Tourauftakt in Deutschland - Neil Diamond lieferte ein brillantes Unterhaltungsprogramm ab

Neil Diamond

Auch ein Weltstar hat es nicht immer so mit der Pünktlichkeit. Bei seinem Auftaktkonzert, am 7. Juni 2011,in der Berliner O2 Arena lässt Neil Diamond seine nicht gerade zahlreich erschienenen Zuhörer- die hohen Ticketpreise bis zu weit über EUR 200,00schreckten wohl manchen Fan ab - trotz mehrfacher Beifallswellen aus dem Publikum auch noch eine halbe Stunde warten.

Herbeiklatschen lässt sich der 70jährige Sänger nicht, selbst Buh-Rufe und Pfiffe bewirken nichts. Doch als schließlich die Musiker auf die Bühne kommen, sich das Licht verdunkelt und die ersten Töne erklingen, ist der ganze Unmut des langen Wartens bereits vergessen. Berlin tobt! Die rund 6.000 Leute stehen und empfangen den Sänger mit tosendem Applaus- der steht ganz plötzlich im gleißenden Lichtkegel und in Rockerpose mitten auf der Bühne.

"Soolaimon"- Und da ist sie, die unverwechselbare, angeraute Stimme, die die Worte schon seit fünf Dekaden auf immer die gleiche faszinierende Weise zur Musik intoniert. Als Sänger und Performer ist Diamond besonders in der Reife seiner Jahre ganz großes Kino, ein Erlebnis für alle Sinne, das wird schnell klar. In seinem glitzernden Anzug und- ja, man muss es schon so ausdrücken- den eingefügten "Travolta-Posen", sieht er fast aus wie ein letztes Überbleibsel der Discoära. Doch dieser Eindruck täuscht. Weil es gerade gut läuft, das Publikum vor ihm steht und die Stimmung toll ist, legt Diamond gleich "Beautiful Noise" nach, ein großer Hit aus früheren Tagen.

Neil Diamond wirkt frisch und agil, performt voller Energie, kein Schweißtröpfchen ist auf seiner Stirn zu erkennen. Er greift nach der Gitarre, hängt sie lässig über seine Schulter, lässt sie baumeln, wie es einst auch Cash tat.

Neil DiamondDiamond singt besser denn je und seine Füße wippen dazu im Takt. Ohne Zweifel scheint es ihm besonderen Spaß zu machen, hier zu stehen, die Songs von den Sechzigern bis Heute zu singen. Als Hitschreiber machte er sich vor fünf Dekaden einen Namen in der Popwelt, bevor er selbst als Sänger Erfolge feiern konnte. Seine zweite Karriere, die ernsthafte, die die nicht dem "schnöden" Pop zugeordnet werden kann, begann erst spät. Produzent Rick Rubin, der Country-Ikone Johnny Cash einst mit seinen American Recordings zu einem grandiosen Comeback verhalf, nahm 2005 auch Diamond unter seine Fittiche. Und das zu einem Zeitpunkt, als der Sänger bis zu den Knöcheln im Karrieretief steckte. Rubin entschlackte die Musik des schon gereiften Popbarden und bereicherte sie durch Minimalisierung um eine neue Dimension. "12 Songs" brachte Diamond wieder in die Top-5 der Billboard-Charts und damit auch in die Erinnerung der Menschen zurück.

Diese Lieder, auch die der beiden folgenden wunderbaren Alben ("Home Before Dark", "Dreams"), spielen leider im heutigen Konzert kaum eine Rolle, zu dominant ist die exzellente Band, die den Liedern ihren Stempel aufdrückt, ihnen die ganz eigene Note gibt zwischen den verschiedenen Spielarten des Pop und auch mal einem Hauch von Countryeinflüssen früherer Tage. Immerhin nahm er bereits 1996 mit "Tennessee Moon" ein Country-Album auf und sang mit Natalie Maines, der Leadsängerin der Dixie Chicks.

Neil Diamond hat keine Probleme, den zweistündigen Abend mit bekannten Nummern zu füllen. "Forever In Blue Jeans", "Red Red Wine", "Solitary Man", "Shilo", "Sweet Caroline" - jeder Song ein Hit, alle schon einmal gehört. Selbst der Gelegenheits-Fan kann viel damit anfangen. Diamond genießt es, im Beifall der Menge zu baden, zwischen den Liedern lässt er bewusst Pausen, lächelt in sich hinein, während er in Richtung Saal blickt. Dankbare, ja fast schon unterwürfige, Gesten sind zu sehen.

Doch auch nachdenkliche Töne schlägt der 70-jährige an, wenn er erzählt, dass seine Laufbahn in den Sechzigern begann, in "einer schlimmen Zeit", als Malcolm X, Kennedy, Luther King durch eine Kugel getötet wurden, dann der Krieg in Vietnam. "Ich schrieb das folgende Lied in dieser Zeit, als meine Generation auf der Suche nach etwas war, das sie nicht finden konnte." Und er singt "Glory Road". Ruhig, eindringlich. Voller Lebensweisheit.

Natürlich muss "I'm Your Believer" kommen, und das zunächst sogar in einer langsamen Version, aber auch in der flotten, der Monkees Version. Diamond nennt es „Rock 'n' Roll“ und er zieht sein Publikum wieder hoch damit. Ein wenig kokettiert er mit seinen unbestrittenen Erfolgen ("Wollt ihr die andere Version auch hören?") Am Abend überwiegen die Uptempo-Songs, die Lieder zum Mitmachen, zum Spaß haben, doch natürlich achtet Diamond genau auf eine Ausgewogenheit zwischen den lauten und den leisen Stellen im Programm, dafür ist er zuviel Profi, als das er sich da vertut oder gar das Zepter aus der Hand nehmen läßt. So kommt auch "You Don't Bring Me Flowers" zur Aufführung, an dessen Ende er mit seiner Duettpartnerin Linda sogar ein kleines Tänzchen im Walzerschritt wagt.

Immer wieder Beifall, immer wieder Standing Ovations, sein deutsches Publikum feiert ihn, einen der letzten großen Performer der "alten Schule". Nach knapp 100 Konzertminuten schließt sich der Kreis mit einer fast schon "romantischen" Version von "I Am I Said"…

Neil Diamond

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