Tim McGraw spielt Hauptrolle der neuen Hulu-Serie "Southern Bastards"
Die Nachricht, die das Hollywood-Branchenblatt Variety am Montag, dem 13. April 2026, veröffentlichte, dürfte Wellen schlagen, die weit über Nashville hinausreichen. Der Grund: Dass Tim McGraw sich dieses Projekt ausgesucht hat, dürfte als ein Statement betrachtet werden.
Tim McGraws Filmkarriere als eben eine solche Karriere zu bezeichnen, ist durchaus gewagt. Immer wieder hat McGraw den Weg vor die Kamera gesucht; was seinen Ausflügen nach Hollywood jedoch fehlt, ist so etwas wie eine Konstante – nicht nur bezogen auf die zeitlichen Abstände von mehreren Jahren, die teilweise zwischen seinen Filmarbeiten liegen. Es fehlt so etwas wie ein Fokus. 2008 sah man ihn in der Slapstick-Komödie "Mein Schatz, unsere Familie und ich" in einer Nebenrolle, ein Jahr später dann in dem immerhin oscarprämierten Drama "Blind Side - Die große Chance". 2015 spielte er eine Rolle in der Disney-Großproduktion "A World Beyond" (die an den Kinokassen jedoch einen Mega-Absturz erlebte) und 2017 in dem christlichen Melodram "Die Hütte – Ein Wochenende mit Gott". Es waren stets Nebenrollen, und wer nicht gerade in der Country Music daheim ist, wird nicht einmal wahrgenommen haben, dass da ein Star im Schatten anderer Stars agierte.
"1883" hat dies geändert. "1883" ist dreckig, brutal und McGraw ist der Hauptdarsteller – zwar eingebettet in ein Ensemble gleichberechtigt agierender Darsteller, aber eben doch an der Spitze der Nahrungskette stehend. Und siehe da: In der Serie aus dem "Yellowstone"-Universum ist Tim McGraw für seine raue, unerbittliche Darstellung des James Dutton durchaus über die Grenzen seiner Musik-Fanbase hinaus wahrgenommen worden. Da verwundert es nicht, dass er für sein neues Projekt erneut in die Abgründe des Menschlichen hinabsteigt. Viel abgründiger als in Craw County, Alabama, dem Spielort von "Southern Bastards", kann es im modernen US-Erzählkino kaum werden – wenn die Macher sich eng an der literarischen Vorlage orientieren und diese nicht nur als einen Serviervorschlag betrachten.
Die Vorlage
"Southern Bastards" ist eine aus im Original 21 Teilen bestehende Comicreihe, die zwischen 2014 und 2018 bei Image Comics in den USA erschienen ist (in Deutschland ist die Reihe bei Splitter veröffentlicht worden). In den Jahren ihres Erscheinens ist sie mit diversen Preisen ausgezeichnet worden. Vor allem aber ist sie keine Superhelden-Serie. Die Liebe der amerikanischen Comic-Fans für Superhelden ist hinlänglich bekannt.
"Southern Bastards" ist anders. Autor Jason Aaron stammt aus Alabama, sein Co-Autor und Zeichner Jason Latour aus North Carolina. Beide haben ihre Herkunft in die Reihe eingebracht und ein Epos erschaffen, das unter eher konservativen Südstaatlern nicht unbedingt Liebe erfahren hat, da sie den Süden in ihren Büchern durchaus sezieren.
Worum geht es in der Graphic Novel "Southern Bastards"?
Alles beginnt mit der Rückkehr von Earl Tubbs in seine Heimatstadt Craw County, Alabama. Earl ist ein alter Mann, der mit einiger Wut im Bauch in die Heimatstadt seines Vaters zurückkehrt, der dort einst Sheriff war. Earls Ziele bleiben lange im Dunkeln. Auf jeden Fall ist sein Antagonist der neue, starke Mann in der Stadt: Euless Boss. Genau hier kommen wir zu Tim McGraw. McGraw spielt diesen "Coach Boss", wie er in der Geschichte heißt. Boss ist der High-School-Football-Coach und ob auf dem Spielfeld oder in der Stadt – er ist der Mann, der die Vorgaben macht. So ist er nicht nur ein Diktator am Spielfeldrand, der seine Jungs zu Höchstleistungen antreibt, weil sie wissen, dass eine schlechte Leistung Folgen haben wird, die über einen Anschiss hinausgehen. Nein, dieser Mann hat ein paar Leichen vergraben, und es ist besser, wenn man darüber nicht spricht. Bis Earl auftaucht. Man ahnt, dass er nicht aus Heimatverbundenheit zurückkehrt.
