Colter Wall

Der Kanadier Colter Wall beeindruckt mit traditionellem Folkroots-Programm.

Für Aufmerksamkeit muss der Newcomer Colter Wall nicht sorgen. Mit dem ersten Ton gehört ihm das Publikum im kleinen, mit 150 Gästen schnell ausverkauften Maze Club in Berlin. Viele haben diesen von CountryMusicNews.de präsentierten Auftritt herbeigesehnt, denn sein Ruf und seine bisherigen Veröffentlichungen haben den Weg geebnet, um ein besonderes Konzert zu erwarten und einen besonderen Künstler willkommen zu heißen. Es ist sein Deutschlanddebüt auf einer Tour, die im März in Austin, Texas beim SXSW-Festival begann und die ihn seitdem täglich in neuen Betten erwachen lässt, wir werden noch hören: nicht immer allein.

Und wer im Publikum es vorher tatsächlich noch nicht wusste: der erste Ton aus seinem Mund klingt ungewöhnlich. Der gerademal 21 Jährige verfügt über eine erstaunlich tiefe, reife, resonanzvolle Stimme, ein natürlicher Bariton, der bei einem älteren Mann so allerhand Whiskeykonsum vermuten lassen würde, hier aber eine Laune der Natur ist und die Basis für ein großes Talent.

Kein Wunder, bei der Stimme!

Er nennt sich selber Folksänger, und wie um das zu unterstreichen fächert er eine Woody Guthrie - Jimmie Rogers - Blaze Foley - Welt vor uns auf, interpretiert den alten Bobby Helms Country Hit "Fraulein", der durch Songwriter-Ikone Townes Van Zandt, aber auch durch die New Wave Band Devo und sogar durch Heinrich Pumpernickel aka Chris Howland schon allerhand Versionen hat erfahren müssen. Colter Wall spielt ihn ganz traditionell, um nicht zu sagen: streng traditionell. Ein kleiner Jodler gelingt ihm nicht zurecht, wird aber in keinster Weise humorig aufgefangen.

Der junge Künstler ist zu ernst bei der Sache, zu sehr voller Respekt und Liebe für die traditionellen Songvorlagen, um hier mit den Augen zu zwinkern. Diese Ernsthaftigkeit wirkt ungemein ansteckend und lässt eine konzentrierte Zuhörathmosphäre entstehen, die selten geworden ist, zumal wenn sie durch einen so jungen Menschen geschaffen wird.

Die Songs von Colter Wall sind oft bluesfundiert

The Devils Wears a Suit and Tie" von seiner Debüt-EP "Imaginary Appalachia" 2015 ist bestens bekannt beim Publikum. Beim Stichwort "Anzug und Krawatte" erkennen viele darin vielleicht eine allgemeine Kritik an White Collar Politik, tatsächlich aber schlägt Colter Wall auch hier seine Marke in die Musikgeschichte: der Song erzählt von der überlieferten Geschichte von Robert Johnson, dem Urvater des Delta Blues, wie er einst seine Seele dem Teufel verkaufte, um sein Songwritertalent zu erhalten.

"Ich mache das normalerweise nicht hier oben auf der Bühne, sagt Colter Wall, aber in Amerika passieren ungute Dinge zurzeit." Womit er, ohne seinen Namen zu nennen, auf Donald Trump anspielt, und er interpretiert "Oval Room" aus der Feder von Songwriterlegende Blaze Foley, der damit einst Präsident und Ex-Schauspieler Ronald Reagan meinte, aber dessen zentraler Satz "He's the President, but I don’t care" so wunderbar in die Gegenwart passt.

Auf der Bühne steht der fusselig-vollbärtige Youngster mit schwarzem Hut und blauem Hemd. Den Country-Einfluss auf seine Musik, so hat Colter Wall in einem Interview mal gesagt, verdankt er der ländlichen Gegend von Saskatchewan in Midwest Kanada, aus der er stammt. Aber die ihm so wichtigen Folk-Roots hat er sich selber erarbeitet.

Seine Bewunderung gilt der Sechziger Jahre Folk Szene von Greenwich Village und ihrer ungetrübten Authentizität. Er zeigt an diesem Abend wie sehr er für seine eigene Musik diese Werte hochhält und sie für das Heute bewahren möchte. Das ist extrem wertvoll, denn sowohl die Songauswahl an diesem Abend als auch die ungekünstelte, glaubwürdige Haltung ist ein seltener Schatz. Denn wann werden diese überlieferten Songs, zumal in unseren Breitengraden, überhaupt noch auf die Bühne gebracht. Die Gründerväter sterben langsam endgültig aus, und so ist Teil des Willkommens von Colter Wall auch die Dankbarkeit für die Pflege einer Tradition.

Jung genug um nichts anbrennen zu lassen

Dass er selber als junger Mann mit entsprechender Vitalität und ganz gegenwärtigen Interessen dabei nicht vergessen wird, zeigt die Geschichte vom langen Touren. Das Gute daran ist, sagt er, Du triffst jede Menge tolle Frauen. Und sein sympathisches Grinsen verrät, dass er dabei nichts anbrennen lässt. Allerdings widmet er seine eigene Komposition "You Look to Yours" dann doch den Frauen, die ihn abgewiesen haben. Soll es geben.

Das vor kurzem auch bei uns veröffentlichte selbstbetitelte Debüt-Album, das er mit Dave Cobb produziert hat, dem derzeit wohl angesagtesten Produzenten junger Americana Künstler, zeigt ihn im Vergleich mit diesem ersten Konzert in Deutschland zwar ebenfalls sehr traditionell und songkonzentriert, aber zuweilen auch eingebettet in einen Bandsound. Live wird diese Seite von einem Gastgitarristen mit Backgroundstimme für einige Stücke repräsentiert, und vielleicht, eines fernen Tages, kann Colter Wall mit einer Band im Rücken noch mal ganz andere Saiten aufziehen. Er ist ja noch jung.


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