Sturgill Simpson live

Sturgill Simpson, der Sänger aus Kentucky eröffnet seine Deutschland-Tournee mit einem Solo-Akustik-Gig an der Hamburger Reeperbahn

"This looks like trouble", schildert Sturgill Simpson seinen ersten Eindruck von der Reeperbahn.
Dabei wirkt Hamburgs Amüsiermeile an diesem eisigen Januarmontag wie leergefegt, kein Vergleich mit einem gewöhnlichen Freitagabend. Vielleicht ist es besser so, dass der amerikanische Singer/Songwriter hier nicht an einem Wochenende auftritt: Schließlich ist Sturgill Simpson nach eigenen Angaben seit sieben Jahren trocken.

Am 18. Januar 2016 gibt der 37-Jährige sein erstes von zwei Deutschland-Konzerten im Jugendstil-Ambiente der kleinen Prinzenbar unweit der Reeperbahn. , der ohne Band auftritt, sieht übernächtigt aus, teetrinkend kokettiert er mit dem Habitus des leicht verpeilten Country-Stars. Am Wochenende war er auf Tour in Amsterdam, seine Erinnerung daran sei etwas nebulös, wie er grinsend offenbart. Doch weder der mächtigen Stimme noch dem gewandten Fingerpicking haben die vermeintlichen Exzesse geschadet, Sturgill Simpsons Performance in dem beinahe ausverkauften Club ist ohne Makel.

Der Mann aus Kentucky ist ein klassischer Spätstarter: er formierte die Bluegrass-Truppe Sunday Valley mit 26 Jahren, wegen anhaltender Erfolglosigkeit schuftete er dann einige Zeit als Packer für die Union Pacific Railroad. Sein Debüt-Album "High Top Mountain" veröffentlichte er 2013, drei Tage nach seinem 35. Geburtstag. Ein beinahe biblisches Alter im schnellen Country Music Business. Sturgill Simpson gilt schnell als moderner Waylon Jennings, der das in den 70ern populäre Genre "Outlaw Country" wiederbelebt, das sich damals bewusst vom glattpolierten Nashville-Sound abheben wollte.

Sturgill Simpson singt im Hamburger Konzert über Drogen, Alkohol und Einsamkeit

Sturgill Simpson live

Sympathisch vernuschelt wie Willie Nelson, ein anderer großer Vertreter dieses Stils, gibt sich Sturgill Simpson auch an diesem Abend in Hamburg. Die Soundabmischung ist hervorragend, und dennoch ist der Mann schwer zu verstehen: der träge Südstaatenakzent ist für ungeübte Ohren nicht einfach zu entschlüsseln. Klar ist: bei aller Abstinenz des Sängers geht es in vielen dieser Songs um Drogen und Alkohol, um ihre fatalen, aber auch um ihre erleichternden Folgen. Schwarz-Weiß-Malerei gibt es bei Sturgill Simpson nicht. Vordergründig geht es im entspannt gezupften "Life of Sin" um Marihuana-Konsum und harte Drinks, tatsächlich beschreibt Simpson aber seine Einsamkeit.

In "Turtles All The Way Down", ein weiterer Song des von Dave Cobb brillant produzierten Zweitlings "Metamodern Sounds in Country Music", setzt sich der belesene Musiker mit Astronomie, Philosophie und Religion auseinander. Obendrein bekennt er sich erneut zu seinem Drogenkonsum, und resümiert dennoch: "love's the only thing that ever saved my life".

Simpson, mit zeitgemäßem Kurzhaarschnitt und Burt-Reynolds-Gedächtnis-Schnauzer, taut beim zweiten Becher Tee langsam auf. Ein bisschen Südstaaten-Romantik darf da nicht fehlen. Heute sei seine Heimat in Jackson, Kentucky weitgehend gesichtslos, berichtet Simpson vor "Old King Coal", das schwer romantisch vom in den Kohleminen schuftenden Urgroßvater erzählt.

Die Uptempo-Stücke "Poor Rambler" und "Railroad to Sin" zeigen, was für ein ausgezeichneter Gitarrist Sturgill Simpson ist, mit einem phänomenalen Gespür für Rhythmus. Leider lässt er seine instrumentalen Fertigkeiten stets nur kurz aufblitzen, der Fokus hier liegt ganz auf den Songs und Texten. So wird der 100minütige Solo-Abend, auch aufgrund des Fehlens weiterer Instrumente, zuweilen etwas lang. Dennoch: es ist ein Privileg, diesem Mann zuhören zu dürfen. Sturgill Simpson hat ein feines Gespür für Country-Balladen und raue Hillbilly-Ramblers, aber auch auch für Blues und Soul. Nur wenige im Country-Music-Zirkus haben wohl die Stimme, um Otis Reddings leidvollen Blues "You Don't Miss Your Water" so überzeugend zu singen.

Am 19. Januar 2016 spielt Sturgill Simpson noch ein Konzert in Berlin.