Willie Nelson startete Deutschland-Tournee in Berlin

Willie Nelson, Foto: Andreas Weihs

Das Wetter ist schön in Berlin an diesem Donnerstag, den 17. Juni 2010. Einer merkt davon nicht sehr viel. In Berlin startet Country-Ikone Willie Nelson seine diesjährige kleine Tour mit insgesamt drei Konzerten in Deutschland. Als sein Bus vor dem Tempodrom eintrifft, warten einige Dutzend Fans schon ein paar Stunden auf ihren Star. Internationales Sprachgewirr ist zu hören: viel Tschechisch, Englisch, naja und deutsch eben auch. Nur der Künstler ist nicht zu sehen, dunkel getönte Scheiben machen jede Sicht ins Businnere unmöglich. Raus kommt er nicht, obwohl die Sonne dazu freundlich einlädt. Die Fans unterdessen werden immer zahlreicher, nervöser und unmerklich, aber auch unaufhörlich, rücken sie immer weiter vor, bis schließlich die Bustür des Nightliners umlagert und ein Aussteigen fast unmöglich ist.

Kurz vor Konzertbeginn geht alles sehr schnell: Nachdem seine Gitarre schon Minuten zuvor den Weg zur Bühne gegangen ist, folgt Willie Nelson himself und die wenigen Meter vom Bus bis zum Backstageeingang werden für ihn zu einem langen Lauf. Doch nur wenig verspätet schreitet er auf die Bühne und nach kurzem Winken in die Runde nimmt der Abend mit "Whiskey River" seinen Lauf. Nelson hat den großen Hut tief ins Gesicht gezogen, die Augen liegen im Schatten der Krempe. Nur ab und zu geht der Blick nach oben ins Licht und zu den Fans vor ihm. In den ersten Minuten wirkt das sehr angespannt, konzentriert. Irgendwie spürt man intuitiv, dass er sich nicht wohl fühlt, irgendetwas nicht stimmt. Was aber genau, das bleibt sein Geheimnis. Ist es der Pulk von Fotografen, der sich zu den ersten beiden Liedern direkt an der Bühnenfront dicht drängt? Kaum, das dürfte er nach all den Dekaden im Rampenlicht kaum bemerken. Vielleicht ist es aber auch sein Schlagzeuger Paul English, er ihn nervös werden lässt. Der kommt nämlich immer wieder aus dem Takt, hat Mühe, der Band die Richtung zu weisen.

Willie Nelson, Foto: Andreas Weihs

Schon nach dem zweiten Lied fliegt der weitkrempige Hut weg und kurze Zeit auch das rote Stirnband. Ein Fan in der zweiten Reihe freut sich. Er soll nicht der einzige bleiben. Jetzt ist auch zu sehen, was die Gemüter bereits erregte: Willie's Zöpfe, sein langjähriges Markenzeichen, sind ab! Die Haarlänge frisch gestutzt auf Schulterlänge. Aber wild. Im Zaum gehalten werden sie mit einem neuen Stirnband.

Für sein Konzert kann Willie Nelson aus dem Vollen schöpfen. Hits, oder sagen wir lieber: bekannte Stücke, hat er reichlich und er bedient sich an diesem Abend recht tief aus seiner Kiste. "Funny How Times Slips Away"/"Crazy"/"Night Life" werden gleich mal als Medley gereicht. Dann "Me and Paul", "Blues Eyes Cryin' in The Rain" und der Billy Joe Shaver Song "You Asked Me To". Es sind vor allem die über die Jahre gereiften Lieder, die er zum Besten gibt, nur zwei sind heute vom aktuellen Album. Willie Nelson setzt auf seine Vergangenheit und die Wirkung seiner frühen Songs auf das Publikum. Ein Konzept, das aufgeht.

Willie Nelson, Foto: Andreas Weihs

Mit seiner kleinen Family Band streift Willie den puren Country, genauso wie Blues und Jazz, ein wenig Honky Tonk und Walzer. Die mehr als 2.500 Fans im Rund des Tempodroms erleben einen musikalisch abwechslungsreichen Abend, an dem allerdings die ruhigen Töne überwiegen. Doch die Balladen, die zum Teil sehr ruhig ausfallen und manches Mal stark geprägt sind vom Pianospiel Bobby Nelson's, werden immer wieder aufgelockert durch schnellere Uptempo-Nummern. Da folgt "Good Hearted Woman" auf "Georgia On My Mind" und "On The Road Again" auf "Don't Let Your Babies Grow Up to be Cowboys". Jetzt ist es für den Sänger leicht, bei den schnelleren Stücken die Leute mitzureißen. Spontan immer wieder rhythmisches Klatschen im Saal, sobald der Beat anzieht. Hier und da wird auch eine Zeile laut mitgesungen. Und schon wieder fliegt ein durchgeschwitztes Stirnband in die Runde. Selten singt Willie die Worte richtig aus, schnell eilt er durch die Zeilen, verkürzt die Verse, nuschelt und näselt dabei - sowie wir ihn kennen. Singt man ein Lied 20, 30 oder 40 Jahre auf der Bühne, dann klingt es eben live auch jedes Mal anders - und das ist gut so!

Willie Nelson, Foto: Andreas Weihs

Hank Williams' "Jambalaya" heizt die Stimmung an, besonders durch das Klavierspiel von Bobby Nelson und die Mundharmonika von Mickey Raphael, der zwischendurch immer wieder mit seinem Spiel brilliert und seinen eigenen Applaus bekommt. Gerechtfertigt. Zwischenzeitlich ist Willies Kopf wieder mit einem Stirnband versehen, doch ehe der nächste Titel beginnt, fliegt auch das schon wieder nach vorn. Ein weiterer Fan freut sich drüber und singt laut mit "Hey Good Lookin'". Schnell kommen die Songs jetzt: die humorvollen "Superman" und "You don't Think I'm Funny Anymore". Standing Ovations, keiner sitzt mehr. Aber dann singt er schon davon, dass jetzt die Party vorbei ist und Morgen das alte Spiel von vorn los geht. Nahtlos kommt noch "I Saw The Light", etwas Handshaking am Bühnenrand und die Band ist noch einige Noten lang allein auf sich gestellt.

Im Gehen dreht sich Willie Nelson noch einmal um und winkt nach hinten, in Richtung Publikum. Die können es fast nicht glauben, aber es ist wahr: Eine Zugabe gibt es nicht und das Licht geht an. Zu dieser Zeit ist Willie bereits in seinem Nightliner. Wer jetzt ganz schnell war, erwischt ihn noch kurz in der geöffneten Bustür und bekommt vielleicht noch ein heiß ersehntes Autogramm. Nur Minuten später reiht sich der Bus mit dem Künstler ein in den Stau an der nächsten Kreuzung.


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