Das neue Album "The Great Unknowing" von John R. Miller ist ein großartiges Hörerlebnis voller echter Emotionen und harter Wahrheiten
Aufgenommen im legendären Church Studio in Tulsa und inspiriert vom reichen musikalischen Erbe der Stadt sowie dem Vermächtnis von Künstlern wie J.J. Cale, zeigt sich Miller auf diesem Album offen für Ungewissheit und kreatives Risiko. Das Ergebnis ist sein bislang ambitioniertestes Werk, das die von seinen Tourneen geprägte Lyrik, die zu seinem Markenzeichen geworden ist, mit weitläufigen Arrangements verbindet, die Anleihen bei Americana, Folk, Rock und sogar Nuancen alternativer Gitarrenmusik nehmen und an so unterschiedliche Einflüsse wie John Prine und J. Mascis erinnern.
Trotz seiner breiteren Klangpalette verliert "The Great Unknowing" nie die zutiefst menschlichen Geschichten aus den Augen, die im Mittelpunkt stehen. Das Album, das in Millers Kindheit in West Virginia verwurzelt ist, aber durch jahrelange Reisen und die Zusammenarbeit mit neuen Musikern geprägt wurde, erkundet Themen wie Bewegung, Erinnerung und Wandel anhand facettenreicher Klanglandschaften mit Geige, Mellotron, verzerrten E-Gitarren und Momenten zarter akustischer Intimität. Selbst die Veröffentlichung spiegelt Millers Engagement für die Bewahrung der greifbaren Traditionen der Musik wider: Das Album erscheint zunächst auf physischen Tonträgern und erst später im Streaming – ein aufrichtiges Bestreben, die Fans dazu zu ermutigen, unabhängige Plattenläden zu unterstützen und die Musikkultur am Leben zu erhalten.
"The Great Unknowing" ist kein weiteres gemütliches Stück zeitgenössisches Americana
Von dem Moment an, in dem "Don’t Bet On Me" mit seinem dreckigen, pulsierenden Gitarrenriff zum Leben erwacht, macht John R. Miller unmissverständlich klar, dass "The Great Unknowing" kein weiteres gemütliches Stück zeitgenössisches Americana sein wird. Das Eröffnungsriff weist mehr als nur eine flüchtige Ähnlichkeit mit etwas auf, das Dire Straits Mitte der 1980er Jahre hätten zaubern können, doch anstatt sich einfach nur beim Classic Rock zu bedienen, verwandelt Miller diese Einflüsse in etwas Raueres und emotional Offeneres. "Nichts Gutes gibt es umsonst, setz nicht auf mich", gesteht er mit verblüffender Ehrlichkeit und gibt damit den emotionalen Ton für alles vor, was folgt. Seine Beobachtungen – "Geld spricht, ich kann es nicht hören … Was ich habe, ist nicht viel, aber du kannst kommen und nehmen, was du siehst" – werden ohne Selbstmitleid vorgetragen und wirken stattdessen wie eine brutal realistische Einschätzung seiner eigenen Unzulänglichkeiten. Das sich wiederholende Gitarrenmotiv treibt den Song unerbittlich auf einen atmosphärischen Höhepunkt zu und macht sofort deutlich, dass dieses Album Schönheit im Unbehagen finden wird.
Diese Mischung aus Groove und Melancholie setzt sich nahtlos in "Far From the Station" fort, einem zurückhaltenden Stück bluesgetränktes Americana, in dem Miller beweist, dass Stille oft genauso ausdrucksstark sein kann wie Spektakuläres. Die zurückhaltende Percussion und das entspannte Gitarrenspiel schaffen Raum, in dem jeder Text atmen kann, sodass Zeilen wie "You're the only thing I've been doing wrong" und "Some people just can't love right" mit vernichtender Wucht wirken. Die gesamte Darbietung ist von einer zurückhaltenden Selbstsicherheit geprägt; Miller verspürt nie das Bedürfnis, zu übertreiben oder das Arrangement zu überladen. Stattdessen schlängelt sich der Song sanft durch seine Reflexionen über gescheiterte Beziehungen und einsame Nächte und schafft dabei eine Stimmung, die sich zugleich intim und universell anfühlt. Es ist eine Meisterleistung der Zurückhaltung, die an die besten Momente von Jason Isbell erinnert und gleichzeitig eine Identität bewahrt, die unverkennbar Millers eigene ist.