Klar ist, dass es in Bezug auf die Umsetzung der Geschichte eine Änderung geben wird: Nicht Earl wird im Mittelpunkt der Handlung stehen, sondern seine Tochter Roberta. Nein, hier wird nicht der Zeitgeist bedient; vielmehr besteht die literarische Vorlage aus vier Zyklen, und Roberta wird im Rahmen dieser Zyklen zu einem späteren Zeitpunkt die Hauptfigur der Geschichte. Es ist offensichtlich, dass diese Entwicklung vorgezogen wird, vermutlich auch, um die Comic-Vorlage dramaturgisch etwas zu straffen und im Rahmen des Medienwechsels den Fokus von Anfang an auf die Rivalität des Coaches und Roberta zu richten.
Neben Tim McGraw ist auch Kevin Bacon dabei
Dabei haben die Produzenten für die Rolle des Earl einen wohlklingenden Hollywood-Namen an Bord geholt: Kevin Bacon. Zusammen mit seinem Bruder Michael bildet Bacon seit 1995 das Duo The Bacon Brothers. Die beiden haben mit ihrem bodenständigen Folk-Rock, der ordentlich mit Americana- und Country-Einflüssen verstärkt wird, inzwischen zehn Alben veröffentlicht und touren regelmäßig durch die USA. Obwohl Bacon eigentlich aus Philadelphia stammt, dürfte ihm dieser musikalische Hintergrund durchaus Sympathien einbringen, da er kaum wie ein, wie man in den USA sagt, "fish out of water" in dem Südstaatendrama wirken dürfte.
Die Besetzung der weiblichen Hauptrolle mit der Britin Erin Kellyman kommt derweil überraschend. Die 28 Jahre alte Schauspielerin gab ihr Hollywooddebüt in der Rolle einer Banditin in "Solo: A Star Wars Story". Sie war außerdem die Gegenspielerin der Titelhelden der Marvel-Serie "The Falcon and the Winter Soldier", wo sie als ziemlich ambivalente Figur agierte, die etwas Gutes zu erreichen gedenkt, dafür aber in die Welt des Terrorismus abtaucht. Da in den Comics Earl viele Jahre fort war und seine Tochter dementsprechend nicht aus dem County stammt, dürfte es kein Problem sein, die britische Herkunft der Hauptdarstellerin in die Serie einzubringen. Roberta ist ein Fremdkörper in dieser Welt. Da ist die Besetzung ihrer Figur mit einer Britin unter Umständen gar nicht die schlechteste Idee.
Die Macher
Die Produktion von "Southern Bastards" wurde Ende 2025 von Hulu verkündet, samt Kevin Bacon als einem der Hauptdarsteller. Dass erst ein halbes Jahr später mit Tim McGraw und Erin Kellyman die tatsächlichen Hauptdarsteller benannt worden sind, passt zur bisherigen Entstehungsgeschichte der Serie.
FX sicherte sich die Rechte an der Graphic Novel "Southern Bastards" bereits 2014, dann aber landete das Projekt in der Entwicklungshölle. Eingekauft wurde die Vorlage offenbar als eine Art FX-Antwort auf "Sons of Anarchy". Doch über zehn Jahre lang wanderte das Skript durch verschiedene Hände. Das Problem: "Southern Bastards" ist nicht nur teilweise brutal bis in die Fingerspitzen, die Story ist auch politisch und gesellschaftlich extrem ungemütlich.
Die Darstellung von allgegenwärtiger Korruption und die fast schon nihilistische Gewalt in einer ländlichen US-Kleinstadt war vielen Sendern in ihrer brutalen Darstellungsform schlicht zu riskant. Denn "Southern Bastards" erzählt nicht die Geschichte persönlicher Verfehlungen. Gewalt hat hier vielmehr etwas Systemisches; sie ist Teil einer Kultur, die sich ihrer Verfehlungen durchaus bewusst ist, aber die Schuld für diesen Zustand niemals bei sich selbst sucht.
