Wendy Waldman; Foto: Michael BoshearsIm Hip-Hop gibt es Missy Elliot. Im Pop gibt es Linda Perry. Beide sind hervorragende Produzentinnen, an die sich Künstler in der Hoffnung, einen Hit zu landen, in Scharen wenden. Im letzten Jahr haben mit Alan Jackson und Toby Keith in der Country-Musik zwei aktuelle Superstars, die diese Musikrichtung prägen, Frauen engagiert, um ihre Bandbreite zu erweitern. Alison Krauss und Lari White übernahmen dabei jeweils die Produzentenrolle.

Die Frage, der sich Künstler stellen müssen, die sich dafür entscheiden, mit einer Frau am Mischpult zusammenzuarbeiten, ist folgende: Bringen weibliche Produzenten neben ihren ganz persönlichen Talenten aufgrund ihres Geschlechts etwas anderes in die Kreativarbeit mit ein? Wir gingen dieser Frage nach und brachten drei erfolgreiche Country-Produzentinnen an einen Tisch: Hitschreiberin Victoria Shaw, die derzeit mit dem aufstrebenden Trio Lady Antebellum aus Nashville zusammenarbeitet; die von der Kritik hochgelobte Künstlerin/Songwriterin Wendy Waldman aus Südkalifornien, eine erfahrene Produzentin, zu deren Referenzen Alben von Matraca Berg, Suzy Bogguss, den Forester Sisters und New Grass Revival zählen; sowie die vielseitige Songwriterin/Interpretin White wurden eingeladen, um darüber zu reden, was Frauen wissen. Ironischerweise schien allein dahingehend eine Übereinstimmung zu bestehen, dass das Geschlecht nicht so maßgeblich ist, wie möglicherweise angenommen wird.

Welche Vorteile bringt es Ihnen, eine Frau zu sein?
Shaw: "Ganz ehrlich, mein größter Vorteil ist nicht der, eine Frau zu sein, sondern eine Songschreiberin zu sein, deren Hits von Männern gesungen wurden. Was die Tatsache angeht, dass bevölkerungsstatistisch Frauen über 30 den größten Anteil an Country-Fans ausmachen - naja, da habe ich etwas mehr Erfahrung als jeder männliche Produzent."

Waldman: "Mädchen werden eher als Jungs dazu erzogen, auf ihre Intuition zu vertrauen und auf ihre Gefühle sowie die unterbewussten, zwischenmenschlichen Signale zu achten. Das ist eine der Grundlagen der Erziehung unserer Kinder. Daher werden wir ermutigt, uns auf unsere Instinkte zu verlassen, die Stimmungen der Menschen zu erfassen und auch das zu hören, was nicht unbedingt ausgesprochen wird; für Frauen ist das eine natürliche Erfahrung."

Lari WhiteWhite: "Ich gehe an das Studio wie an mein Haus heran: ich vergewissere mich, dass keiner hungrig ist und dass alle sich wohl fühlen. Unser Studio befindet sich direkt bei unserem Haus und wir haben es wie ein Heimstudio gebaut, so dass es auch dieses Gefühl vermittelt - nur bietet es Platz für eine ganze Band. Ich denke, in dieser Art von Umgebung sind Leute offener dafür, Ideen auf den Tisch zu bringen oder Dinge auszuprobieren, die nicht funktionieren."

War das einer der Gründe dafür, dass Ihre Auftraggeber Sie engagiert haben, um für sie die Produktion zu übernehmen?
Waldman: "Männer werden immer noch nicht dazu ermutigt, sich auf diese tieferen Ebenen der zwischenmenschlichen Interaktion einzulassen. In vielen Fällen wird ihnen beigebracht, ihre Gefühle zu ignorieren und einfach ihr Ding durchzuziehen, um die Sache zu erledigen. Demgegenüber wird eine Frau sich im Studio in den Künstler einfühlen und seinen inneren Aufruhr vermutlich etwas schneller spüren als die meisten Männer. Die Mehrheit der Frauen wird besser in der Lage sein, den Künstler zu fördern, denn auf so etwas sind wir vorbereitet. Viele Künstler versuchen, ihre Ängste und Verletzlichkeit zu verstecken, so dass dies einem völlig entgehen kann, wenn man nicht wirklich ein gutes Gespür dafür hat. Das kann schwere Auswirkungen auf eine ganze Platte haben, da ein verängstigter oder abgelenkter oder mit privaten Sorgen belasteter Künstler nicht in der Lage ist, seine beste Leistung zu bringen. Das macht einen enormen Unterschied."

