Charlie LouvinKürzlich, an einem Samstagnachmittag in Nashville, Tennessee, drängte eine bunt gemischte Schar durch die engen Gänge und strömte durch die geöffneten Türen des Grimsey Record Store. Jazzmusiker Mitte Zwanzig drängten sich an bebrillte Omas; Veteranen des Music-City´s-Country-Establishments standen neben Newcomern aus Nashville, darunter Jack Lawrence, Bassist der Bluesrock-Supergroup The Raconteurs. Und sie alle wurden in den Bann eines legendären 79-Jährigen aus Henagar, Alabama, gezogen.

Als Charlie Louvin und seine Band Titel aus einem Repertoire spielten, das sich über mehr als ein halbes Jahrhundert erstreckt, wurden die Zuhörer sowohl Zeugen der Auswirkungen der langjährigen musikalischen Partnerschaft mit seinem älteren Bruder Ira, die gemeinsam als The Louvin Brothers Musik machten, als auch der Beständigkeit auf "Charlie Louvin", dem jüngsten Album des Mitglieds der Country Music Hall of Fame.

Charlie Louvin wurde 1927 als Charles Elzer Loudermilk geboren. Zusammen mit seinem drei Jahre älteren Bruder Ira sang er Gospel-Lieder in Kirchen in der Umgebung von Henagar.

Durch Shape-Note-Gesang und Familien-Gospelgruppen wie die Blue Sky Boys und die Delamore Brothers beeinflusst, entwickelten sie ihren unverkennbaren Close-Harmony-Stil und begleiteten sich selbst auf der Gitarre und der Mandoline.

Als Teenager spielten die Brüder bei einem kleinen Radiosender in Chattanooga, Tennessee, bis ihre Karriere zu Beginn der 40er Jahre unterbrochen wurde, als Charlie in den Zweiten Weltkrieg eingezogen wurde. Nach seiner Rückkehr aus der Armee zogen sie nach Knoxville und sangen dort bei den Radiosendern WROL und WNOX. Von dort aus zogen die Brüder nach Memphis, wo sie regelmäßig bei dem Radiosender WMPS zu Gast waren.

Die Karriere der Louvin Brothers begann in den späten 1940ern mit einer Reihe von Schallplatten für Decca Records und später für MGM. Da sich diese aber nicht so gut verkauften, kehrten Charlie und Ira nach Memphis zurück und nahmen Gelegenheitsjobs an, wobei sie aber weiterhin Konzert- und Radioauftritte gaben. Nachdem sie ihren Namen von Loudermilk in Louvin geändert hatten, um Verwechslungen mit ihrem Cousin John D. Loudermilk, dem Autor und Sänger von Klassikern wie "Tobacco Road" und "Abilene", zu vermeiden, unterschrieb das Duo einen Vertrag bei dem Musikverlag Acuff-Rose infolge dessen ein neuer Plattenvertrag mit Capitol Records Nashville entstand.

Charlie LouvinIhre erste bei Capitol Records Nashville veröffentlichte Single, "The Family Who Prays", kam heraus, kurz bevor Charlie zum Koreakrieg eingezogen wurde. Nach seiner Rückkehr nahmen die Louvin Brothers ihr Musikgeschäft wieder auf und wurden 1955 in die Country-Radioshow Grand Ole Opry aufgenommen.

Ihre ersten Hits landeten sie, als sie weltliche Lieder in ihre Gospels-Musik einstreuten. 1955 landeten sie mit "When I Stop Dreaming" ihren ersten Top-Ten-Hit und im darauf folgenden Jahr waren sie gleich mit weiteren vier Hits, "Cash on the Barrelhead", "Hoping That You're Hoping", "I Don't Believe You've Met My Baby" und "You're Running Wild" in den Top-Ten vertreten.

In den 1950ern, als Rock'n'Roll zu einem kulturellen Phänomen heranwuchs, machten die Louvin Brothers zwar weiterhin Aufnahmen, doch landeten sie viel weniger Hits als in zu ihren Glanzzeiten. Während dieser Zeit entstanden die Everly Brothers, die von den Louvins beeinflusst wurden, und bald wurden ihre Titel häufiger im Radio gespielt als die von Charlie und Ira.

Als die Louvin Brothers das Klassikalbum "A Tribute to the Delamore Brothers" und "Satan Is Real" herausbrachten, hatten sie während dieser Zeit mit Titeln wie "I Love You Best of All" und "How´s the World Treating You" immer noch großen Erfolg. Nachdem sie 1962 die Single "Must You Throw Dirt in My Face" herausbrachten, entschieden die Brüder, Solokarrieren zu verfolgen. Ira, der jahrelang mit Alkoholproblemen zu kämpfen hatte, brachte mehrere Singles und ein Album heraus, bevor er 1965 bei einem Autounfall ums Leben kam.