Nach einem Jahrzehnt in der Entwicklungshölle ist das Projekt jetzt bei Hulu gelandet. In den USA ist Hulu die erwachsene Schwester von Disney+, der Dienst, wo die harten und erwachsenen Serien laufen. Wir Deutschen haben es da etwas besser, da Hulu hier direkt in Disney+ integriert ist. Als Showrunner hat Hulu Matt Olmstead ins Boot geholt. Der hat sein Autorenhandwerk bei Steven Bochco erlernt. Der 2018 verstorbene Serienproduzent hat mit "Hill Street Blues" Mitte der 1980er die erste High-Concept-Polizeiserie entwickelt. In den USA gilt die Serie, die in Deutschland den Titel "Polizeirevier Hill Street" trug, als Monolith eines modernen Erzählfernsehens. Das ZDF konnte mit der Serie nicht viel anfangen, denn eine Polizistenserie ohne einen feschen Mord pro Episode? Nein, in Deutschland wird in Polizeiserien gemordet. Das steht so im Grundgesetz.
Matt Olmstead verdiente sich seine ersten Sporen in Bochcos Serie "New York Cops - NYPD Blue", die nicht minder wichtig für die Entwicklung eines modernen Serienfernsehens ist und für die er 71 Episoden als Autor und/oder Produzent verantwortete. Trotz dieses Erfolges erlebte er seinen echten Durchbruch erst Jahre später, 2005, mit "Prison Break", zunächst als "Lohnautor", dann aber auch als Executive Producer. Als Showrunner engagierte ihn schließlich Dick Wolf für "Chicago Fire", die er bis heute als Verantwortlicher führt. Mit Wolf brachte er außerdem "Chicago P.D." auf den Weg. Olmstead ist jemand, der auf lange Sicht plant und nicht nur von Staffel zu Staffel.
Als weiterer Autor ist Bill Dubuque bestätigt, seines Zeichens Erfinder der Serie "Ozark". Als Regisseur des Pilotfilmes wurde ursprünglich Nia DaCosta genannt, doch diese Position wurde inzwischen mit Reinaldo Marcus Green ("Bob Marley: One Love") besetzt. DaCosta bleibt als Produzentin an Bord, es wäre aber nicht verwunderlich, wenn man im Hause Disney, Hulus Mutter, die Filmemacherin nicht unbedingt auf einem Regiestuhl sitzen sehen möchte: Sie hat mit "The Marvels" den größten Flop des Marvel Cinematic Universe zu verantworten und gilt unter Fans als personifiziertes rotes Tuch. Apropos Marvel: Beteiligt an der Produktion ist außerdem Proximity Media, die Produktionsfirma von Ryan Coogler, Regisseur der "Black Panther"-Filme und des für 16 Oscars nominierten Horrorfilmes "Sinners".
Zurück zu Tim McGraw
Zum Abschluss schließt sich der Kreis wieder bei Tim McGraw. Für McGraw ist "Southern Bastards" auf jeden Fall mehr als ein Gig. Branchenberichten zufolge hat er sich im Falle eines Serienerfolgs langfristig an die Produktion gebunden.
Euless "Coach" Boss ist die einzige wirkliche Konstante der literarischen Vorlage. Er ist das Gravitationszentrum, um das alles kreist; ohne ihn gäbe es kein Craw County, wie wir es in der Serie sehen werden.
Für Tim McGraw bedeutet das die Chance auf eine echte Charakterstudie über mehrere Staffeln hinweg. Er spielt nicht nur den Bösewicht der Woche, sondern das personifizierte System. Wenn der von Hulu in Auftrag gegebene Pilot zündet, wird McGraw das Gesicht eines neuen Southern-Noir-Epos, das das Potenzial hat, ihn tatsächlich "auf seine alten Tage" als Schauspieler im Hollywoodgeschäft zu etablieren. Er ist letztlich das A und O – der Fixpunkt, der die brutale Welt der "Southern Bastards" im Innersten zusammenhält. Wenn die Serie nicht zündet, hat er eine Bühne, auf die er jederzeit zurückkehren kann.








