Chris Stapleton live in München

Beim Barte des (Country)-Propheten: Chris Stapleton gibt ein umjubeltes Konzert im ausverkauften Münchner Club Technikum - obwohl er seine Fans über Gebühr lange warten ließ.

So sieht also die neue Country-Hoffnung aus: bärig, bärtig, bullig; lange, wellige Haare, Rauschebart. Grimmiger Blick, starke Stimme. Ein etwas zerfledderter Hut, schluffige Jeans. Die Gitarre - eine Fender Jazzmaster aus den 60ern. Kurzum: alles sehr, sehr retro. Das gilt auch irgendwie für die Musik. Zumindest, wenn man "retro" mit "erdig", "bodenständig", "auf das Wesentliche konzentriert" und "alles an den Roots des Genres orientiert" übersetzt. Dass dieser eigenwillige Mix aus rustikaler Waldschrat-Optik und traditionellen Klängen so überaus blendend funktioniert, durfte man nicht unbedingt erwarten - der Erfolg lässt aber hoffen. Denn Qualität, so schien es, war im Country der letzten Jahre nicht unbedingt ein entscheidendes Erfolgskriterium.

Nun also hat dieser in seiner jungen Karriere bereits so ziemlich alles an Preisen eingeheimst, was die Branche aufzubieten hat: CMA- und ACM-Awards, dazu zwei Grammys für sein Debüt-Album "Traveller" - in den Rubriken "Best Country Album" und "Best Country Solo Performance". Wow: Der Mann scheint absolute Spitze zu sein, im Studio und dazu auf der Bühne. Die Erwartungshaltung könnte nicht höher sein...

Zwei Tage vor dem Auftritt in dem 750 Besucher fassenden Club Technikum in München bewies Chris Stapleton, dass er auf den größten Bühnen der Welt zu bestehen weiß: beim Country 2 Counry-Festival in der Londoner, 20.000 Zuschauer fassenden O2-Arena. Süß war das irgendwie. Auf der riesigen Bühne kuschelte sich diese Mini-Band auf engsten Raum zusammen. Wäre die Bühne ein Fußballfeld, das vierköpfige Ensemble würde nur den Anspielkreis in Anspruch nehmen. Drummer und Bassist etwas zurückgezogen in der Abwehr, Chris und Gattin Morgane vor ihnen, sich permanent fixierend. Die zwei wirken wie ein Ying und Yang der Country Music und werden - so scheint es - immer mehr zu einer neuen Version von Johnny und June. Offenbar tun sich die beiden gut, sie inspirieren und fördern sich und sie fordern Höchstleistungen vom jeweils anderen ein. Aber: subtil. Mit einem Blick oder einem angedeuteten Lächeln. Ein Muster an non-verbaler Kommunikation.

Gabriel Kelley der sanftstimmige Folkie aus Georgia

Das ist auch in München so. Bis es soweit ist, verstreicht aber einiges an Wartezeit. Der Konzertbeginn war auf 20:00 Uhr angesetzt. Um 20:30 Uhr schlurft ein Typ, der aussieht wie Chris Stapleton auf die Bühne. Doch es ist ein optischer Wiedergänger: Gabriel Kelley, ein sanftstimmiger Folkie aus Georgia. Im Reisegepäck hat der gelegentlich an Van Morrison erinnernde Singer/Songwriter die Songs seiner CD "Lighter Shades of Blue". Tolle Musik, ein Name den man sich merken sollte. Um 21:10 Uhr verklingt der letzte Akkord aus seiner Gitarre, und dann: warten. Musik aus der Konserve. Ein Roadie trägt Wasser auf die Bühne. Dann trägt der gleiche Roadie die Gitarre von links nach rechts, wenig später bringt er eine weitere Wasserflasche auf die Bühne. Nicht gerade die Art von Show, die einen kalten, verschneiten Dienstagabend versüßt. Um 21:45 Uhr reicht es einigen, die Pfiffe werden lauter, wenig später geht's dann tatsächlich los. Ach ja, bei der Show beim Country 2 Country-Festival war Chris Stapleton übrigens auf die Minute genau auf der Bühne. Das geht einem durch den Kopf, als die ersten Gitarrenakkorde ertönen ... und sie besänftigen einen recht schnell. Was will man machen: Er hat's einfach drauf.

Bei Chris Stapleton steht Traveller im Mittelpunkt

Auch wenn das Gesamtwerk des Songwriters Chris Stapleton mittlerweile gleich mehrere Nächte füllen dürfte - sein unter eigener Flagge veröffentlichtes Songmaterial ist quantitativ überschaubar. Streng genommen: die 14 Titel seines viel gerühmten Erstlingswerkes "Traveller". Diese Tracks stehen natürlich auch bei seiner ersten Show auf deutschem Boden im Mittelpunkt. Songs wie "Fire Away", "Parachute", "More of You" oder die hochprozentigen Oden an das Feuerwasser wie "Tennessee Whiskey" und "Whiskey And You" und natürlich die anrührenden, ganz und gar im Country verhafteten Titel wie "Outlaw State of Mind" und "When The Stars Come Out".

Es ist erstaunlich. Das Publikum hängt an seinen Lippen wie ein Dürstender am Wasserhahn. Er zieht dieses oftmals als versnobt verpönte Münchner Publikum unweigerlich in seinen Bann - nicht mit großen Gesten, sondern mit großer Musik. Und wohl auch: mit seiner Persönlichkeit. Die dürfte alles andere als stromlinienförmig sein. Er wirkt trotz seiner wuchtigen Erscheinung und seiner sehr kräftigen, mitunter sehr souligen Stimme dennoch etwas scheu, ein bisschen linkisch und dazu verletzbar. Das hat etwas Liebenswertes. Das mag Mutterinstinkte wecken. Das lässt Identifizierung zu. Chris Stapleton ist - das steht fest - kein Superstar von einem anderen Stern, sondern ein Mensch mit all seinen Stärken und Schwächen.

Er schreibt tolle Songs. Er singt hingebungsvoll, er phrasiert und moduliert, er riskiert Dinge und gewinnt. Und dann spielt dieser bärtige Bulle auch noch eine Gitarre, dass einem warm wird ums Herz. Seine getreuen beiden Begleiter an Bass und Drums zimmern für die musikalischen Höhenflüge das dafür nötige Fundament: robust, stabil, rüttel- und soli-fest. Obwohl das Ensemble nur mit drei Instrumenten besetzt ist, hat man nie das Gefühl, dass etwas fehlen würde. Auch, weil Gattin Morgane eine hervorragenden Sängerin ist, die eine zusätzliche Klangfarbe in das Sound-Bild der Formation trägt. Was sie drauf hat, zeigt sie in der Coverversion des Pine Ridge Boys-Songs "You Are My Sunshine" - für den sie tosenden Applaus erntet. Bei seiner nächsten Deutschland-Tour wird man wohl größerer Hallen buchen müssen. Und dann bitte einen strafferen Zeitplan durchziehen.

Nach München stehen noch Berlin und Hamburg auf dem Terminkalender für Chris Stapleton. Mehr dazu in unserem Terminkalender.


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