Ist der Bluegrass-Boom bereits vorbei?

 Diejenigen, die weder eine Dobro noch Alison Krauss kennen, fragen sich wahrscheinlich: "Bluegrass-Boom? Welcher Bluegrass-Boom?" Wahre Fans können darauf nur antworten: "O Brother…" Vier Jahre ist es her, da wurden Bluegrass und traditioneller Country von trendigen Capuccino-Trinkern entdeckt, für die einige Jahre zuvor noch der Buena Vista Social Club und Ricky Martin erste Wahl waren. Jetzt kauften sie den Soundtrack von "O Brother, Where Art Thou?", und sei es nur, um ihn als Ausweis ihrer Hipness beiläufig auf dem Café-Tisch zu drapieren. Der Soundtrack, auf dem u. a. die Bluegrass-Stars Alison Krauss, Ralph Stanley, Dan Tyminski und Norman Blake zu hören sind, verkaufte sich wie geschnitten Brot und machte Bluegrass zu einem kommerziellen Phänomen.

Zumindest auf den ersten Blick. Denn von den 6 Millionen Menschen, die sich das Album zulegten, ließen sich nur sehr wenige dazu verführen, auch CDs von der Del McCoury Band, der Nashville Bluegrass Band oder von Ricky Skaggs zu erwerben. Trotzdem gewannen auch diese Künstler ein größeres Publikum, verkauften mehr Platten und erhielten mehr Aufmerksamkeit als zuvor.

Ist die Begeisterung schon wieder vorbei? Die Frage stellt sich, weil es gewisse Anzeichen dafür gibt, die auch andere bereits bemerkt haben. Bluegrass-Shows im Lyric Theatre sind keineswegs mehr automatisch ausverkauft. Der Bluegrass-Sender WKEX wechselte vor einigen Monaten plötzlich sein Format und sendet seitdem nur noch Sport. Und auch die wöchentlichen Bluegrass-Nächte in Roanoke, Virginia, finden nicht mehr so viel Aufmerksamkeit – und so viele Zuhörer - wie noch vor ein paar Jahren. Ist die Blase also geplatzt?

Auf den ersten Blick, muss man wieder sagen. Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Jeder wusste, dass „Oh Brother“ das EINZIGE Album mit traditioneller Musik bleiben würde, dass sich 6 Millionen Mal verkauft. Es war von vornherein klar, dass die Karawane der nationalen Popkultur schon bald zum nächsten Trend weiterziehen würde – Electronica, Weblogs, Big Tom, Ashlee Simpson etc. – und genauso ist es gekommen. Das ist OK. Die Wahrheit ist, dass Bluegrass bereits populärer wurde, bevor sich „Oh Brother“ zum Megaseller entwickelte. Jetzt, da sich der Rauch verzogen hat, erfreut sich die Musik, die es vor ein paar Jahren unerklärlicherweise an die Spitze der Mainstream-Charts verschlug, immer noch bester Gesundheit und ist sogar robuster als vor dem Boom.

In Südwest-Virginia bieten sich auch in der Zeit nach „Oh Brother“ immer noch genug Möglichkeiten, „alte“ Musik zu genießen. Der Staat hat Millionen in den Virginia Heritage Music Trail, auch „The Crooked Road“ genannt, investiert, der Besucher der Blue Ridge dazu animieren soll, sich echte Musik aus den Bergen anzuhören und ein paar Dollar auszugeben. Im Frühjahr werden ein Musikführer und eine CD Touristen zu entsprechenden Venues leiten, von Ferrum über Floyd und Galax bis an die Schwelle von Ralph Stanleys Dickensen County.

Jene Poser, die meinten, „Oh Brother“ aus Coolness-Gründen kaufen zu müssen, haben sich mittlerweile Clay Aiken oder den Wiggles zugewandt. Fein, wir freuen uns über die Zeit, die wir mit ihnen verbringen durften. Jetzt, da sie wieder verschwunden sind, sehe ich eine wachsende Zahl junger Fans, von denen viele auf ein groovy „jam-grass“ schwören. Solange sie dadurch zur akustischen Roots-Musik geführt werden, ist es egal, ob sie Flatt and Scruggs verehren oder Leftover Salmon, ob sie die Väter des Bluegrass hören oder „O Brother“. Die ehrwürdige Musik aus den Bergen hat bereits Rock’n’Roll, Pop-Country und HipHop überlebt, sie wird sich auch im ewigen Zyklus kommender und gehender Trends behaupten.