Pokey LaFarge - Rock Bottom Rhapsody

CD Cover: Pokey LaFarge - Rock Bottom Rhapsody

Pokey LaFarge neues Werk "Rock Bottom Rhapsody" löst die hohen Erwartungen ein.

Tja, zum Glück gibt es diese bestimmten Typen. Diese Art von Künstler, denen Trends am Allerwertesten vorbei gehen, die nicht nach links, nicht nach rechts und schon gar nicht in die Charts- und Bestenlisten schauen, um ihr Ding zu machen. Stur, konsequent und mit Begeisterung. Zugegeben, es handelt sich dabei um eine rare Spezies. Aber ausgestorben sind die Paradiesvögel und Sonderlinge noch keineswegs. Aktueller Beleg: Pokey LaFarge und sein großartiges neues Album "Rock Bottom Rhapsody".

Seit 2006 bereichert der modisch ganz im Stil der 40er und 50er Jahre verortete Drew Heissler, wie Pokey LaFarge bürgerlich heißt, die Musikszene mit seinen Songs. Mit einem Sound, der sich gleichermaßen bei vielen Stilmitteln bedient: beim Ragtime, beim Jazz, bei Country, Blues, Folk und Western Swing. Gelegentlich rührt er dieses Gebräu mit den kongenialen Mitstreitern in der Band Pokey LaFarge & The South City Three an. Fünf Alben als Solo-Act und zwei im Band-Outfit sowie prestigeträchtige Auftritte beim Newport Folk Festival und im Ryman Auditorium stehen zu Buche. Das ist beileibe nicht übel. Trotzdem: Über den Geheimtipp-Status kam Pokey LaFarge bisher nicht hinaus.

In Film und Ton: Pokey LaFarge

Vielleicht ändert sich das aber jetzt. Nicht nur, weil er mit "Rock Bottom Rhapsody" seit drei Jahren wieder ein neues Album vorlegt. Sondern auch, weil der hagere Kerl mit dem schmalen Gesicht und der Pomaden-Tolle demnächst in dem Netflix-Film "The Devil All The Time" zu sehen sein wird. Wir wollen uns aber natürlich mit der Musik seiner neuen CD beschäftigen, die hat es in sich. So viel vorab.

Schon der Opener und Titeltrack lässt aufhorchen: romantische Geigenklänge. Sanft, sonderbar und schön. Eine Minute und 18 Sekunden dauert das instrumentale, an die Musik eines Stummfilms erinnernde Titelthema. Dann erst tritt in dem hübschen Rockabilly-Folk Song "End of my Rope" der Star der Show in Erscheinung: vollkehlig, charismatisch und ohne ein zwinkerndes Auge huldigt er in dem Song die Roots, die Wurzeln des Folk, Country und Folk. Das ist witzig und mehr als das. Dazu wird im Refrain mehr Frohsinn verbreitet, als es der blasse, an einen Bruder von Stummfilm-Star Buster Keaton erinnernde Sänger vermuten lassen würde. Nun, der Mann ist für Überraschungen gut, so viele steht schon mal fest. Sicher ist auch, dass ihm mit diesen beiden Songs der Einstieg in das neue Album vollauf geglückt ist.

Grandioser Retro-Trip: "Rock Bottom Rhapsody"

Spätestens bei Song Nummer drei ist man neugierig. Was hat Pokey LaFarge, den Namen hat er sich übrigens von Fok-Sänger Peter La Farge entliehen, noch so alles auf der Pfanne? Tja, zum Beispiel das reichlich wilde und jazzige und recht deutlich betitelte "Fuck Me Up", den lupenreinen Vintage-Rock 'n' Roll von "Bluebird" oder die sehnsuchtsvolle, mit herrlichen Beatles-Harmonien versehene Bar- und Klimper-Klavier-Ballade "Lucky Sometimes". Das alles ist so einzigartig, so besonders und hochklassig, dass man spätestens bei der Hälfte der CD zum Pokey-LaFarge-Fan geworden ist (wenn man es nicht vorher schon war). Vor allem als Sänger kann der Mann aus Chicago begeistern. Wenn er wollte, hätte er auch das Zeug zum Revue- oder zum Las-Vegas-Star. Dafür sorgt alleine schon der Schuss Glamour, der in jeder gesungenen Note mitschwingt.

Hätten die Aufnahmen noch vor rund zwei Jahren stattgefunden, hätte sich der singende Nostalgie-Held wohl anders angehört. Ein Umzug Anfang 2018 von St. Louis nach Los Angeles muss, so heißt es, Pokey LaFarge ziemlich aus der Bahn geworfen haben. Gefangen in einer Abwärtsspirale durchlebte er eine persönliche Krise - aus der ihm die Musik, das Songwriting und, wie er sagt, der neu gefundene Glaube an Gott geholfen haben. So gibt "Rock Bottom Rhapsody" einerseits Zeugnis von manch' finsterer Stunde, andererseits ist das Album Beleg für ein spirituelles Erweckungserlebnis.

Obwohl seine Texte meist nicht gerade vor Optimismus und Lebensmut strotzen, kleidet er sie fast ausschließlich in unbeschwerte Melodien und Arrangements. So schnippt man fröhlich im Bo-Diddley-Groove von "Carry On" während er den Looser gibt: "Why should I carry on?". Die Antwort darauf gibt er sich selbst: In der wundervollen Western-Ballade "Just The Same", dem orchstral-opulenten, wuchtigen Revue-Song "Fallen Angel", im 60ies-Beat von "Storm A Comin‘", im Ricky-Nelson-typischen "Ain't Comin‘ Home" oder in der Lonesome-Cowboy-Nummer "Lost in the Crowd".

Fazit: Mit Pokey LaFarge hat die Retro- und Roots-Szene einen neuen Helden: "Rock Bottom Rhapsody" ist ein kleines Meisterwerk. Eine musikalische Wundertüte voller Überraschungen.

Label: New West / PIAS (roughTrade) VÖ: 10. April 2020
01 Rock Bottom Rhapsody
02 End of my Rope
03 Fuck Me Up
04 Bluebird
05 Rock Bottom Reprise
06 Lucky Sometimes
07 Carry On
08 Just the Same
09 Fallen Angel
10 Storm-A-Comin'
11 Ain't Comin' Home
12 Lost In The Crowd
13 Rock Bottom Finale

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