Martina Mc Bride begeistert bei der Country Night Gstaad 2012

Paul Young

Die Country Night Gstaad wurde auch dieses Jahr ihrem Ruf als Premium-Festival gerecht. Das Lineup war bestückt mit musikalischen Leckerbissen, die Organisation perfekt, Licht und Ton erstklassig. Wer meckern wollte, dem bot sich bloß das Wetter in der zweiten Hälfte des Abends an. Aber dann spielte es auch keine Rolle mehr, die Aufmerksamkeit der Besucher gehörte der Musik.

Opening Act war die Schweizer Newcomer-Band TinkaBelle mit Frontfrau Tanja Bachmann. Ihre ausdruckstarke Stimme, ihre frische Erscheinung hat sogar Popstar Seal überzeugt, ein Duett mit ihr aufzunehmen. Ob sie der Country-Szene für immer erhalten bleibt, darüber könnten doch leicht Zweifel aufkommen. Zumindest ist das die Meinung des Berichterstatters, der beim Betrachten ihres "The Man I Need"-Videos Nahrung für seine Zweifel findet.

Bereits nach ihrem zweiten Song, "Hold on" hatten sie das Publikum auf ihrer Seite, wie der starke Beifall zeigte. Und je länger sie spielten, desto "wärmer" wurde das Publikum. Die meisten Songs stammten von ihrem ersten Album. Vom zweiten Album, "On My Way", das am 14. Dezember 2012 erscheinen soll, gab es bloß eine kleine akustische Kostprobe. Es scheint aber starke irische Einflüsse auszuweisen.

Mit Los Pacaminos hätte das Kontrastprogramm zu TinkaBelle kaum grösser sein können. Sieben gestandene Männer, einschliesslich Paul Young, spielten Tex-Mex, als hätten sie nie was anderes gespielt. Moment mal, gab's da in den 80ern in England nicht mal einen Rocker gleichen Namens? Und da gab's doch auch einen Paul Young, der im Duett mit Zuccero den Riesenhit "Senza Una Donna" aufnahm? In der Tat, es ist der gleiche Mann. Einer der grössten Erfolge Paul Youngs kurz nach Beginn seiner Karriere kam mit dem Marvin Gaye-Song "Wherever I Lay My Hat".

Eigentlich entstand die Band 1992 nur, damit Paul Young seiner Vorliebe für Tex-Mex und Americana frönen konnte. Die Gruppe war zuerst eine reine Hobby-Band, die aber bald in Clubs zu hören und auf Tournee anzutreffen war. Aus dem Spaß wurde ein Ernst, der heute Abertausende begeistert. Dass diese Vorliebe, dieses Feuer der Begeisterung nicht erloschen war, zeigte sich auch diesen Abend in Gstaad. Paul Young war von Musikern umgeben, die zu den besten ihrer Sparte zählen. Jeder konnte auf eine Karriere in Bands mit Weltstars zurückblicken. Und jeder trat an diesem Abend als Frontmann in Erscheinung. Einmal war es Paul Young, dann Drew Barfield oder Steve Greetham, sie wechselten sich ab wie alte Freunde.

Begonnen hat ihre Show mit "Highway Patrol", dann kam bald "A Little Bit of Nada…", eine Nummer, die das Publikum natürlich bestens kannte. Wie es sich für Altrocker ziemte, durfte natürlich eine Rocknummer oder eine harte Chicago Blues-Nummer nicht fehlen. Einen Riesenapplaus erhielt Jamie Moses für seine Interpretation von "I Told Her Lies". Den Abschluss machten sie mit "Wooly Bully". Die Musiker hatten Spass, das Publikum hatte Spass und mit diesem Gutgefühl ging's in die Pause.

