Grateful Dead - Fare Thee Well (CD & DVD Box-Set)

CD Cover: Grateful Dead - Fare Thee Well

Bevor der erste Ton erklingt, sind die Fans zu sehen, auf den Straßen und Parkplätzen vor dem riesigen Stadion in Chicago. Jung, alt, in Tie-Dye-Shirts oder mit Gitarre, teils tausende von Meilen weit gereist, um die allerletzte Show der Band zu sehen, die ihre Anfänge als Garagen-Blues-Band im Kalifornien der 60er Jahre hatte: The Grateful Dead. Die Deadheads, die den sechs Musikern durch den halben Kontinent hinterher reisten, waren früh Bestandteil der Band-Folklore, zusammen mit den endlosen Konzerten, den psychedelischen Plattencovern und dem unnachahmlichen Klang der Gitarren von Bob Weir und Jerry Garcia.

Garcia war bereits 20 Jahre tot, als die verbliebenen vier Gründungsmitglieder, Weir, Bassist Phil Lesh und die beiden Schlagzeuger Mickey Hart und Bill Kreutzmann, am 5. Juli 2015 ein allerletztes Mal unter dem Namen "Grateful Dead" eine Bühne betraten. Mehr als 70.000 waren in das Soldier-Field-Stadion gekommen, um die Band noch einmal anlässlich des 50. Jubiläums zu feiern.

Die Musik der ehemaligen San-Francisco-Hippies, die sich von Blues über Country-Rock bis hin zu psychedelischem Jazz und Pop entwickelten, war auch nach dem Tod von Sänger und Leadgitarrist Jerry Garcia höchst lebendig geblieben. Dafür sorgten vor allem die diversen Solo-Projekte von Lesh und Weir, die immer öfter auch Keyboarder Jeff Chimenti mit einbezogen. Chimenti war deshalb erste Wahl für die Besetzung der fünf Abschlusskonzerte, dazu kamen Pianist Bruce Hornsby, in den 90ern kurze Zeit bei den Dead, und Phish-Gitarrist Trey Anastasio.

Am 5. Juli versammelte sich dieses Septett für ein mehr als würdiges Finale, festgehalten auf der Doppel-DVD/Dreifach-CD-Box "Fare Thee Well". Vom Doppelpack "China Cat Sunflower - I Know You Rider", seit 1969 ständig im Live-Repertoire, bis zu "Built to Last" vom allerletzten Studioalbum klingen Grateful Dead anno 2015 dank wochenlanger Rehearsals und den Warm-Up-Konzerten im kalifornischen Santa Clara besser, als sie es in den letzten zehn Jahren mit Jerry Garcia je waren.

Bruce Hornsbys soulige Stimme mag nicht mehr die jüngste sein, aber zusammen mit seinem immer noch beseelten Klavierspiel macht er "Built to Last" zu einem frühen Highlight. Brillant auch sein Solo auf "Althea", dessen Reggae-Touch der vor Energie sprühende Trey Anastasio mit Gesang anreichert. Anastasio ist genau wie Weir kein brillanter Sänger, aber das Feeling stimmt. Nur seine Lead-Gitarre ist im Sound-Mix deutlich weniger präsent als es früher Garcias war – nicht wirklich ein Wermutstropfen, aber bei längeren Gitarrensoli wie in "Cassidy" hätte man gern mehr vom Phish-Frontmann gehört.

Ein Ausfall ist dagegen Phil Lesh, zumindest stimmlich: "Unbroken Chain" und "Mountains of the Moon" singt er mit dünnem, brüchigen Stimmchen. Natürlich sollte man einem verdienten Musiker auch diese Freude lassen - aber muss es gleich auf so großer Bühne sein?

Einzigartiges Erkennungszeichen der Band war immer die polyphone Energie der beiden kompletten Schlagzeug-Kits von Mickey Hart und Bill Kreutzmann. Die schlicht "Drums" betitelte Instrumentalpassage bietet den "Rhythm Devils" viel Raum für experimentelle Ausflüge. Zusammen mit den psychedelischen Visuals auf den riesigen LED-Leinwänden des Stadions wird auf diese Weise sogar ein Schlagzeugsolo sehenswert. Auf CD ist dies deutlich weniger faszinierend.

Die Faszination eines Dead-Konzertes erschloss sich immer über das Gemeinschaftserlebnis, das macht die Bildregie von Bill Kreutzmanns Sohn Justin deutlich, der zwischendurch immer wieder das Publikum einblendet: feiernde, ausgelassene Menschen, die den Refrain von "Not Fade Away" noch singen, als die Band die Bühne längst für die Zugabenpause verlassen hat.

Bevor die sieben jedoch mit ihrem 1987er-Hit "Touch of Grey" wieder ins Rampenlicht treten, schlagen sie mit der 25minütigen Combo "Unbroken Chain - Days Between" deutlich leisere Töne an. Das düstere "Days Between" war der letzte Song, den Garcia zusammen mit Band-"Lyricist" Robert Hunter schrieb. Bob Weir evoziert hier mit seinem Gesang und der wunderbar subtilen Begleitung der Band (Chimentis Orgel!) eine schwelgerische Melancholie, die Dead-Neulinge der Band wohl kaum zugetraut hätten.

Der allerletzte Song des Konzerts, das halb-akustische "Attics of my life", berührt mit herrlichen Schwarz-Weiß-Bildern aus der Geschichte der Band, allen voran die viel zu früh verstorbenen: die Keyboarder Ron "Pigpen" McKernan, Keith Godchaux und Brent Mydland sowie natürlich Gitarrist Jerry Garcia. Das feuchtäugige Finale eines bewegenden Konzertes.

Fazit: Wer 50 Jahre im Musikbusiness ist, muss nicht mehr jeden Ton treffen. Aber darum geht es hier nicht: "Fare Thee Well" ist ein gelungener Tribut an die unsterblichen Songs der Grateful Dead in toller Bild- und Ton-Qualität.

Label: Rhino (Warner) VÖ: 20. November 2015
Disc 1
01 China Cat Sunflowers
02 I Know You Rider
03 Estimated Prophet
04 Built To Last
05 Samson And Delilah
06 Mountains Of The Moon
07 Throwing Stones
Disc 2
01 Truckin'
02 Cassidy
03 Althea
04 Terrapin Station
05 Drums
Disc 3
01 Space
02 Unbroken Chain
03 Days Between
04 Not Fade Away
05 Touch Of Grey
06 Attics Of My Life
DVD 1
01 China Cat Sunflowers
02 I Know You Rider
03 Estimated Prophet
04 Built To Last
05 Samson And Delilah
06 Mountains Of The Moon
07 Throwing Stones
DVD 2
01 Truckin'
02 Cassidy
03 Althea
04 Terrapin Station
05 Drums
06 Space
07 Unbroken Chain
08 Days Between
09 Not Fade Away
10 Touch Of Grey
11 Attics Of My Life

Anmelden