Reinhard Mey: Alles hat seine Zeit

Reinhard Mey

Seltsame Fügung: Wäre nicht Lena Meyer-Landrut (19), Deutschlands neues Sing-Sternchen, das einer Casting-Show entsprungen ist, aus dem Stand auf den Spitzenplatz der deutschen und österreichischen Charts gehopst, dann wäre dort wohl der graue Liedermacher-Wolf Reinhard Mey (67) mit seinem neuen Album "Mairegen" gelandet- in schwarzer Lederjacke, die Gitarre im Arm, mit tiefen Sorgenfalten im stoppelbartigen Gesicht. Verdient hätte er's. So aber reiht sich Mey, der deutsche Liedermacher, hinter der Abiturientin Lena ein, und er wird’s zufrieden sein. Aus dem Stand rangierte Meys "Mairegen" auf dem 2., nun auf dem 5. Platz. Seltsam gefügt hat sich diese Rangordnung für des Singer/Songwriters 25. Studioalbums deshalb, weil Mey in seinem Lied "Larissas Traum" (Titel 10) mit eben jenen Superstar-Shows, Casting-Jurys und Telefongerichten ins Gericht geht, die nun Lena nach Oslo schicken.

Reinhard Mey; Foto: Jim RacketeReinhard Mey hatte solch Castings nie nötig. Er erzählt in seinen Liedern seit mehr als vierzig Jahren Geschichten aus seinem Leben, und spielt dazu die Gitarre. Und die Menschen lieben seine Geschichten und seine Musik. So einfach war das bisher und so schwierig ist es dieses Mal. Denn neben dem flotten Song "Rotten Radish Skiffle Guys", der von den Gründerjahren seiner Musikkarriere erzählt (Titel 9) und der Bluegrass-angehauchten Lobrede auf "Das Butterbrot" (Titel 12), ist "Larissas Traum" tatsächlich der einzige Song im neuen Album, der nicht zu Tränen rührt. Ja so ist's. Für Mey-Fans und alle, die gerade nicht so supergut drauf sind wie die ewig jungen Berufsoptimisten, ist das Album "Mairegen" kaum anzuhören, ohne feuchte Augen zu bekommen.

Warum das so ist, wissen auch diejenigen, die Mey zwar "schon ewig" kennen, aber nicht lieben: Reinhard Mey ist unendlich traurig darüber, dass sein 28-jähriger Sohn seit einer nicht erkannten Lungenentzündung ("Du hast dein Licht an beiden Seiten angezündet...") im vergangen Jahr im Wachkoma liegt ("....nun ringt es flackernd um seinen Schein"). Ein Schicksalsschlag, der seine Familie in ihren Grundfesten erschütterte und sie doch näher zusammenbrachte. Auch darüber spricht Mey in seinem Liebeslied "Wir sind eins". (Titel 13) Einmal nur in dieser schweren Zeit nahm Reinhard Mey bei Beckmann im Fernsehen allen Mut zusammen und erzählte von seinem kranken Sohn Maximilian. Wer mehr wissen will und ertragen kann, höre seine Lieder "Drachenblut" (Titel 7), "Ficus Benjamini" (Titel 5) und den wunderbaren "Mairegen" (Titel 8). "Mairegen lass mich wachsen, Mairegen mach mir Mut, Mairegen laß mich glauben Alles wird gut", singt Mey nach einem Gedicht von Hoffmann von Fallersleben. Und auch "Drachenblut" erinnert an einen alten- seinen eigenen -Text aus seinem Chanson "Du bist ein Riese Max!", das er seinem Sohn zum zehnten Geburtstag schenkte. Nun blieb dem Vater am Bett des Sohnes wohl viel Zeit sein Innerstes nach außen zu kehren und Lieder zu dichten, die privater und intimer kaum sein können- und mit denen er seinen Sohn aus dem Dunkel "zurück lieben" möchte.

ReinhardMey02Kein Wunder also, dass er jetzt- auch nach dem erfolgreichen Albumstart- wieder schweigen will: "Meine Lieder erzählen sich selbst, wache Hörer brauchen keine Erklärungen dazu, worüber also sollte ich sprechen?", sagt Mey. "Das, was mich jetzt wirklich bewegt, was mein Denken und Handeln bestimmt, kann ich nicht in eine Unterhaltungssendung tragen. Ich passe jetzt nicht in den Rahmen einer lustigen Gesprächsrunde- ich bin nicht lustig, und ich habe nicht das Herz für Small Talk." So ist Mey, er hält den Mund wenn alle quatschen und sagt laut, was er denkt wenn alle schweigen.

Wie kann es also leicht sein über eine derartige Tragödie zu schreiben und zu singen. Niemand hat gesagt, dass es leicht ist und leicht hat es sich Mey mit seinen Alben nie gemacht. Wer nun aber an die Mey'schen Humoresken von der "Schlacht am kalten Büffet", "Annabell" und "Freitag, dem 13." oder an die rebellischen Songs über "Frau Pohl" und seine bissige "Diplomatenjagd" denken mag, der kann das ja tun. Seit den 60er Jahren sang und dichtete Reinhard Mey in 500 Liedern aus sich heraus- immer das, was ihn bewegt und so wie es ihn treibt. Nun also gewährt uns der stille, sanfte, traurige Mey mit seinem 25. Studioalbum, das wieder zusammen mit Manfred Leuchter in dessen Aachener Musentempel entstand, einen tiefen Blick in seine Seele. Die Musik? Gut und schön- wie immer wenn Gitarre, Klavier und Bass zusammenwirken. Seltsam nichts sagend im Song "Gegen den Wind"- dessen Text nur gelesen vielmehr sagt. Nächstes Jahr will Reinhard Mey wieder auf Tour gehen.

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