Lucinda Williams live

Lucinda Williams macht beim Live-Konzert in Berlin das Geschichtenerzählen zu einer Kunst.

Ein Konzert von Lucinda Williams ist immer ein Ereignis. Drängendste Fragen: Wie ist sie gestimmt? Was für eine Band hat sie dabei? Wird es heute, am 26. Januar 2016, ein songorientiertes, akustisches Konzert oder lässt sie es krachen und gibt dem Rockpferdchen Zucker? Bereits die Wahl des Veranstaltungsortes spricht hier Bände: das Kesselhaus in Berlin ist Teil der unter Denkmalschutz stehenden Kulturbrauerei, wo früher die Maische dampfte, lauschen heute bis zu 1.000 Personen im postindustriellen Ambiente einem eher Rock-affinen Programm. Alles klar. Es ist mit einem Gegenprogramm zum akustischen Konzert 2013 in der Apostel-Paulus-Kirche zu rechnen.

Buick 6 heizen mit Blues das Publikum ein

Die Vorband heißt Buick 6, benannt nach einem Song vom Bob Dylan Album "Highway 61 Revisited", das auch Lucinda Williams zu ihren maßgeblichen Einflüssen zählt, und ist ein Power Blues Trio mit Gitarre, Bass und Schlagzeug, später kommen das elektrifizierte Banjo sowie zahlreiche Effekte dazu. Bassist David Sutton und Gitarrist Stuart Mathis bilden die Energiepole rechts und links der Bühne, Drummer Butch Norton, einziger Stetson-Träger des Abends und langjähriges Bandmitglied von The Eels, sorgt für das dynamische Fundament und den Humor. Mit sonorer Marketenderstimme stellt er die Band auch als Lucinda Williams Begleitband vor, preist die neue CD an und macht Scherze. Ihre Musik wechselt zwischen Blues und Experimental Rock mit Surf- und Boogieanleihen, eine gut kondensierte Version des Blues-Traditionals "You Gotta Move", bekannt durch die Version der Rolling Stones, ist gewinnend.

Das Konzert in Berlin ist zugleich auch der 63. Geburtstag von Lucinda Williams

Dass die Königin des Abends dann doch deutlich nach 21:00 Uhr auf die Bühne kam, ließ für einen kurzen Schreckmoment den Gedanken aufkommen, sie könnte eventuell nicht in bester Verfassung sein, denn dieser Abend im Kesselhaus in Berlin, ihr einziges Deutschland Konzert, ist zugleich auch ihr 63. Geburtstag, und wer würde das nicht gerne mit dem einen oder anderen Gläschen feiern.

Jeder Zweifel war hinfort als sie entspannt und ohne große Allüren ihr kehliges "Hello, how are you" in die proppenvolle Halle schickte. "I Need Protection" wurde die erste Gesangszeile und die eben noch ausufernde Band zeigte sich von ihrer anschmiegsamen Seite. Es folgten "Can’t Let Go", bei dem sie fast für die ganze Dauer des Konzerts zur akustischen Gitarre griff, und mit "Metal Firecracker" vom 98er Erfolgsalbum "Carwheels On A Gravel Road" erklang der erste Williams-Klassiker, einer ihrer Tom Petty Momente im Songwriting, ein hymnischer, lebenshungriger Bikersong, der hier allerdings etwas müde und grob geriet. Das Gegengewicht folgte auf dem Fuße: das hoch willkommene, traurige "Drunken Angel", einst geschrieben zum Tod des texanischen Songwriters Blaze Foley, wird zum ersten Gänsehautmoment.

