Jason Isbell

Jason Isbell auf Deutschland-Tournee. CountryMusicNews.de war beim Tourauftakt im Berliner Lido dabei.

Es gab Zeiten, da stand es besser um den countryfizierten Rock. Steve Earle, John Mellencamp, Neil Young, Bruce Springsteen - alles große Storyteller mit unersättlicher Freude am wilden Ritt der E-Gitarre. Der aus Green Hill, Alabama stammende Jason Isbell bewegt sich in dieser Tradition und gewinnt ihr doch ganz neue, eigene Seiten ab.

Gleich das erste Stück bei dem Tourauftakt von in Deutschland am 11. Januar 2016, im Lido in Berlin, erlaubt den Keyboards, gespielt von Derry DeBoja, wuchtige Dominanz, der Song "Stockholm" vom 2013er Album "Southeastern" steht für seine poppige, melodische Seite, ein gewinnendes Liebeslied, das ihn weich und verletztlich zeigt. Es folgen "Palmetto Rose", die Hommage an die Südstaaten Heimat mit der schönen Outlaw-Zeile: "It's The Ladies I Love And The Law That I Hate", und dem ebenfalls hochmelodiösen 24 Frames, das das Zusammenspiel der Gitarren (Sadler Vaden an der Leadguitar) weit in den bis in die letzte Ecke gefüllten Saal trägt, sie unisono aufheulen lässt und verständlich macht, warum vor Showbeginn u.a. Thin Lizzy lief.

Vier Mann stark ist die Band um Jason Isbell, Chad Gamble am beeindruckend ausladenden Drumkit, Jimbo Hart, mit Hut und Anzug elegant am Bass, Jason Isbell überwiegend an der E-Rhythmus-Gitarre, zur Akustischen wechselnd, wenn es balladesker wird - das Zusammenspiel ist hochdiszipliniert. Hier steht keine Jamband auf der Bühne, Jason Isbell führt präzise Regie, fast wirkt er streng, erst in der zweiten Hälfte bei Songs wie "Relatively Easy" und "Never Gonna Change", einem alten Drive-By Truckers Song, sind die Zügel gelockert und die Band genießt den freien, gut harmonierenden Fluss, eine kleine Gitarrenorgie. Es sind diese Momente, in denen Jason Isbell ein wenig zurücktritt und entspannen kann, ein befreites Lächeln zeigt.

Jason Isbell

Mit seinem korrekt gescheitelten Haupthaar und dem interessanten Gesicht, das Emotionen offen ablesen lässt, strahlt Jason Isbell ungewöhnliche Autorität aus. Vom ersten Augenblick an ist klar, dass dieser Mann etwas zu sagen hat. Und gelegentlich lässt er uns teilhaben an seiner Innenwelt, zum Beispiel wenn er von seiner Zeit als Mitglied der Southern Rock Band Drive-By Truckers erzählt, von der er nie wusste wie viele Bindestriche der Bandname nun wirklich hat, Jason Isbell war ganze 21 Jahre alt als er den grandiosen Song "Decoration Day" schrieb und darin all die Familiengeschichten verarbeitete, die er eigentlich versprochen hatte zu verschweigen. Nach wie vor ist der Song Teil seiner Livekonzerte und in Berlin wird er zur reduzierten, fast im Alleingang vorgetragenen Akustikversion mit Bottlenecktechnik.

Natürlich hat diese lustvoll agierende Band auch ihren Stones-Moment, "Super 8" strahlt in seiner ganzen Southern Rock Schönheit ein bisschen Brown Sugar Feeling aus und wird zum Publikumsliebling, "Cover Me Up" erzählt die ganze Dramatik überwundener Drogensucht und Öffnung hin zur Liebe - ergreifend - , und in "Children of Children" erfahren wir viel über das persönliche Schicksal dieses außergewöhnlichen Songwriters, nämlich von den viel zu jungen Eltern, die Jason Isbell bei seinen Großeltern aufwachsen ließen, all der Schmerz und die Verhärtungen lässt er uns spüren, macht aus dem Song einen Siebenminüter zwischen Zorn und purer Verletztheit.

Jason Isbell wird zu Recht hoch gehandelt als Nachfolger einer tiefschürfenden Songwriter-Generation. Er ist Moralist, er ist Poet, er ist gestählt durch mentale Berg- und Talfahrten in maximaler Kontrolle seines Werks, ist verheiratet mit der Violinistin Amanda Shires und junger Vater einer Tochter, eine funkelnde Rolex am Handgelenk demonstriert den Stolz auf den Erfolg. Allein für zwei Grammys® ist er aktuell in der Americana Kategorie nominiert, sein 2015er Album "Something More Than Free" war Nummer Eins sowohl der Rock-, Country- und Folkcharts, und er hat keine Angst die Tiefen des Lebens zu thematisieren, genauso wenig wie er vor dem Business kuscht. Die meisten Songwriter seien unerträglich schlecht, sagt Jason Isbell, als er die besondere Qualität seines Supports unterstreicht, der erstmalig in Europa tourende Songwriter John Moreland aus Texas. Hut ab.

Wie nun wird er an diesem Montagabend, an dem die Welt vom Tod David Bowies erfahren hat, damit umgehen. Ignorieren wäre ein Unding, denn im Radiointerview vor der Show bekannte sich Jason Isbell auf rührende Weise zu dessen großen Einfluss auf ihn, der im fernen Alabama unter Rednecks aufwuchs und durch Bowie erfuhr, dass er als rebellischer Teenager nicht allein war.

Natürlich wurde die Zugabe zum angemessenen Zeitpunkt, und er ließ das Publikum wissen, dass David Bowie kein trauriger Mann war. So geschockt, so traurig wir jetzt alle sind und so groß der Verlust auch ist. Und dann entschied er sich keinen Bowie Song zu covern, das, so sagte er, sei unangemessen, und machte er mit dem weiter, wofür er steht, "für seine kleinen Country-Songs", und er krönte dieses schöne, Rock dominierte Konzert mit den deutlichsten Country-Momenten, "If It Takes A Lifetime" und "Codeine", bei dem Keyboarder Derry DeBoja endlich auch zum roten Akkordeon griff.


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