Während diese ersten Titel die emotionale Landschaft des Albums vorstellen, beginnt "Tollbooth", dessen philosophisches Herz zu enthüllen. Die Musik, die mit zarter Akustikgitarre beginnt, die wie eine warme Sommerbrise dahinschwebt, verschleiert zunächst die existenzielle Schwere, die der Text in sich trägt. Anspielungen auf überfällige Miete und die sich anhäufenden Bedauern des Lebens entfalten sich langsam, bevor Miller das zentrale Konzept des Albums mit der Erwähnung von "The Great Unknowing" explizit einführt. Die Mautstelle wird zu einer wunderbar umgesetzten Metapher für die Existenz selbst: Jeder muss letztendlich den Preis des Lebens bezahlen, unabhängig davon, ob er es sich leisten kann. Wenn er sinniert: "Ich glaube, der Mautstellenwärter ist high", lädt diese Zeile zu endlosen Interpretationen ein. Spricht er vom Schicksal? Von der Gesellschaft? Von Gott selbst? Miller lässt die Frage klugerweise offen und gibt den Zuhörern die Möglichkeit, sich noch lange nach dem Ausklingen des Songs damit auseinanderzusetzen. Gerade diese Weigerung, einfache Schlussfolgerungen anzubieten, macht sein Songwriting so lohnenswert.
Die emotionale Schwere wird dann geschickt durch "Think I'll Start Over" ausgeglichen, das fast so wirkt, als würde das Album tief durchatmen. Der Song, der auf sanften Percussion-Klängen, einem beschwingten Western-Rhythmus und eleganter Pedal-Steel-Gitarre aufbaut, bietet einen der wenigen Momente des vorsichtigen Optimismus auf dem Album. "Du wirst niemals Glück haben, wenn du es nicht wenigstens versuchst", rät Miller mit zurückhaltender Weisheit, bevor eine weibliche Harmonie den Refrain in etwas fast Traumhaftes erhebt. Anstatt den Realismus aufzugeben, der den ersten Teil des Albums dominiert, suggeriert der Song lediglich, dass ein Neuanfang immer möglich ist, so unwahrscheinlich der Erfolg auch erscheinen mag. Dieses Gefühl der Hoffnung erweist sich jedoch als kurzlebig, da "Looking for a Place to Die" sofort wieder in gesellschaftskritische Kommentare eintaucht. Angetrieben von energiegeladenem Banjo und altmodischer Folk-Percussion verbirgt der Song seine bissigen Beobachtungen hinter einem wunderbar mitreißenden ländlichen Hoedown. Millers schärfste textliche Sticheleien kommen fast beiläufig daher: "Die Gefängnisse werden voller, aber sie werden nicht weißer", bevor er seine Kritik auf die wohlhabende Elite ausweitet. Der Kontrast zwischen fröhlicher Instrumentierung und düsterer Sozialkritik ist eine der prägenden künstlerischen Leistungen des Albums.
John R. Miller wechselt zwischen verschiedenen Facetten der amerikanischen Roots-Musik hin und her
Dieser Spagat zwischen Zugänglichkeit und Komplexität erreicht bei "Steering Wheel Drums" vielleicht seinen kommerziellsten Höhepunkt. Klanglich liegt der Song irgendwo zwischen Tom Petty, Bob Dylan und The Wallflowers, wobei Anklänge an Counting Crows in die üppige Heartland-Rock-Produktion eingewoben sind. Im Vergleich zu den sonst so dicht poetischen Texten ist dies einer der textlich am wenigsten komplexen Momente des Albums, aber genau deshalb funktioniert er. Manchmal wird die Melodie selbst zur Botschaft, und Miller schafft einen der unmittelbar fesselndsten Momente des Albums, ohne dabei an emotionaler Authentizität einzubüßen. "Golden Light" erfüllt später eine ähnliche Funktion. Es erinnert an Bruce Springsteens "Tunnel of Love"-Ära, während es sich gleichzeitig etwas von der großformatigen Wärme von Fleetwood Mac und der melodischen Weite von "One Headlight" der Wallflowers leiht; sein Refrain "Lost in the golden light" bleibt sofort im Gedächtnis haften. Auf einem Album, das häufig intellektuelles Engagement verlangt, bieten diese Songs durch ihre schiere musikalische Schönheit eine unverzichtbare emotionale Entlastung.
An anderer Stelle wechselt Miller ständig zwischen verschiedenen Facetten der amerikanischen Roots-Musik hin und her, ohne dabei jemals seine Identität aus den Augen zu verlieren. "Daughter of Night" kehrt zum facettenreichen Folk-Americana zurück, wobei Akkordeon, Geige und Klavier eine seiner besten erzählerischen Darbietungen untermalen. Seine Aussage "I fell in love with a daughter of night" erinnert an die raue Erzählkunst von Bruce Springsteen, bleibt dabei aber tief in der Tradition der Appalachen verwurzelt. Dann folgt das wunderbar unerwartete "A World Away", bei dem industrielle Gitarrenklänge und gezielte Dissonanzen das Album kurzzeitig in den Indie-Rock-Bereich ziehen. Wenn Miller singt: "Als ich ein Banjo bekam, brachten mir meine Freunde Rock 'n' Roll bei", bevor er Lou Reed namentlich erwähnt, ergibt plötzlich alles einen Sinn. Der Titel fungiert fast wie eine musikalische Autobiografie und erklärt, wie diese scheinbar widersprüchlichen Einflüsse in seinem Songwriting nebeneinander bestehen.
