwei Räumen hin- und herging, um Songs in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung den letzten Schliff zu gehen.

Nachdem er die Arbeit für diesen Tag beendet hatte, fuhr er zusammen mit seinen Eltern zum Haus des Koproduzenten Dann Huff, um weitere Mixe im Heimstudio von Huff anzuhören.

Danach flog er nach London, um sich mit der Muttergesellschaft seines Labels, der EMI-Gruppe, über die weiteren Promotionaktivitäten abzusprechen.

Urban tourte 2006 deutlich weniger, um Zeit mit Nicole Kidman zu verbringen, die er Anfang letzten Jahres in Los Angeles, Kalifornien,traf, und um an seinem neuen Album zu arbeiten. Es standen jedoch ein dicht gedrängter Promotionzeitplan und eine weltweite Tour für das nächste Jahr bevor, von der Dungan, Borman und andere immer noch hoffen, dass er sie unternehmen wird. Auch die Deutschland-Tournee im März 2007 wurdeverschoben.

Urban hat sein Publikum erheblich erweitert, seit er im letzten Jahr zum Hauptact für große Konzerte wurde. Ursprünglich kam er mit seinem guten Aussehen und seiner Neigung zu ernsten Songs über romantische Liebe und Hingabe vor allem bei Frauen an. Nachdem diese jedoch ihre Ehemänner und Freunde zu seinen Konzerten geschleppt hatten, wurden auch viele Männer ein Fan dieses Künstlers, als sie seine dynamische Performance entdeckten und sich herausstellte, dass er nicht nur ein sehr talentierter und ausdrucksstarker Gitarrist, sondern auch ein recht guter Pianist und Percussionist ist.

All diese Talente bringt er auch in seinem neuen Album ein, in denen der erdige Klang seiner früheren Songs teilweise durch einem etwas kantigeren Classic Rock-Sound ersetzt wird.

Die umfangreichere Palette ist auf zwei Faktoren zurückzuführen: Die Reaktion der Fans während der Konzerte und der Hang von Urban und Huff zum Experimentieren.

"Ein Teil des Erforschens besteht in der Bereitschaft, auch Erfahrungen zu machen, die absolut daneben sind", sagte Urban im August. "Zum Erforschen braucht man Mut. Im schlimmsten Fall landet man einfach wieder am Ausgangspunkt. Aber zumindest sieht man diesen von einem anderen Blickwinkel aus."

Don WilliamsOb nun im Aufnahmestudio oder auf der Bühne: Urban macht genau das, was er seit der Zeit, als ihm seine Eltern seine erste Gitarre als Kind schenkten, tun wollte: Countrymusik in Nashville spielen. Auf der Farm, auf der er außerhalb von Brisbane (Australien) aufwuchs, wurde er durch die Plattensammlung seines Vaters, in der Sänger wie Don Williams, Ronnie Milsap, Merle Haggard und Glen Campbell dominierten, zur Liebe für die Countrymusik herangeführt.

Als er etwas über 20 Jahre alt war, erhielt er einen Plattenvertrag in Australien, erzielte dort einige Hits und ging 1992 nach Nashville. Er gründete ein Country-Trio namens "The Ranch", das ein Album herausbrachte, sich jedoch schnell wieder auflöste. Als es mit seinen Zukunftsaussichten und finanziellen Mitteln abwärts ging, wandte sich Urban dem Alkohol und den Drogen zu. Sein absoluter Tiefpunkt kam in einer Nacht, als er schweißgebadet auf dem Boden einer Wohnung umherkroch, um noch mehr Kokain zu finden.

Keith Urban CDEr ging freiwillig in eine Entziehungsklinik und begann dann seinen stetigen Aufstieg in den Countrycharts, nachdem er 1999 sein Soloalbum "Keith Urban" herausbrachte. Er sprach offen über seinen Drogen- und Alkoholmissbrauch und machte diese Facette seines Lebens auch gelegentlich zum Gegenstand seiner Songs, insbesondere im 2002 veröffentlichten Album "Golden Road". Dieses Album schloss mit dem Song "You're not my God", ein eindringliches Porträt über das Leben eines Kokainabhängigen.

Insgesamt ist seines Lebensgeschichte jedoch eher als Subtext denn als konkreter Inhalt in seinen Songs zu finden. Seine Musik wird durch eingängige Melodien und eine oft fröhliche, von Dankbarkeit geprägte Einstellung gekennzeichnet. Dies steht im Einklang mit der neuen Country-Schule, die die ewig gleichen Countrymusik-Themen wie Trinken, Betrug und Lügen weitgehend meidet.

Urban erklärt, dass seine Songs und Alben Momentaufnahmen aus seinem Leben zum Zeitpunkt ihrer Entstehung darstellen, und einige ihm nahe stehende Personen sind der Auffassung, dass er seine jüngsten Erfahrungen ebenfalls in Zukunft künstlerisch verarbeiten wird.

"Ich denke nicht, dass er das introspektive Element fallen gelassen hat", sagt Borman. "Es gibt immer noch diesen Kampf. Es gibt immer einen kleinen Zweifel und jeder, der sich selbst gegenüber aufrichtig ist, kann sich damit identifizieren. Ich denke, dass dieses Element immer noch stark in ihm ist, und dies zum Ausdruck zu bringen, ist Teil des Jobs eines Künstlers, der sich um Ehrlichkeit bemüht."

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