White: "Bei Toby weiß ich ganz genau, dass es ein richtiger Schock war, aber letztlich hätte er niemals ein ganzes Album gemacht, wenn etwas nicht funktioniert hätte. Es lief wie am Schnürchen, so viel Spaß hat es gemacht und so einfach war es! Meine Stärke ist die Zusammenarbeit mit Sängern, weil ich weiß, was da wichtig ist und weil ich ihre Sprache spreche. Darum ist es leichter für mich, jemandem gut zuzureden, damit er über die paar Gesangsdurchläufe hinaus am Ball bleibt, um etwas Magisches zu erhalten. Was das Musikmachen im Allgemeinen angeht, glaube ich vor allem daran, dass es Freude machen muss. Toby meinte, dass er schon lange nicht mehr so viel Spaß dabei hatte, eine Platte zu machen. Darum versuche ich, einen Ort zu schaffen, wo die Musik im Mittelpunkt steht - mit einem starken spielerischen Faktor und sehr viel Liebe."

Was versuchen Sie, aus einem Song und einem Künstler herauszuholen?
Shaw: "Ich denke, ich gehe da ganz anders heran als die meisten Leute. In physischer Hinsicht kann ich erklären, wie jeder Ton und jede Zeile zu treffen ist. Ich bin Sängerin und es gibt einen großen Unterschied bei der Gesangserzeugung. Ich habe mit einer besonders talentierten Singer/Songwriterin namens Hilary Scott zusammengearbeitet und sie gefördert; obwohl sie schon immer ein tolles Organ hatte, bin ich sehr stolz darauf, ihr dabei geholfen zu haben, ihre "Technik" zu entdecken."

Waldman: "Für mich wird alles aus dem Künstler heraus entwickelt und nicht in den Song hineingesteckt. Es sollte viel Aufmerksamkeit darauf verwendet werden, wie die Stimme und Darbietung des Künstlers eingefangen wird; hierbei besteht ein großes Risiko, den Song überzuproduzieren und den Sänger aus dem Blick zu verlieren."

Wie viel Bedeutung hat das Geschlecht bei der Umsetzung von Songs oder Darbietungen?
Shaw: "Einer der Gründe dafür, warum ich als Songwriterin so erfolgreich bin, liegt darin, dass ich die Sichtweise einer Frau einbringe. Ich hatte immer ein Talent dafür, Songs für Männer zu schreiben, die Frauen hören wollten. Ich habe es immer geschafft, mich in den Kopf des jeweiligen Geschlechts hineinzuversetzen, mit dem ich gerade arbeite."

White: "Sexy spricht mich sehr an, insbesondere bei den Balladen. Es ist wahrscheinlich etwas anderes, wenn ein Mann einen Mann produziert. Aber ich kann einfach sagen: "Oh, das ist so heiß!" Ich kann es erkennen und ich kann es fördern. Darum gibt es auf der Platte von Toby ein romantisches Element, für das ich verantwortlich bin."

Foto: Peter Nash
Wovon befreit Sie im Studio die Tatsache, dass Sie eine Frau sind?

Shaw: "Mich befreien? Darüber habe ich noch nie wirklich nachgedacht, aber da es so wenige Vorbilder für Produzentinnen gibt, nehme ich an, dass es mir eher den Weg frei macht, einfach ich selbst zu sein."

Waldman: "Eine Frau zu sein, befreit mich vom Konkurrenzdenken, das manchmal zwischen Männern abläuft und ziemlich ernste Formen annehmen kann, auch wenn es nur unterschwellig vorkommt. Es ist ein stiller Machtkampf in einer beliebigen Anzahl von Bereichen. Das Einzige, worüber ein Produzent sich Gedanken machen sollte, ist, wie gut man einen Groove spürt, die Stimmung des Künstlers oder wohin die Reise gehen soll."

White: "Ich muss keine dreckigen Witze erzählen, um das Eis zu brechen. Darüber hinaus ist es genau das Gleiche. Ich habe die technischen Kenntnisse, um Tabellen zu erstellen und über Mechanik und Schallwellen zu sprechen, aber in erster Linie liebe ich einfach Musiker und Songs. Das Produzieren ist eine tolle Möglichkeit, die Liebe mit anderen zu teilen."

Was macht eine erfolgreiche Produktion aus? Was möchten Sie erreichen?
Shaw: "Wenn der Song und der Sänger herausstechen, nicht die Produktion. Ich bin diese großen Produktionen für mittelmäßige Songs leid."

Waldman: "Ich will das, was jeder Produzent möchte. Ich hoffe, Platten zu machen, die die Wahrheit des Künstlers oder der Band widerspiegeln, die ihnen helfen, die Leute zu berühren. Geduld ist für einen Produzenten die wichtigste Eigenschaft. Und je älter ich werde, desto mehr Geduld kann ich aufbringen. Außerdem habe ich weniger Angst, Fehler zu machen oder noch mal von vorne anzufangen, wenn es nicht funktioniert. Ich möchte, dass die Dinge einfacher, eleganter, kraftvoller und weniger überfrachtet sind. Wenn ich nur meine Schränke dazu bringen könnte, diesem Bild zu entsprechen!"

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