Radical Face - The Family Tree: The Leaves

CD Cover: Radical Face - The Family Tree: The Leaves

Mit "The Leaves" beschließt Radical Face-Mastermind Ben Cooper die Trilogie "The Family Tree" - mit den vertrauten esoterischen Folk-Ambient-Klängen.

So ist das Leben: Mal geht es aufwärts, mal abwärts. Mal hat man Glück, mal hat man Pech. Ben Cooper hatte - wenn man seiner Biografie glauben darf - zunächst mal kein Glück im Leben. Und später kam dann auch noch, wie einst ein berühmter Fußballer sagte, Pech dazu. Aufgewachsen in einer zehnköpfigen Familie in den Südstaaten der USA, hat er Rassismus hautnah erlebt; mit 14 hatte er sein Coming-Out, lebte bei seinem alkoholkranken Vater. Laut Platteninfo "arbeitete er Vollzeit, während er zur Schule ging". Wie das gehen soll, weiß wohl nur Ben Cooper. Egal. Jedenfalls fand die sensible Leseratte schon in jungen Jahren Zuflucht bei der Musik. In dem Info heißt es dann tatsächlich auch noch: "Ich trat fünf Band mit Instrumenten bei, die ich gar nicht spielen konnte." Auch das: ein Rätsel.

Radical Face: Rebell und Träumer

Rätselhaft ist ohnehin irgendwie alles an diesem scheuen, verschrobenen Radical Face. Dem aber dann doch noch das Glück hold war: Eine bekannte Kamerafirma fand Gefallen an dem Titel "Welcome Home" von seinem 2010 erschienenen Album "Ghost" - und nutze ihn für einen Werbespot. Die Folge: viele Millionen YouTube-Clicks. Ben Cooper, oder vielmehr sein Projektname Radical Face, war plötzlich ein Star. Trotz des Erfolges natürlich kein Star von der Stange, kein stromlinienförmiger Karrierist, sondern ein Tüftler, ein Denker, ein sanfter Rebell und vor allem: ein unverbesserlicher Träumer.

"Musik habe ich immer als Therapie genutzt", sagt Radical Face, "mit Musik kann man etwas Hässliches und Hartes in etwas Hübsches verwandeln." Damit beschreibt der Literatur-Junkie in gewisser Weise auch seine Arbeitsweise: düstere Inhalte in positive, unschuldige Melodien verpacken. Dreh- und Angelpunkt ist für den vom John Steinbeck-Epos "Jenseits von Eden" inspirierten Musiker stets die Familie: "The Family Tree" gibt darüber ausführlich Auskunft. Nach "The Roots" und "The Branches" beschließt er dieses Kapitel jetzt mit "The Leaves".

Die zehn Blätter, die der nonkonforme Musiker für das Album einsammelte, schillern in allen möglichen Farben: in fröhlichen Tönen, in düsteren. Mal blühen sie, mal verwelken sie, mal verrotten sie.

Schon der Opener "Secrets (Cellar Door)" lässt mit seinen mystischen Inhalten - ein kleines Mädchen kann verstorbene Haustiere wiederbeleben - an einen Stephen King-Roman denken: Düster, gruselig. Aber eben in energetische und durchaus positive Harmonien und Rhythmen umgesetzt. Worldmusic trifft auf Folk, pulsierende Trommelbeats auf eine perlende Akustikgitarre. Dass man aber spätestens beim zweiten Refrain an Peter Gabriel denken muss, liegt vor allem an dem genauso leisen wie intensiven Gesangsvortrag von Radical Face.

"The Family Tree: The Leaves" - Waldschrate, Kobolde und Peter Gabriel

Die Ähnlichkeiten zu Peter Gabriel und Genesis drängen sich auch in den weiteren Songs auf. Schon beim nachfolgenden "Rivers In The Dust", bei dem ein esoterisch klimperndes Klavier mit Drum-Loops und wuchtigen Synthesizer-Klängen gemeinsame Sache macht. Knapp sechs Minuten dauert dieser irgendwo zwischen Ambient und Folk angesiedelte Track - ein kleines, komplexes Kunstwerk, das sich nur ein kreativer Überflieger wie Radical Face ausdenken kann. Noch mehr nach Gabriel klingt indes "The Ship In The Port" - zumindest das Intro ist so sehr Genesis zu Zeiten von "Nursery Cryme", dass man Gabriel in einem seiner Phantasiekostüme vor dem inneren Auge zu sehen glaubt.

Diesen Mix aus clubtauglichen Sounds, komplexen Arrangements, süßlich geflüstertem Gesang und hymnischen Folk-Melodien zeichnet weitgehend jeden der zehn Tracks von "The Family Tree: The Leaves" aus. Weil Radical Face dazu eine sehr konkrete Vorstellung von Harmonieverbindungen und Melodiebögen hat, ähneln sich die Titel beträchtlich. Für Abwechslung sorgen aber Arrangements und Sounds. Man nehme nur den Track "Midnight". Der beginnt, wie so oft, ruhig, akustisch, ganz im Folk verankert. Keltische Klänge lassen an Kobolde, Waldschrate und Feen denken. So nach und nach steigert sich das Werk, nimmt Fahrt und Dynamik auf. Hymnische Chorgesänge, Bratschen und Geigen kommen dazu und sorgen für eine mittelalterliche Kulisse - die später synkopierte Drumbeats und hippe Sounds mit Genuss einreißen.

Mystisch und geheimnisvoll, diese Attribute verdient sich wohl jeder Track der zehn Titel. Vor allem das nebelumwaberte "The Road To Nowhere" und das - vermutlich leider biografisch inspirierte -"Radical Face". Dass für Cooper die Musik, das Songschreiben therapeutische Wirkung hat, wird hier nur zu deutlich. Letztlich aber gilt: Die Musik hat aus einem Pechvogel einen Glückspilz gemacht. Happy End für Radical Face.

Fazit: Waldschrate und Kobolde tanzen zu den versponnenen Ambient-Folk-Klängen von Radical Face auch auf "The Family Tree: The Leaves". Schön, hymnisch, düster und tiefgehend - aber auch sich wiederholend.

Label: Nettwerk (Soulfood) VÖ: 24. März 2016
01 Secrets (Cellar Door)
02 Rivers in the Dust
03 Everything Costs
04 Midnight
05 The Ship in Port
06 Photograph
07 Third Family Portrait
08 The Road to Nowhere
09 Old Gemini
10 Bad Blood

Anmelden