CD Cover: Hugh Prestwood - I Used to Be The Real Me

Der Songschreiber Hugh Prestwood veröffentlicht aus "I Used to Be The Real Me" seine größten Erfolge in eigener Interpretation.

Hugh Prestwood dürfte selbst regelmäßigen CountryMusicNews-Lesern nicht unbedingt ein vertrauter Name sein. Kein Wunder, der Texaner ist eher ein Mann hinter den Kulissen: ein Top-Songwriter, der unter anderem "Hard Rock Bottom of Your Heart" für Randy Travis schrieb. Dass er selbst auch das Zeug zum Star hätte, beweist er jetzt mit einem raren Solo-Album - "I Used to Be The Real Me".

Ein Blick in seinen Song-Katalog ringt einem Respekt ab. Zu der Kundschaft des Songwriters gehören schließlich so hochkarätige Namen aus dem Folk- und Country-Lager wie Judy Collins, Highway 101, Anne Murray, Michael Johnson, Crystal Gayle, Barbara Mandrell, Shenandoah, Ty England, Collin Raye, Alison Krauss, Tricia Yearwood und Randy Travis. Für letzteren schrieb er das grandiose "Hard Rock Bottom of Your Heart", mit dem Travis 1989 einen Nummer-eins-Hit landete. Wer über dergleichen Referenzen verfügt, ist - da gibt es keine zweite Meinung - über jede Kritik am Songwriting erhaben. Er kann's. Das steht fest. Aber will er auch? Oder bleibt er sich und seinen ureigenen musikalischen Vorstellungen felsenfest treu, wie der Titel der CD "I Used to Be The Real Me" erahnen lässt?

Sperrig und schön: "I Used to be The Real Me"

So viel vorab: Wer auf Grund seiner vielen Hits gefällige Country-Kost erwartet, wird sich getäuscht sehen. Vielleicht ist der eine oder andere sogar etwas enttäuscht. Denn Hugh Prestwood bietet auf "I Used to Be The Real Me" eine sehr verhaltene, sehr introvertierte und dazu höchst sparsam arrangierte Song-Kollektion an. Meist kommen die 13 Titel mit einer Akustikgitarre und der freilich sehr angenehmen, warmen Stimme von Prestwood aus. Anstatt 90ies-Country, dem Genre, in dem er seine größten Erfolge verbuchen konnte, bietet der aus El Paso stammende Künstler klassisches Singer/Songwriter-Handwerk an: Folk-Songs reinsten Wassers. Eine Stilrichtung, die zwar einerseits zeitlos, die aber auch nicht gerade hip ist. Es wird ihm reichlich egal sein, schließlich behauptet er ja: "I Used to Be The Real Me".

Er ist immer er selbst geblieben, sagt er. Auf ein Sich-Verkaufen würde man auch kaum kommen, hört man diese ruhigen, nachdenklichen Songs, die mit ihrer reduzierten Produktion an intime Wohnzimmer-Sessions denken lassen. Ein Sänger und Storyteller und Gitarrist, ein Mann für die kleine Bühne im kuscheligen Club. Hier dürften sich Titel wie das an den großen Gordon Lightfoot erinnernde "The Suit", das filigran gezupfte "Laura Nadine" oder das süßliche, mit weichen Geigen unterlegte "Charlie" ihren ganzen Charme versprühen.

Hugh Prestwood steht ganz in der Singer/Songwriter- und Folk-Tradition

"Reflected Back" heißt nicht nur ein Song der CD, er könnte auch als Überschrift des Albums dienen. Denn Sound, Inhalte und Umsetzung erinnern nahezu in jedem Song an den Folk der Post-Woodstock-Generation in den frühen 70er Jahren. An Künstler wie Judy Collins, Bob Dylan, Buffy Sainte-Marie, John Denver, Arlo Guthrie und den erwähnten Gordon Lightfoot. Allerdings: In die typischen Folk-Motive webt Hugh Prestwood regelmäßig auch sphärische New-Age-Sounds ein - beispielsweise bei dem bittersüßen "September", dem leider reichlich trübsinnigen "So Are We" und dem finalen, mit einer hypnotischen Klavierlinie ausgestatteten "Caroline Season".

Wie es scheint, scheut der hiterprobte Songwriter - geht es um seine eigene Musik - schlüssige Harmonieverbindungen. So zeichnen fast alle Titel, trotz gefälliger Interpretation, eine gewisse Sperrigkeit aus. Eine Sperrigkeit, die sich erst nach mehrmaligen Hördurchgängen lockert - um dann doch eingängiger und zugängiger zu erscheinen. Dass er es durchaus anders kann, zeigt der Opener und Titeltrack "I Used to Be The Real Me". Hier deutet der dekorierte Songschmied an, dass er genau weiß, woraus ein zündender Titel besteht. Doch selbst in diesem, mit einer Backingband ausnahmsweise etwas aufwändiger arrangierten Song bleibt die Handbremse gezogen.

Fazit: Auf "I Used to Be The Real Me" bietet Hugh Prestwood klassischen Singer/Songwriter-Folk, ganz im Stile der frühen 70er Jahre: nett, etwas sperrig, gelegentlich mit New-Age-Süßstoff kredenzt - aber top interpretiert.

Label: Wildflower (hier nicht veröffentlicht) VÖ: 18. November 2016
01 So Sweet Sixteen
02 Charlie
03 Another Way to Feel Alive
04 Reflected Back
05 The Suit
06 September Song
07 Untie These Lines
08 So Are We
09 I Used to Be the Real Me
10 Laura Nadine
11 April Fool
12 Caroline Season
13 The Song Remembers When

Anmelden