Die Meinungen über den Irakkrieg gehen auch unter Country-Musikern ziemlich auseinander – nimmt man das Programm der US-Radiosender zum Maßstab, würde man dies allerdings nicht vermuten.
Während Toby Keith, Darryl Worley und Charlie Daniels mit patriotischen Songs über den Krieg Hits landen konnten, haben andere, wie Willie Nelson, Merle Haggard und Nanci Griffith, Anti-Kriegs- oder zumindest kritische Songs veröffentlicht, von denen niemand Notiz nahm.
"Die Country-Sender betreiben intensive Marktforschung und wissen, dass ihre Hörer die Truppen im Irak unterstützen. Mit Antikriegs-Songs wollen sie deshalb nichts zu tun haben", meint John Hart, Präsident von Bullseye Marketing Research aus Nashville. "Ich arbeite mit 32 Radiosendern, nicht einer von denen hat Antikriegs-Lieder ins Programm genommen."
Die Zahl der patriotisch gefärbten Stücke, die zu Beginn der Einsätze in Afghanistan und Irak überall zu hören waren, hat jedoch abgenommen. John Michael Montgomerys berührendes "Letters from Home", aus dem Album
"Letters from Home", ist momentan der einzige Chart-Hit, der den Krieg zum Gegenstand hat. Das Lied ist aber weder ein wütendes Plädoyer für einen Waffengang noch eine Liebeserklärung an Amerika.
Hart glaubt, dass in Bezug auf patriotische Hurra-Songs eine Sättigung eingetreten ist. Zudem sei die zu Beginn des Konflikts herrschende Begeisterung durch die andauernden Kämpfe im Irak und den Folterskandal mittlerweile einer gewissen Ernüchterung gewichen. "Ich glaube, die Labels und Radiosender spüren, dass sie an einem Punkt angelangt sind, an dem sie etwas Fahrt rausnehmen müssen", erläutert Hart. "Und die Künstlern zögern, etwas zu veröffentlichen, von dem sie glauben, dass es einen Overkill auslösen könnte."
Das in dieser Woche von Donnerstag bis Sonntag in Nashville stattfindende Country Music Association Music Festival ist durch starke patriotische Untertöne gekennzeichnet. Die CMA verteilt nicht nur Gratis-Tickets an Soldaten der 101. Airborne Division in Fort Campbell, sondern hält auch ein Treffen mit Entertainern ab, die im letzten Dezember vor den Truppen im Irak aufgetreten sind. Zu den Gästen der am Freitag stattfindenden Veranstaltung zählen Worley, dessen "Have You Forgotten", aus dem Album
"Have You Forgotten", immer noch eine Hymne der Konservativen ist sowie der liberale Komiker und Autor Al Franken und die Serien-Schauspielerin Karri Turner (JAG - Im Auftrag der Ehre).
Nach Meinung von Franken hatte die Gegenreaktion auf die Bush-kritischen äußerungen der
Dixie Chicks -Leadsängerin Natalie Maines tief greifende Auswirkungen auf das, "was die Leute in der Country-Musik meinen sagen oder nicht sagen zu dürfen." "Und das ist wirklich schlecht", so Franken. "Jeder sollte seine politische Meinung frei äußern dürfen."
Auch Worley ging auf die
Dixie Chicks ein: "Sie haben sich zum Präsidenten ziemlich deutlich geäußert, und seitdem hat man im Country-Radio nicht mehr viel von ihnen gehört. Es gibt in diesem Land eine schweigende Mehrheit, die weit stärker ist, als man glaubt."
Künstler aus dem Country-Bereich gelten im Allgemeinen als konservativer als solche anderer Genres, es gibt jedoch Ausnahmen. Country-Ikonen wie Emmylou Harris, Steve Earle, Rosanne Cash und Lucinda Williams setzten ihre Namen unter eine Petition der Antikriegsgruppe Musicians United to Win Without War. Anerkannte Songwriter wie Rodney Crowell und Raul Malo von den Mavericks haben aus ihrer Opposition gegenüber dem Präsidenten keinen Hehl gemacht. Und in diesem Jahr hat sich eine neue Gruppe namens Music Row Democrats formiert, die Songwritern, Musikern und Produzenten aus dem Country-Bereich sowie Mitarbeitern der entsprechenden Plattenfirmen eine politische Stimme geben will.
Trotzdem, die wenigen Country-Songs, in denen Vorbehalte über den Irakkrieg geäußert wurden, konnten sich nicht durchsetzen.
Nach Meinung von Worley hat dies auch etwas mit den Künstlern zu tun, die sie veröffentlicht haben. Veteranen wie Nelson und Haggard hätten in den letzten Jahren generell Schwierigkeiten gehabt, mit ihren Songs in die Charts zu kommen. Marktforscher Hart glaubt allerdings, dass noch mehr dahinter steckt. Da das Country-Publikum mehrheitlich konservativ sei, wäre auch ein Antikriegs-Song eines momentan angesagten Künstlers erfolglos geblieben. "Ich beschäftige mich nun seit 1972 mit Country-Musik, und meiner Meinung nach laufen bei jedem Konflikt die gleichen Mechanismen ab", so Vietnamveteran Hart. "Jedes Mal, wenn wir jemanden angreifen, heißt es ‚Ja, verdammt! Jetzt zeigen wirs ihnen!’. Hier liegen gewissermaßen die Wurzeln der Country-Musik."
Nach Meinung von Sänger Kenny Rogers – dessen Gruppe The First Edition mit "Ruby", einer düsteren Geschichte über einen behinderten Vietnamveteranen, der von seiner Frau betrogen wird, einen der ergreifendsten Hits der Vietnam-ära ablieferte – ist das politische Klima heute vollkommen anders als in den sechziger und siebziger Jahren. "Die Künstler haben Angst, über das Thema zu schreiben und entsprechende Songs zu spielen", so Rogers. "Jeder hat heute ungeheure Angst davor, politisch korrekt zu sein." "Ich kenne keinen erfolgreichen Song, in dem es heißt ‚Das muss aufhören", führt Rogers weiter aus. "Aber wenn es einen gut durchdachten und geschriebenen und nicht ausschließlich politisch motivierten Song mit diesem Tenor gäbe, würde er meines Erachtens im Radio auch gespielt werden."