Nach zehn Jahren zurück in London: Brad Paisley

Brad Paisley; Foto: Christoph VolkmerIn London ist zweifelsfrei immer was los. So bestimmten das längste Tennis-Match in der Geschichte und der erste Wimbledon-Besuch der Queen seit 33 Jahren dieser Tage die Schlagzeilen (nicht nur) der britischen Presse.
Doch zeitgleich gab es noch ein anderes, besonderes Ereignis zu feiern, denn für zwei Shows (am 23. und 24. Juni 2010) hielt Brad Paisley samt Band im alt-ehrwürdigen Sheperds Bush Empire an. Die Shows waren bereits seit Monaten ausverkauft, kein Wunder, wenn sich einmal einer der Top 5- Entertainer in Sachen Country-Musik nach Europa wagt.

Auch ohne den ursprünglich angekündigten Special Guest ist die Laune der 2.000 Besucher in dem 1903 errichteten Gebäude schon vor dem Auftritt des US-Stars gut. Kein Wunder, denn aus den Boxen trällern Konserven von Tim McGraw, Carrie Underwood, Miranda Lambert oder Kenny Chesney, bei denen die ersten Gäste ihre Stimmen bereits "aufwärmen".

Nach den Klängen von "Holy Water" ("Bad Company") ist es dann soweit und unter dem Jubel des teilweise behuteten Publikums erscheint mit einem breiten Lächeln im Gesicht ein gut gelaunter Brad Paisley auf der Bühne. Mit "The Word" geht es los, danach wird - passend zum aktuellen Musikvideo - für "Water" erst einmal die Gitarre gewechselt. Das Füllhorn an Hits, dass Paisley gleich zu Beginn der Show ausschüttet, ist prall gefüllt und so folgt als drittes Stück "Online". Hier dürfen nicht nur die Mitstreiter aus der Band bei ihren Solis kurz mit ins Scheinwerferlicht, es wird schon deutlich, dass der Sänger, Songwriter und Gitarrist die Nähe des Publikums sucht. So spielt er seine Soli direkt am Bühnenrand, was den Fans in den ersten Reihen mit ihren Digitalkameras und Mobiltelefonen mit Sicherheit einige besondere Erinnerungen an den Auftritt beschert.

Brad Paisley; Foto: Christoph Volkmer"Vor zehn Jahren haben wir das erste Mal in London gespielt. Es hat dann doch etwas länger gedauert, bis wir es geschafft haben, wieder zurück zu kommen. Jetzt sind wir glücklich, im Land von Fish & Chips zu sein", erklärt Paisley und kündigt gleich an, dass es bis zum nächsten Besuch nicht so lange dauern soll: "Anfang 2011 kommen wir wieder - verspochen!"

Es folgt "Waitin' on a Woman", mit dem das Tempo gekonnt wieder etwas runter gefahren wird und Paisley seine Liebe zu ausführlichen Soli erstmals an diesem Abend ganz auslebt. So gelingt es ihm spielend, sogar die anspruchsvollsten Blues-Anhänger im Rund zu überzeugen. Direkt danach legt er mit dem coolen "American Saturday Night" den Opener und namensgebenden Song des aktuellen Albums nach.
Nach dem schönen "She's Her Own Woman" wird es wieder schneller und humorvoller. "Ihr seid hier in London vom Wasser umgeben. Kann man denn in der Themse auch fischen?" fragt Brad Paisley. "Aber Bier trinken geht ja auch so", beantwortet er seine eigene Frage und stimmt den Gassenhauer "Catch All The Fish" an. Für die flotte Nummer steuern alle Musiker Solo-Parts bei - der von Herrn Paisley fällt wieder etwas länger aus - was natürlich niemanden stört.

Die Band gönnt sich darauf eine kleine Verschnaufpause, während Paisley allein mit einer Acoustic-Gitarre die nächsten Stücke gestaltet. Das ruhige Set beginnt mit "When I Get Where I´m Going", den Paisley vorher als wichtigsten Song, den er je geschrieben hat, ankündigt. "Letter to Me" und der sicher von den wenigsten erwartete "The Cigar Song" komplettieren den Acoustic-Teil.

Mit dem allerersten Song, den Paisley jemals aufgenommen hat, geht es weiter. "Dabei ist "Long Sermon" eine Nummer, die wir schon seit acht Jahren nicht mehr gespielt haben, also nehmt es uns nicht übel, wenn sich ein paar Fehler einschleichen", stapelt der Country-Sänger tief - und legt - wie nicht anders zu erwarten - eine perfekte Version des von Fans im Vorfeld gewünschten Stücks vor. Dann geht es richtig ab. „Mal sehen, wie schnell wir können", lacht Paisley und schon befindet sich das Publikum mitten im abgedrehten "Time Warp" - einem der wohl besten Instrumental-Stücke im Genre überhaupt. Nun hält es Paisley nicht mehr auf der Bühne, seine diversen im Stück verteilten Solo-Einlagen spielt er direkt im Graben vor der Bühne - was beim Publikum natürlich bestens ankommt.

Die "Paisley-Hitparade" geht mit "Little Moments" und "Celebrity" in die nächste Runde, bevor der Mann die Fans mit dem Liebeslied "She's Everything" verwöhnt und Zeit zum Luftholen lässt. Bei "Mud On The Tires" lässt Paisley die Anwesenden ihre Textsicherheit unter Beweis stellen, was auch beim darauf folgenden "I'm Gonna Miss Her" gelingt. Nach diesem erneuten und umjubelten Ausflug in die Welt des Fischens kommen mit "Then" und "Welcome to The Future" noch weitere neue Nummern zum Ende der Show zum Einsatz.

Brad Paisley; Foto: Christoph VolkmerZwei Zugaben folgen, bei denen sich spätestens alle noch Sitzenden von ihren Plätzen erheben. Zunächst gibt es "Ticks" - den unwiderstehlichen Sommerhit aus dem Jahr 1997. Und - wie sollte es anders sein - als Rausschmeißer "Alcohol". Dabei verschenkt Paisley noch seinen Hut - den er vorher vor dem Publikum gezogen hatte.

Am zweiten Abend - das zu Beginn erwähnte Tennis-Match in Wimbledon ist tatsächlich beendet - bieten Paisley und seine Mannen wieder volle zwei Stunden bester Country-Unterhaltung. Die Set-List ist leicht verändert, so beginnt die Show jetzt mit "American Saturday Night" und auch das wunderbare "Wrapped Around" hat es jetzt in das Programm geschafft. Wer Glück hat, bekommt ein Schwarzmarkt-Ticket kurz vor dem Auftritt schon für den Einkaufs-Preis von knapp 30 Britischen Pfund.

Nach den Shows erhalten die geduldigen Anhänger zwar aus zeitlichen Gründen keine Autogramme, bekommen aber nach dem Schlangestehen an der "Stage Door" immerhin ein Foto mit Brad. Die Nähe, die der Künstler aus West Virginia bei seiner Show gezeigt hat, geht hier also weiter. Lobenswert.

Während sich die beiden Shows in London produktionstechnisch auf das Wesentliche beschränkt haben, will Paisley 2011 zumindest einen Teil seiner riesigen US-Show mitbringen, mit der er mittlerweile sogar Stadien in den Staaten füllt. Man darf also gespannt sein. Vor allen Dingen darüber, ob sich vielleicht nicht doch ein Konzertveranstalter traut, die Produktion dann auch nach Deutschland zu holen. Ansonsten ist London ja auch immer eine Reise wert - auch wenn kein Tennis gespielt wird.


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