Kris Kristofferson

Kaum zu glauben aber wahr: Kris Kristofferson feiert am 22. Juni seinen 80. Geburtstag. Dazu wollen wir doch herzlich gratulieren!

Viele von der alten Garde sind ja nicht mehr übrig. Johnny ging schon vor Jahren, George 2013 und vor zwei Monaten starb Merle Haggard an seinem 79. Geburtstag. Genau genommen sind nur noch Willie Nelson und Kris Kristofferson von den Pionieren, von den Legenden und Wegbereitern des Country übrig - die allerdings erfreuen sich, soweit man weiß, guter Gesundheit. Zumindest sind beide derartig produktiv, dass man es nicht glauben will, dass beide Musiker in den 80ern sind.

ist jetzt also seit dem 22. Juni 2016 im Club der 80-Jährigen. Das ist erstaunlich genug. Wer sich aber mal kurz auf seiner Website umsieht, denkt eher an einen 40-Jährigen, als an einen 80-jährigen Oldtimer: neues Album, neue Tour, neuer Kinofilm. Es scheint ihm gut zu gehen, dem rüstigen Jubilar. Darauf stoßen wir gerne an!

Zuletzt hat man sich ja schon etwas Sorgen um den legendären Songschmied und kaum weniger legendären Hollywood-Star gemacht. Es kursierten Alzheimer-Gerüchte - die sich allerdings als Fehlalarm herausstellten. Kris Kristofferson hat sich nach einem Zeckenbiss allerdings Borrelien-Bakterien eingefangen. Das ist auch nicht gerade schön, aber - im Gegensatz zu Alzheimer - gut mit Antibiotika zu behandeln. Seit Kristofferson diese beruhigende Gewissheit hat, nicht an dieser heimtückischen Krankheit zu leiden, lebt er, wie es aus seinem Umfeld heißt, richtiggehend auf.

Vital im dritten Karrierefrühling: Kris Kristofferson

Das klingt vielversprechend. Zumal man sich ohnehin nicht über mangelnde Kreativität seinerseits beklagen konnte. Schon seit seinem großartigen, 2006 erschienenen Comeback-Album "This Old Road" feiert der am 22. Juni 1936 in Brownsville, Texas, geborene Musiker seinen dritten, vielleicht sogar vierten Karriere-Frühling. Das Album war nicht nur das erste Werk nach einer rund zehnjährigen Pause. Es läutete auch eine Art Häutung des grandiosen Singer/Songschreibers ein - eine Fixierung auf ihn selbst. Auf ihn, seine Stimme, seine Gitarre und seine Songs. Im Herbst 2012 hatte der Autor dieser etwas längeren Geburtstagskarte das Vergnügen, mit Kris Kristofferson ein Telefoninterview führen zu dürfen. "Als ich diese One-Man-Show das erste Mal gemacht habe", sagte er über seine ersten Solo-Konzerte, "da war ich richtig nervös. Es war beängstigend. Aber ich habe dann recht schnell herausgefunden, dass ich die direkte Verbindung zum Publikum genieße. Eine Band steht da doch immer irgendwie im Weg."

Vielleicht hat Kris Kristofferson auch Frieden mit seiner Stimme geschlossen. Auch wenn er heute noch immer behauptet, er klinge wie ein Frosch, hat er sich wohl mit seiner Singstimme angefreundet. Trotzdem sagt er, dass er niemals auftreten würde, wenn er kein Songwriter wäre. "Das ist meiner Meinung nach der einzige Weg, um auf die Bühne zu gehen. Ich denke, dass deshalb auch die Leute in meine Konzerte gehen. Sie mögen, was ich geschrieben habe." Nicht nur die. Immerhin haben unzählige Musiklegenden seine Lieder gesungen, darunter: Elvis, Jerry Lee Lewis, Joan Baez, Willie Nelson, Ray Charles und natürlich: Janis Joplin. Ihre Version von Kristoffersons "Me And Bobby McGee" machte die junge amerikanische Bluessängerin unsterblich – und Kris Kristofferson zum Songwriting-Genie. Alleine die Textzeile "freedom is another word for nothing left to loose" zeugt von der unglaublichen Poesie dieses Song-Lyrikers.