Craig Campbell

Wie in den 80er- und 90er-Jahre haben auch in der erste Dekade nach der Jahrtausendwende in Nashville einige junge Talente von sich reden gemacht. Eines davon war Craig Campbell. Er gilt als Neo-Traditionalist. Mit seinem warmen Bariton bringt er moderne, gefällige Songs, die auf seinem ersten, selbstbetitelten, im April 2011 erschienenen Album wie geschmiert daherkommen, unter die Leute. Ob dieses Liedermaterial je im Olymp der Country Music-Songs landen wird, das wird die Zeit weisen. Gewiss, es sind gutgeschriebene Songs, die mit hervorragenden Musikern eingespielt und perfekt gemastert wurden, aber ob das bei der heutigen Flut von neuen Songs reicht?

Wie zu erwarten war, bestand das Programm des Abends zum Teil aus Songs aus seinem Debutalbum ("When I Get It", "I Bought It", "Family Man" usw.) Aus seiner nächsten, demnächst erscheinenden CD, für die in den USA mit der Single-Auskoppelung "Outta My Head" in den Medien heftig Promo betrieben wird, kam "When She Grows Up" zum Zuge. Craig Campbell führte die Band zügig durch eine Show mit bis dahin wenigen Höhepunkten. . Das änderte sich, als er sich ans Klavier setzte und ein wenig aus seinen Anfängen in Nashville zu erzählen begann, z.B. dass er Tracy Byrd und Luke Bryan am Piano begleitet hätte. Campbells starke Stimme kam am Eindrücklichsten zur Geltung, als er den seinen Töchtern gewidmeten Song "When She Grows Up" vortrug. Dem Publikum hat's gefallen, sonst hätte es kaum eine Standing Ovation für die Band gegeben.

Martina McBride

Lang, lang ist's her, seit Martina McBride in Zentraleuropa auftrat, doch dieses Wochenende konnten ihre Fans aufatmen. Sie kam, wurde gehört und begeisterte. Kurz nach 23:00 Uhr trat sie am Freitag auf die Bühne, schenkte den sich am Bühnenrand drängenden Fans ein bezauberndes Lächeln und stieg sofort in das mit 21 Songs reich befrachtete Programm ein

Nun, was kann man über Martina McBride noch sagen oder schreiben, das nicht schon gesagt oder geschrieben wurde. Sie hat in unzähligen Magazinen auf der Titelseite die Leser angestrahlt, war Gast in allen grossen TV-Shows in den USA und ist zweifelsohne ein Liebling der Medien. Sie ist auch einer jener weiblichen Mega-Stars, der sofort den Kontakt mit dem Publikum findet. Es gibt kaum eine Auszeichnung, die sie in ihrer Karriere, die vor gut 20 Jahren in Nashville begann, nicht schon erhalten hätte. Eine ist der Grammy- und mehrmalige Gewinnerin der CMA- und ACM-Auszeichnug "Sängerin des Jahres" bis heute vorenthalten geblieben: das Singen der Nationalhymne am legendären Super Bowl und der Titelsong in einem grossen Film. Doch das dürfte nur eine Frage der Zeit sein.

McBride war der Hauptact des Abends. Neue Songs wechselten in ihrem Programm mit Evergreens. Ihre grossartige Stimme machte jeden Song zu einem Erlebnis. "You Ain't Woman Enough" widmete sie ihrem Idol und ihrer Freundin Loretta Lynn. Mit "Help Me Make It Through The Night", einem ihrer Lieblingssongs, kam das ganze Potential dieser Stimme zur Geltung. "Over The Rainbow" aus dem Film "Das zauberhafte Land" ("The Wizard of Oz") trug sie nur von Gitarre begleitet vor, es war eine unvergessliche Kostprobe ihres Talents. "Broken Wing" gegen Schluss hin brachte ihr eine von mehreren Standing Ovations. Martina McBrides Band umfasste sechs Männer und eine Frau, die nach knapp zwei Stunden unter lang anhaltendem Beifall die Bühne räumten. Sehr zum Leidwesen des Publikums.

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