"Day Drinking" stellt die ländliche Identität des Albums sofort wieder her und nutzt dabei beschwipste Gitarrenlinien, Geigen und schwarzen Humor – "I just run out of reasons not to" –, um das Thema Sucht mit überraschender Wärme und Witz zu beleuchten.
"The Great Unknowing" ist ein Album, das sich weigert, einfache Antworten zu liefern
Der Schlussabschnitt des Albums wird zunehmend intimer. "Two Days Clean" reduziert alles noch einmal auf das Wesentliche und lässt Akkordeon und Pedal-Steel-Gitarre Millers verletzliches Eingeständnis untermalen, dass er einfach nur versucht, noch einen weiteren Tag nüchtern zu bleiben. "Dieses Leben ist kein Fluss, es ist eine Karussellstadt", seufzt er und fängt damit auf brillante Weise die zermürbende Wiederholung von Sucht und Genesung ein.
"If You Could Only See Me Now" gibt sich zunächst als triumphaler Country-Rache-Song aus, komplett mit Retro-Geigenarrangements im Stil der 1960er Jahre und der prahlerischen Aussage: "Jeder Tag ist ein vierblättriges Kleeblatt und jede Nacht ein Gewinnblatt." Doch wie so oft auf diesem Album untergräbt Miller seine eigene Prahlerei, indem er gebrochene Versprechen, Lügen und das unter der Oberfläche lauernde Elend gesteht. In ähnlicher Weise greift "Double Lives" mit seinem Bar-Rhythmus, der einsamen Pedal-Steel-Gitarre und den eindringlichen Frauenstimmen klassische Country-Traditionen auf und liefert zugleich eine weitere ernüchternde Reflexion über zerbrochene Beziehungen und moralische Kompromisse. Selbst die einprägsame Zeile "Jeder Freund ist ein Fremder und jeder Milliardär ein Dieb" wirkt weniger wie politisches Parolengeplapper als vielmehr wie die müde Beobachtung von jemandem, der einfach schon zu viel gesehen hat.
"Spätestens bei "Static and White Noise" hat Miller fast jede emotionale Abwehr abgelegt. Die intime Lagerfeuerstimmung passt perfekt zu einem Song über den Rückzug aus der Realität, das Sofa-Surfen an Sonntagen und die verzweifelte Suche nach genug Rauschen, um schmerzhafte Erinnerungen zu übertönen. Es folgt das wunderschön zurückhaltende "Cornbread and Pinto Beans", ein erfrischend unsentimentales Liebeslied, das eine Frau feiert, die sich nicht durch Romantik, sondern durch Überzeugung auszeichnet. Miller bewundert, dass sie eine "Königin des Widerstands … voller Überzeugungen" ist, und stellt stolz fest: "Sie verschwendet keine Zeit in Foren, sie investiert ihre Zeit sinnvoll." Es ist ein Porträt echten Respekts statt idealisierter Zuneigung, das das Bekenntnis des Albums zu emotionaler Ehrlichkeit statt Sentimentalität unterstreicht.
John R. Miller interpretiert "Walk of Life" von den Sire Straits neu
Dann folgt eine reizvolle Überraschung. Nachdem Miller mit einem Song eröffnet hat, der an Dire Straits erinnert, schließt er das Album mit einer Neuinterpretation eines ihrer größten Hits: Er verwandelt "Walk of Life" in ein entspanntes Stück Appalachian-Americana, komplett mit Pedal-Steel-Gitarre und rustikalem Charme. Anstatt effekthascherisch zu wirken, bildet dies einen geschickten Abschluss des Albums und demonstriert gleichzeitig Millers bemerkenswerte Fähigkeit, bekanntes Material durch seine eigene künstlerische Brille neu zu interpretieren.
Fazit: "The Great Unknowing" zählt zu den facettenreichsten und intellektuell anregendsten Americana-Alben des Jahres. Es ist üppig, ohne ins Übertriebene abzugleiten, poetisch, ohne dabei die Melodie zu vernachlässigen und zutiefst persönlich, während es zugleich weitreichende Fragen zu Klasse, Sucht, Beziehungen, Glauben und dem modernen Dasein aufwirft.











