Niko Moon erkundet seine Country-"Roots"
Die Zeiten ändern sich. Die Zeiten und die Musik. Wer nicht mitmacht und beharrlich gegen den Strom anschwimmt, kann – kommerziell gesehen – schnell mal untergehen. Viele durchaus auch traditionsbewusste Country-Acts sind deshalb auf der Suche nach einem Kompromiss: hip klingen – aber gleichzeitig die Roots nicht verleugnen. Das ist nichts weniger als ein Drahtseilakt, der immer wieder gelingt, mindestens aber auch genauso oft schiefgeht. Einer der dieses Balancekunststück mit Bravour meistert, ist Nicholas Cowan aus Texas, besser bekannt unter dem Namen Niko Moon.
Schon 2016 gründete er zusammen mit (keinem Geringeren als) Zac Brown und Ben Simonett die Band Sir Rosevelt. Ihr Sound: Ein Mix aus Dance, Electronic und Country. So richtig durchgestartet ist das Trio zwar nicht, aber immerhin verwendete das ZDF ihren Track "The Bravest" zur Untermalung der Berichterstattung über die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland – und der Song blieb allemal positiver in Erinnerung als der fußballerische Vortrag des DFB-Teams.
Niko Moon: als Solokünstler erfolgreicher
2019 trennten sich dennoch die Wege von Moon, Brown und Simonett, wonach Moon schnurstracks in die Solo-Karriere einbog Eine weise Entscheidung. Denn schon seine 2020 erschienene Debüt-EP "Good Time" und das gleichnamige, ein Jahr später erschienene Album eroberten vordere Plätze der Country-Charts. Noch besser schnitt der Titeltrack im Single-Format ab: er landete 2020 auf Platz eins der Country- und auf Platz 20 der US-Pop-Charts. Knapp 200 Millionen Mal wurde der Track überdies auf Spotify gestreamt – ein gültiger Beleg seines musikalischen Erfolgsrezeptes.
Nach dieser hitbewährten Rezeptur hat Niko Moon jetzt auch die meisten Titel seines neues Albums "Roots" angerührt: gestylte, percussive Computer-Grooves (die gar nicht so tun, als ob sie von Menschenhand angefertigt wären), jede Menge Stutter-Effekte, Keyboards – und natürlich das Arsenal der Roots-Musik, mit Banjo und Akustikgitarre. Zwei Welten, die heute so oft zusammengeführt werden, dass es dem geneigten Hörer gar nicht mehr auffällt, dass hier zwei Kulturkreise kollidieren. Auch Niko Moon führt diese Kollision mit diebischer Freude herbei – und das macht er besser als die meisten anderen.
Für den Auftakt hat sich der Scherzkeks gleich mal etwas Besonderes einfallen lassen: Er hat sich den großen Ray Charles-Klassiker "Georgia On My Mind" vorgenommen und ihn – etwas respektlos – durch den Kakao gezogen: mithilfe von quäkenden Mickey-Mouse- oder Chipmunks-Stimmen. Wie sich zeigt, kann dieser Jahrhundert-Melodie aber nicht mal diese kecke Geschmacksattacke etwas anhaben. Dem guten Ray, falls er das im Himmel hören sollte, wird es dennoch schaudern.
Typisch Niko Moon: der Titel ist nicht immer auch Programm
Wie bei heutigen Nashville-Acts üblich, sollte man die Songtitel nicht immer für bare Münze nehmen. Country-Motive werden grundsätzlich gerne genommen und man singt auch mit Begeisterung über Kneipen, cold beer, Trucks, Angeln, verschlafene "Small Towns" oder über die Helden Johnny Cash und George Strait gesungen – die musikalische Umsetzung hat dennoch oft genug so viel mit Roots-Musik zu tun, wie eine Fiddle mit einer E-Gitarre. Das gilt zum Beispiel auch für Niko Moons "Get Country", der dann doch eher "Get Pop" heißen sollte. Aber: Bei "Country Song" löst er das Versprechen tatsächlich ein und serviert einen hübschen Roots-Track, mit einer kleinen textlichen Verneigung vor Brooks & Dunn. Die beiden werden es gerne hören.
Dass dem texanischen Schelm nichts heilig ist, zeigt sich in drei weiteren Titeln, die alle an Song-Klassiker erinnern: "Drift Away" (von Dobie Gray), "Easy" (Commodores) und "Change The World" (Eric Clapton). Mit den berühmten Vorlagen haben die Niko Moon-Tracks indes nichts gemein, sie sind nette, lässige, gut zu hörende Country-Pop-Übungen. Für das Song-Highlight von "Roots" sorgt aber "Somewhere, Somehow, Some Way", ein lupenreiner Country-Folk-Track. Akustisch gehalten, ohne Schnickschnack, ohne digitales Getucker, starkes Storytelling – ganz klar der beste Song des Albums. Vermutlich aber nicht der kommerziellste. Wie gesagt, die Zeiten haben sich geändert...
Fazit: Mit "Roots" bleibt Niko Moon sich und seinem Stil treu. Sein Mix aus Pop, Electro, Dance und traditionellen Klängen wird sich – darauf darf man wetten – wieder in den Charts bewähren.