Ein Glücksfall für die Musikgeschichte

Dass Kris Kristofferson den Weg des Musikers eingeschlagen hat, ist zweifellos ein Glücksfall für die Musikgeschichte. Es hätte auch leicht anders kommen können. Er hätte, nachdem er im englischen Oxford - mit einem Hochbegabten-Stipendium ausgestattet - englische Literatur studierte, eine akademische Bilderbuch-Karriere einschlagen können. Oder: Er hätte bei der Army bleiben können. Die Elite-Akademie in West Point hat ihm in den 60ern ein verlockendes Angebot gemacht. Oder er hätte sich, spätestens nach seiner Paraderolle als "Rubber Duck" in dem Peckinpah-Film-Hit "Convoy" Ende der 70er Jahre, ganz auf seine Hollywood-Karriere konzentrieren können. Alles wäre legitim, alles wäre zum Greifen nah gewesen. Doch anstatt sich die solide Berufskarriere oder das super-glamouröse Filmstar-Leben zu greifen, griff Kristofferson in die Saiten seiner geliebten Gibson SJ-Gitarre um Musik zu machen. Zunächst sah das nach einer schlechten Entscheidung aus. Er jobbte als Barkeeper; er leerte die Aschenbecher in dem Studio, in dem Bob Dylan "Blonde On Blond" aufnahm; er flog für einen Mineralölkonzern Hubschrauber. Doch so nebenbei schrieb er unaufhörlich Songs, nahm er ständig Demos aus.

Demos aufnehmen ist das eine. Sie an den Mann bringen ist aber etwas ganz anderes. Das musste auch Kris Kristofferson erkennen. Eine seiner Song-Demos wollte er unbedingt Johnny Cash, einem seiner Vorbilder, zukommen lassen. Doch sämtliche Versuche scheiterten. Was macht Kris? Er landet mit seinem Ölkonzern-Hubschrauber im großzügigen Gartenareal vom großen Man in Black. Dass ihn keiner von Cashs’ Securitys erschossen hat, dürfte blankes Glück gewesen sein. So aber ist die Musikgeschichte um eine der skurrilsten Anekdoten reicher. Eine Anekdote, die ein Happy End bereithielt, wie man weiß: Schließlich wurden Johnny Cash und Kris Kristofferson die dicksten Freunde, und während ihrer All-Star-Band "The Highwaymen" auch noch Bandkumpel.

Kris Kristofferson blickt nach vorne

Alles lange her. Alles längst vorbei. Doch Kris Kristofferson ist kein Mann für den Rückspiegel. Er blickt nach vorne, er hat Ziele und Pläne. So startet er, just an seinem Ehrentag, eine neue Amerika-Tournee. Gleichzeitig veröffentlicht er ein weiteres Album, das live in Austin eingespielte "The Cedar Creek Sessions", bei dem er - dieses Mal unterstützt von einer vierköpfigen Band plus Gaststar Sheryl Crow - 25 seiner persönlichen Song-Lieblinge neu interpretiert. Das K&K-Jahr rundet darüber hinaus "The Motel Life" ab, ein neuer Film mit Kris Kristofferson in einer Hauptrolle. Zwischendrin wird er sich wohl aber auch mal fesch machen müssen. Denn die Organisatoren des genauso jungen, wie renommierten "Woody Guthrie Preises" haben Kris Kristofferson als neuen Preisträger gekürt. Er tritt damit in die Fußstapfen von Folk-Ikone Pete Seeger und Blues-Legende Marvis Staples. Die Begründung des Award-Komitees: Seine Songs hätten dazu beigetragen, die Welt um einen Tick besser zu machen. Im Oktober 2016 wird der schlaksige Country-Pionier den Preis in Tulsa entgegen nehmen und dabei eine kleine Show mit seinen besten Songs abliefern. Zur Seite stehen wird ihm dabei Rodney Crowell. Der freut sich schon jetzt auf den gemeinsamen Auftritt: "Es ist mir eine Ehre. Mit seiner Poesie war Kris Kristofferson schon in den 60er Jahren konkurrenzlos", sagte Crowell kürzlich in einem Interview, "er sprach unbequeme Wahrheiten an. Genau wie Hank Williams und Johnny Cash vor ihm, hat auch er buchstäblich die Country Music neu definiert."

Das Schöne daran: Er ist immer noch dabei, die Noten, Worte und Harmonien des Genres neu zu vermessen. Happy Birthday, Mister Kris Kristofferson!

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