Dass sich Lucinda Williams auf der Bühne wohl fühlt, ist keine Selbstverständlichkeit. Besonders im ersten Teil ihrer weit über dreißig jährigen Karriere litt sie bis zur Schmerzgrenze an Lampenfieber und Perfektionismus, und es ist eine Wonne sie heute so entspannt und lässig zu erleben, so herzlich, zugewandt und ernsthaft. Ich rede viel, wenn ich mich wohl fühle, sagt sie scherzend und mit ihrem unvergleichlichen Southern Drawl, der mit den Jahren immer stärker und guturaler wird als kriege sie partout nicht die Zähne auseinander, erzählt sie die tragische Geschichte der West Memphis Three, jener unschuldig verurteilten Jugendlichen, und gibt einen Einblick in die Gnadenlosigkeit der amerikanischen Auge-um-Auge Mentalität, der ruhige, tiefe Blues der Band passt hier zur Perfektion.

Nach neun gespielten Songs, werden ihr die ersten Blumen auf die Bühne gereicht

Das Titelstück ihres neuen Albums "The Ghosts Of Highway 20" spielt sie allein und an der akustischen Gitarre, kommuniziert die Beschreibungen dieses Bandes quer durch die Südstaaten, das ihr Leben wiederspiegelt. Je ausladender und entformter ihre Songs werden - auf dem neuen Album liegen sie nicht unter fünf Minuten, sind oft weit drüber - umso tiefer dringt sie in Stimmung und Inhalt ein. Eine Cover-Version des, wie sie sagt, obskuren Bruce Springsteen Songs "Factory" sowie Gedichte ihres Vaters Miller Williams, die sie seit seinem Tod verstärkt aufgreift, harmonieren extrem gut mit ihrem Weltbild der Einfühlung und Vergebung. So wird sie auch zu einem Vorbild für alle weiblichen Songwriter, die sich fragen wie es um alles in der Welt ein Älterwerden im Rockbusiness geben kann. Lucinda Williams dabei zu beobachten gehört zum Aufregendsten was es in der Beziehung geben kann. Durchaus befreiend wirken die zahlreichen, laut aufheulenden Gitarrensoli von Stuart Mathis. Sie sind zwar Referenzen an eine eher traditionelle Auffassung von Rockmusik und - zugegeben - unter rein geschmacklichen Aspekten nicht jedermanns Tasse Tee. Sie bilden aber einen guten Gegenpol zu den oft tiefschürfenden Reflexionen ihrer anspruchsvollen Songs, und die leichte Reggae Version von "Are You Down" mit einem brillanten, stachelhaarigen David Sutton am Bass und einem mal Santana, mal afrikanisches Hi-Life zitierenden Gitarristen reisst selbst Lucinda Williams zu Applaus auf der Bühne hin.

Lucinda Williams ist auf der Bühne entspannt und redefreudig

Ihr Lieblingsfeind an diesem Abend sind die Journalisten. Mehrmals erzählt sie aus offenbar missglückten Interviews zum neuen Album "The Ghosts Of Highway 20", von Fragen wie: Glaubst Du an Gespenster? Oder: Ist das Touren romantisch?! Wobei nicht jeder ihrer Kritikpunkte nachvollziehbar ist. Wenn etwa ein Journalist aus Nashville, wie von ihr zitiert, fragt, ob ihre Fans in Europa mit dem Highway 20 und der Südstaatenmythologie wirklich etwas anfangen können, dann ist das eine durchaus zulässige Frage. Zumindest die Autorin dieser Zeilen befand sich beim Konzert inmitten einer Herrengruppe, die ganz offenbar an den Gitarrensoli von Stuart Mathis und den wallenden Kurven im Dekoltée von Lucinda Williams' Jeanshemd mehr Freude hatten als an ihren klugen Texten und ihrer schönen Seele. Die Zugabe lässt die Pferdchen laufen und reisst das Publikum zur Begeisterung hin, "Should I Stay Or Should I Go" von The Clash, ihr eigenes, hartrockendes, forderndes und unerbittliches "Joy" und zum ausschunkeln Neil Youngs "Keep On Rockin' In The Free World" – die viel zu volle Halle ist fast vergessen.


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