Corey Kent hat auf seinem neuen Album "Heartland Rock and Roll" eine Welt geschaffen, die unverkennbar seine eigene ist
Einflüsse von Bruce Springsteen, Tom Petty und George Strait sind ebenso hörbar wie Spuren von CCR, Bryan Adams, Kip Moore und dem Arena-Rock der Achtziger. Trotzdem wirkt das Album nie wie eine nostalgische Kopie: Corey Kent nutzt bekannte Zutaten, um eine klar erkennbare Identität zu formen.
Country, Rock und Americana mit eigener Handschrift
Der Opener "Motorbike" bringt diese Haltung sofort auf den Punkt. Über wuchtigen Drums und hymnischen Gitarren wird das Motorrad zum Bild für ein rastloses Leben, das bis zum letzten Tropfen ausgekostet werden soll. Zugleich etabliert der Song ein zentrales Motiv: Kent interessiert sich für Außenseiter, für Menschen mit Fehlern und für jene, die trotz Rückschlägen weiterfahren. Straßen, Fahrzeuge und Reisen stehen auf dem gesamten Album für Freiheit, Erinnerung, Flucht und das Vergehen der Zeit.
Die wichtigsten Songs auf "Heartland Rock and Roll"
"Rocky Mountain Low" mit Koe Wetzel führt diese Bildwelt in dunklere Regionen. Als Gegenentwurf zu John Denvers "Rocky Mountain High" erzählt der Song von einer Beziehung, die sich in Erschöpfung und Wut auflöst. Der sumpfige Southern-Rock-Sound, ein markanter Hook und Wetzels gefährlich wirkender Gastbeitrag machen das Stück zu einem besonders radiotauglichen Moment. Gleichzeitig besitzt es genug Charakter, um unverwechselbar nach Corey Kent zu klingen. Bereits bei seiner Live-Premiere in Köln brachte der Song den Saal zum kochen.
In "Muscle Memory" und "Cherokee Blvd" wird die Vergangenheit selbst zur Hauptfigur. Kent erinnert sich an Jugendliebe, Heimatstraßen, Klassenringe und lange Fahrten. Der Blick zurück ist warm, aber nicht verklärt: Die Vergangenheit war nicht unbedingt besser, doch sie gehört zu uns. "Dirt on Me" vertieft diesen Gedanken mit Erinnerungen an jugendliche Fehler. Der Schmutz im Titel ist wörtlich und sinnbildlich zugleich – als Spur dessen, was einen Menschen geprägt hat.
Nostalgie, Reue und ehrliches Storytelling
Neben Nostalgie bestimmt Reue das Album. Das reduzierte "Empty Words" gehört zu den emotionalen Höhepunkten, weil Kent ohne Ausflüchte eingesteht, dass gebrochene Versprechen eine Beziehung zerstört haben. "The Nail" setzt das Motiv des selbst verschuldeten Scheiterns fort, während "Adios (The Way It Goes)" Abschied als allgemeine Lebenserfahrung betrachtet. Kents Sprache bleibt direkt und alltagsnah. Gerade diese Schlichtheit verleiht seinen Geschichten Glaubwürdigkeit.
Liebe, Familie und die Bedeutung von Heimat
Trotz aller Trennungen ist "Heartland Rock and Roll" kein düsteres Album. Kent stellt dem rastlosen Außenseiter einen Mann gegenüber, der einen Ort zum Bleiben gefunden hat. "Wannabe" beginnt mit Bildern von Freiheit und endet bei dem Wunsch, ganz zu einem anderen Menschen zu gehören. Weil das Album sonst so oft von Aufbruch und Flucht handelt, erhält diese einfache Liebeserklärung besonderes Gewicht.
"Rather Be Here" mit Jason Aldean feiert ebenfalls die bewusste Entscheidung für Zuhause. Das an den Akustik-Rock der Achtziger erinnernde Duett zählt zwar ferne und schöne Orte auf, kommt aber zu dem Schluss, dass Heimat durch die Menschen entsteht, zu denen man zurückkehren möchte. Aldeans kräftige Stimme fügt sich überzeugend in Kents Klangwelt ein.
Auf "Everyday Life" verschiebt sich die Perspektive noch stärker. Aufnahmen von Kents Kindern eröffnen einen Song über die Erkenntnis, dass gewöhnliche Augenblicke oft die wertvollsten sind. Die helle Produktion und der große Mitsing-Refrain wirken für Festivalbühnen gemacht, ohne die persönliche Botschaft zu verlieren: Nicht ein größeres Leben macht glücklich, sondern die Fähigkeit, das eigene wahrzunehmen.
"Bixby" als musikalische Rückkehr nach Hause
Die Schlüsselrolle übernimmt jedoch "Bixby", benannt nach seiner Heimatstadt in Oklahoma. Mit spätnächtlichem Blues-Gefühl beschreibt Kent den Wunsch, dorthin zurückzukehren, wo das Leben weniger hektisch ist. Bixby wird zum Gegenmittel gegen Lärm und Druck, zu einem Ort der Erholung und zur Quelle seiner Identität. Damit erklärt der Song letztlich das gesamte Album: Hinter all den Highways, Fehlern und Fluchtbewegungen sucht Kent nicht nach einem anderen Leben, sondern nach einer besseren Wertschätzung des vorhandenen.
Ein stilprägendes Album für Corey Kent
Springsteens Größe, Pettys Melodiegespür, Southern-Rock-Gitarren, klassisches Country-Storytelling und moderne Westernbilder fließen zusammen, ohne dass sich Kent für ein Genre entscheiden müsste. Genau darin liegt die Stärke des Albums. Es klingt nach Country mit Rock-Muskeln, nach Oklahoma und offener Straße, nach Nostalgie ohne Verklärung und nach Herzschmerz ohne Selbstmitleid. Neben mehreren möglichen Radiohits überzeugt vor allem die Geschlossenheit des Gesamtwerks.
Fazit: "Heartland Rock and Roll" ist das Album, auf dem Corey Kent seine stilistischen Gegensätze nicht mehr bekämpft, sondern zu einer glaubwürdigen eigenen Handschrift verbindet. Zwischen Aufbruch und Heimkehr, Reue und Dankbarkeit gelingt ihm ein reifes, kraftvolles Werk, das unverkennbar nach ihm klingt.










