Great Lake Swimmers: Sensibler Country-Folk live in Hamburg

Great Lake SwimmersDas Konzert der kanadischen Country-Folkies Great Lake Swimmers, das vergangenen Dienstag (5. Mai 2009) im Hamburger Knust stattfand, hatte einen Fehler: Es war viel zu kurz. Aber in der knappen Stunde ihres Auftritts (sie teilten sich den Abend mit den texanischen Indie-Rockern Shearwater) zogen sie den gut gefüllten Club trotzdem in ihren Bann. Ein versponnener Gig voller sensibler Zurückhaltung – mehr zum andächtigen Lauschen denn bierseligen Abrocken.

Man(n) trägt wieder Bart. Nicht nur im sehr studentisch wirkenden Publikum im Hamburger Live-Club Knust wuseln viele Bartträger herum. Die ganze Band lässt es im Gesicht kräftig sprießen, bis auf die bezaubernde Keyboarderin und Backgroundsängerin Julie Fader natürlich. Überhaupt sind Great Lake Swimmers zumindest optisch eins mit den Zuschauern. Sie hätten auch vor der Bühne stehen können ohne aufzufallen: seitengescheitelt, hemdsärmelig, in T-Shirt und Jeans. Auf Katzenpfoten pirschen sie zu ihren Instrumenten und fangen an zu spielen. Einfach so. "Palmistry", das erste Stück des neuen Albums "Lost Channels" (2009), eröffnet den Abend, und da ist sie sofort: Tony Dekkers engelsgleiche, hohe Tenorstimme - wie bei Neil Young, wenn er die Töne trifft.

Great Lake SwimmersGLSs Songwriter und Bandchef ist schon ein Sensibelchen, wie er da mit einer Mischung aus Entrücktheit und Bodenständigkeit (die man von einem kanadischen Naturburschen ja viel eher erwarten würde) seine lyrischen Songs ins Mikro haucht. Man sieht die Band direkt vor sich, wie sie ihre Alben statt im Studio lieber an historischen Orten wie Getreidesilos, Kirchen und an Naturschauplätzen aufnehmen, um ihnen die nötige Authentizität zu verleihen. Hauptsächlich stellen sie Songs des neuen Albums vor, beispielsweise "Pulling on a Line" (die erste Singleauskopplung), "Everything is Moving so Fast" oder den verhaltenen Country-Stomper "The Chorus in the Underground", der von ihrem Lieblings-Live-Club in Toronto erzählt, den es nicht mehr gebe, wie Dekker aufklärt.

Ansonsten redet er ziemlich wenig. Hier und da eine Ansage und ein artiger Dank, die Band kurz vorgestellt, das war's. Jemand wie Dekker, dessen musikalische Einflüsse nach eigenen Angaben auf Gram Parsons und Hank Williams zurückgehen, lässt die Musik sprechen. Ein-, zweimal hängt er sich den Mundharmonika-Galgen um, ansonsten verlässt er sich auf seine Gitarre - und seine Stimme! Gemeinsam mit Erik Arneson (E-Gitarre, Banjo), Bret Higgins (Standbass), Greg Millson (Schlagzeug) und Julie Fader kommt Great Lake Swimmers' intelligenter Folk-Pop auch live ausgezeichnet zur Geltung, wirkt insgesamt jedoch etwas rustikaler und weniger zerbrechlich als auf CD. Das Banjo hört man leider kaum.

Beim countryesken "Your Rocky Spine" vom vorletzten Albums "Ongiara" (2007) kommt sogar dezentes Hit-Feeling auf. Der Song brachte es durch seinen Einsatz in der US-Serie "Weeds - Kleine Deals unter Nachbarn" (SAT.1 Comedy), in der eine biedere Hausfrau einen flotten Cannabis-Handel aufzieht, zu bescheidenem Ruhm. Das Publikum freut's. Ab und zu huscht Dekker ein Lächeln übers Gesicht. Auf der Bühne herrscht eine Grundentspanntheit, wie es sie bei Leuten gibt, die angekommen sind. Vielleicht liegt es daran, dass der Frontmann Teil einer Großfamilie ist, wie er in "I am a Part of a Large Family" (ebenfalls von "Ongiara") wissen lässt. Da bringt einen so schnell nichts aus der Ruhe. Allerdings ist der Abend auch nicht unbedingt von Hysterie geprägt, sondern von andächtigem Lauschen und Räucherkerzenstimmung.

Great Lake SwimmersGenauso heimlich, still und leise wie sie gekommen sind, verschwinden Great Lake Swimmers nach etwa einer Stunde wieder. Ein schüchternes Winken ins Publikum, Dekker verbeugt sich freundlich mit gefalteten Händen, um kurz darauf solo für eine Zugabe zurückzukehren: "Moving Pictures Silent Films", eine fragile Akustikballade und erstes Stück des selbstbetitelten GLS-Debütalbums von 2003. Danach ist Schluss. Und während die Bühne für die nächste Band umgebaut wird, sitzt Tony Dekker wahrscheinlich längst bei einem Latte Macchiato und träumt sich zurück in die kanadische Wildnis. Vielleicht sinniert er darüber, ob es wohl trotzdem ein Geräusch macht, wenn im Wald ein Baum umfällt, aber niemand da ist, der es hört - und wie sich das am besten in einem Song verarbeiten ließe.


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