Kolby Cooper - Boy from Anderson County to the Moon

CD Cover: Kolby Cooper - Boy from Anderson County to the Moon

Kolby Cooper verlängert seine EP um weitere sieben Songs zum Debut-Album "Boy from Anderson County to the Moon"

Natürlich, es sind andere Zeiten. Früher machte man durch regelmäßiges Touren auf sich aufmerksam, um irgendwann einen Plattenvertrag zu unterzeichnen. Später kamen diverse Casting-Formate hinzu, die gelegentlich eine Blitzkarriere ermöglichten. Und heute? Heute, in Zeichen von Corona und Streamings, lässt sich auch Karriere machen, ohne sich auch nur einen Schritt aus dem Heimatkaff zu bewegen. Wer das nicht glauben will, sollte bei Kolby Cooper nachfragen.

Der enorm charismatische Sänger und Songschreiber hat deshalb auch sein Album "Boy from Anderson County to the Moon" betitelt. Es besagt nichts weniger als: Junge aus der Provinz macht astronomische Karriere.

Greift mit "Boy from Anderson County to the Moon” nach den Sternen: Kolby Cooper

So ganz übertrieben ist das nicht mal. Um das zu überprüfen, muss man sich nur mal die Click-Zahlen auf Streaming-Portalen wie Spotify anschauen. Da bringt es der langhaarige Country-Rocker mittlerweile auf rund 115 Millionen On-Demand-Streams. Wahnsinn! Geschafft hat es der talentierte Texaner nicht nur mit dem geschickten Füttern diverser Social-Media-Kanäle, sondern vor allem mit der Qualität seiner Songs. Mit einfühlsamem, sehr authentisch wirkendem Storytelling, mit Sounds und Songs, aus denen zwischen den Noten der Staub der texanischen Prärie bröselt und mit einer Stimme, der man verdammt gerne zuhört. Er singt klasse - und er hat etwas zu sagen. Meine Damen und Herren: Man schenke diesem Kolby Cooper bitte Gehör! Er verdient sich das mit jedem seiner 13 Titel umfassenden LP "Boy from Anderson County to the Moon".

Schon die ersten Takte, Minuten des über dreieinhalbminütigen Openers "Are We on Fire" machen deutlich, mit welchem Kaliber von Newcomer wir es hier mit Kolby Cooper zu tun haben. Er steigt ganz ruhig, ganz gemächlich in diesen Track ein. Eine Gitarre, ein zurückhaltender Groove. Aber man spürt: da kommt noch was. Und man sieht sich nicht getäuscht. Nach knapp zwei Minuten legen Cooper und Mannen eine Schippe drauf, nach weiteren 45 Sekunden erhöhen sie Druck und Dynamik noch einmal. Klar, das ist purer, unverfälschter Country-Rock. Aber es kommen einem noch andere Referenzen in den Sinn, zum Beispiel ein gewisser Bruce Springsteen. Und das nicht nur, weil auch der Boss einen Song mit "Fire" im Titel hat.

Die sechs Songs seiner EP "Boy From Anderson County" hat Kolby Cooper, wie es scheint, eher willkürlich über die volle LP-Distanz verstreut. Der Großteil der insgesamt sechs Tracks ist allerdings gegen Ende des Albums angesiedelt. "Excuses" aber, ein Titel, der sich in der digitalen Welt größter Beliebtheit erfreut, kommt bereits als zweiter Song. Völlig zu Recht. Denn der balladesk angelegte Track über ein gebrochenes Herz besticht nicht nur durch einen starken, synkopierten Groove und erstklassigen Country-Rock-Melodien - er gibt auch die Gangart des Albums vor. Also: starker, melodiebetonter, meist im unteren Midtempo-Bereich angesiedelter Country-Rock. Wer nach Vergleichen sucht, kann sich am Sound der Ely Young Band oder an Wade Bowen und Cody Johnson orientieren. Nicht allzuweit entfernt sind auch die Klänge der Zac Brown Band - was vor allem an der exzellenten Stimme von Kolby Cooper liegt.

Kolby Cooper: der nächste Chris Stapleton?

In dieser gleichzeitig modernen und auf den Traditionen beruhenden Country-Interpretationen geht es auch in den nächsten (neuen Titeln) weiter: "Breaking News", "Storm's Coming" und das an die frühen Restless Heart erinnernde "Woke Up Hungover" zeichnen Klasse und Gefühl aus. Die Band um den charismatischen Sänger hat damit noch längst nicht ihr Pulver verschossen. Im Gegenteil: Mit "Stars Fall Down" legen sie einen exzellenten Country-Folk-Song vor, der - kleines Manko - im Refrain leider um einen Tick zu sehr aufdreht. Dass dieses Konzept "ruhige Strophe, Knaller-Refrain" nicht unbedingt sein muss, zeigen sie in dem nachfolgenden "Way to Go": ein Slow-Motion-Rocker mit reduziertem Groove und lakonischen Neil Young-Anleihen.

Im letzten Drittel der LP erweitern Kolby Cooper & Co. ihren Sound um Southern-Rock- und Pop-Essenzen. Das sorgt für Abwechslung und für zwingende Tracks wie dem sehr flott angelegten, mit hervorragender Slide-Gitarre versehenen und damit entfernt an Lynyrd Skynyrd erinnernden "Just a Door"; dem U2-typischen Stadion-Kracher "This Song Don't Make No Sense" und dem erneut mit Southern-Rock-Beilage garnierten "Good for You". Alle drei finden sich auf der bereits erschienen EP, genau wie der anschließende, ganz auf Country-Folk gepolte Titeltrack. Mit dem finalen "To The Moon" nimmt Kolby Cooper diesen erdigen Traditionsfaden auf und spinnt daraus einen weiteren hervorragenden Song. Keine Frage, der Kerl versteht sein Handwerk.

Fazit: Erstklassige Songs, hervorragender Sänger, authentisch und gefühlsecht: Kolby Cooper und Mannen legen mit "Boy from Anderson County to the Moon” ein erstklassiges Debüt-Album vor. Der nächste Chris Stapleton?

Label: Wheelhouse / BMG (Warner) VÖ: 19. August 2022
01 Are We on Fire
02 Excuses
03 Breaking News
04 Storm's Coming
05 Woke Up Hungover
06 Stars Fall Down
07 Way to Go
08 Just a Door
09 This Song Don't Make No Sense
10 Her Favorite Songs
11 Good for You
12 Boy from Anderson County
13 To The Moon

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