Charlie hingegen startete mit "Will You Visit Me on Sundays" und "Something to Brag About", die in den Top-Twenty landeten, eine erfolgreiche Solokarriere. Mit seinem ersten Solohit "I Don't Leave You Anymore" und dem Klassiker "See the Big Man Cry" schaffte er es sogar in die Top-Ten.

Obwohl die Entertainmentwelt Ende der 60er Jahre ihr Augenmerk auf den Psychedelic-Rock der Beatles und der Rolling Stones legte, verfolgte Charlie weiter seine traditionelle Country-Musik. Doch Gram Parsons aus Los Angeles, Kalifornien, der später als der Wegweiser der Country-Rock-Bewegung, aus der die Eagles hervorkamen, gefeiert wurde, verliebte sich zunehmend in die Musik der Louvin Brothers. Als Mitglied der Byrds integrierte Gram Parsons den Louvin-Song "The Christian Life" in das Band-Album "Sweetheart of the Rodeo" aus dem Jahre 1968. Als Solokünstler brachte er auf seinem Album "Grievous Angel" (1973) eine Cover-Version des Louvin-Songs "Cash on the Barrelhead" heraus und sein Schützling und Duettpartnerin Emmylou Harris landete mit dem Louvin-Song "If I Could Only Win Your Love", der im Jahre 1975 unter den Top-Five der Country-Charts platziert war, ihren ersten Country-Hit.

Charlie LouvinEs kam dazu, dass sich der Einfluss von Charlie und Ira weiterhin auf eine neue Generation auf Künstler auswirkte, da sie zum Teil von Parsons und Harris inspiriert wurden. Als Charlie dann nach mehr als zehn Jahren sein erstes großes Studioalbum herausbrachte, erwartete ihn eine breite Zuhörerschaft. Darauf sind neben einigen großen Namen der Country-Musik, wie Bobby Bare Sr., Tom T. Hall, George Jones und Marty Stuart, auch alternative Country-Musiker wie Tift Merritt, Wilco´s Jeff Tweedy und Joy Lynn White, Bandmitglieder von Bright Eyes, Superchunk und Lambchop sowie Elvis Costello, Mitglied der Rock and Roll Hall of Fame, vertreten.

Louvin wird besonders dafür geehrt, so viele junge Künstler inspiriert zu haben. "Sie empfinden große Ehre für die Louvin Brothers", sagt Charlie. "Sie wissen, was ich tue, und das macht mich stolz."

Während die meisten Lieder der Gastinterpreten nachträglich hinzugefügt wurden, unternahm Costello mit Louvin extra einen Trip nach Nashville, um "When I Stop Dreaming" aufzunehmen. "Auf dem Bonnaroo hatte Costello schon früh seinen Auftritt", sagte Louvin mit Bezug auf das alljährliche Rockfestival in Louvins derzeitiger Heimatstadt Manchester, Tennessee, das über 90.000 Besucher anzog. "Er ist ein toller Typ und ein großer Fan der Louvin Brothers".

"Die jüngeren Musiker taten es aus großem Respekt vor den Louvins", meint Mark Nevers, Produzent des Albums mit den Auskopplungen "Must You Throw Dirt in My Face" und "Knoxville Girl". "Sie sind berühmter als je zuvor und galten viele Jahre als Geheimtipp. Auch ich bin seit einigen Jahren großer Fan der Louvins."

Das Musiklabel Tompkins Square, das das Album "Charlie Louvin" herausbringen sollte, wählte Nevers als Leiter der Studioaufnahmen, nachdem dieser sich Louvins Können auf "Bare´s The Moon Was Blue" aus dem Jahre 2005, angehört hatte. "Charlie war sehr gut vorbereitet", fährt Nevers fort, "wodurch wir in der Lage waren, die Titel in nur zwei Tagen aufzunehmen. Wir orientierten uns mehr am Sound der 70er, aber ohne Steel-Gitarre. Als nächstes würde ich gerne mit ihm ein Gospelalbum mit einigen unbekannten Titeln herausbringen."

Nach mehr als 60 Jahren im aktiven Musikgeschäft weiß Louvin worauf es ankommt - nämlich auf die Fans, die ihn unterstützen. "Ich rate jedem jungen Musiker, sich mit den Fans gut zu stellen", sagt er."Ich verbringe mehr Zeit mit Autogrammgeben als mit Singen, was allerdings vollkommen in Ordnung ist. Es ist besser, sich um diejenigen zu kümmern, die in deine Konzerte kommen und deine CDs kaufen. Ich mache mir nicht mal annährend so viele Sorgen darüber, für Fans Autogramme zu geben, als ich es tun würde, wenn niemand ein Autogramm wollen würde."

Dies ist allerdings eine Sache, über die sich Louvin keine Gedanken zu machen braucht.
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