Lyle Lovett: Der Country-Joker live in Hamburg

Lyle LovettEr ist wirklich ein sehr seltener Gast in Deutschland: Vergangenen Donnerstag (26. März 2009) gab Lyle Lovett sein erstes Konzert in Hamburg seit 1992 – präsentiert von CountryMusicNews.de. Ein über zweistündiger, stilvoller Abend auf Kampnagel, an den die 600 Zuschauer noch lange selig lächelnd zurückdenken werden. Denn Lovett und seine hervorragende Acoustic Group boten nicht nur einen abwechslungsreichen Mix aus Bluegrass, Traditionals, Gospel, Country-Swing, Blues- und Jazzelementen. Lovett gab sich zudem als charmanter und witziger Plauderer, der fast jeden seiner Songs mit ironischen Bemerkungen würzte.

Eine Bühne gibt es nicht. Die Instrumente sind ebenerdig direkt vor der vollbesetzten Tribühne auf Kampnagel aufgebaut, einem Kulturzentrum in Hamburg. Der Rest der großen Halle ist mit schwarzen Vorhängen abgetrennt. Ein ungewöhnlicher, aber stimmungsvoller Rahmen. Auch die Musiker kommen ganz in schwarz. Anzug, Krawatte, weißes Hemd. Lovett, 1957 in Texas geboren, war schon immer der Styler der Country-Szene. Holzfällerhemden würde er wahrscheinlich nicht mal auf der heimischen Ranch tragen… oder zum Holzfällen. Dazu sein Charakterkopf – das breiteste Grinsen im Business, Betonfrisur. Eine imposante und zugleich zerbrechlich wirkende Erscheinung. Schlaksig und linkisch steht er da und entpuppt sich sofort als obersympathischer Schlawiner. Nach ein paar deutschen Alibi-Brocken (Lovett ist studierter Germanist) merkt er an, er werde nun wieder ins Texanische wechseln, weil sein Englisch nicht so gut sei. "Here I Am, Yes It's Me" singt er, als müsse er noch einmal nachdrücklich auf sich hinweisen, was aber gar nicht nötig ist. Das Publikum bejubelt ihn von Anfang an.

Lyle Lovettt, Foto: Warner MusicDen ganzen Abend über wirkt er wie ein schlitzohriger Onkel, der einem während einer Familienfeier spitze Bemerkungen zuraunt, ohne den würdigen Rahmen zu verletzten. Verschmitzt und sanftmütig, fast schüchtern, plaudert er zwischen den Songs. Immer pointiert und ironisch wie in seinen Texten. Nie herablassend oder gar respektlos. Über seine Heimat Texas, in der Vieh mittlerweile längst mit Hubschraubern getrieben werde. Darüber, dass es in Beziehungen schlecht sei, wenn der eine denkt, der andere hat mehr Spaß im Leben. Weshalb ihn auch seine Freundin Alice auf Tour begleite. Oder über seine religiösen Wurzeln, die er mit Cellist John Hagen in einem absurden Dialog voll staubtrockenem Witz erörtert – Texas-Style.

Immer wieder zeigt er sich zwischendurch demütig und dankbar. Dem Publikum gegenüber, seinen hochkarätigen Mitmusikern gegenüber. Schnell wird deutlich, dass hier kein Star mit Begleitband auftritt, sondern gleichwertige Künstler, die sich gegenseitig respektieren und Spaß haben wollen. Mit John Hagen ist Lovett seit dreißig Jahren befreundet. Keith Sewell (Gitarre und Mandoline) überlässt er sämtliche Soli. Bassist Viktor Krauss, Alison Krauss' Bruder, präsentiert ganz selbstverständlich zwei jazzige Songs seiner eigenen Alben, darunter Tracy Nelsons "I Could Have Been Your Best Friend". Und am Schlagzeug sitzt sowieso eine Legende: Ausnahme-Drummer Russ Kunkel, Weggefährte von Crosby, Stills, Nash & Young, Bob Dylan, Jackson Browne, den Bee Gees, Linda Ronstadt uva. Er thront als Elder Statesmen über allem und gibt den Takt vor, mit Schlagzeug, Bongo, Besen und Pauke.

CD Cover Lyle Lovett - It's Not Big, It's LargeDer Akustik-Gig ist bei allem Humor eine gediegene wie schwungvolle Angelegenheit und bietet einen großartigen Querschnitt aus Lovetts ganzer Karriere, die Anfang der 1980er begann und ihm bislang vier Grammys einbrachte. Einen Großteil des Abends bestreitet er mit seinem jüngsten Album "It's Not Big, It’s Large" (2007), wie den Country-Blues "No Big Deal"; das wunderschöne, religiös angehauchte "South Texas Girl"; die Bluegrass-Nummer "Up in Indiana"; und die wehmütige Ballade "Don't Cry a Tear".

Doch unter den rund zwei Dutzend Songs befinden sich auch viele Klassiker: "If I Had a Boat", in dem Lovett seine Kindheitsträume beschwört; das bissige Beziehungsstück "She's No Lady"; und der Country-Stomper "L. A. County" – alle vom zweiten Album "Pontiac" (1987). Dabei versteht es Lovett auch live, seine außergewöhnliche Stimme einzusetzen. Mal zurückhaltend, mal mit ironischem Unterton, mal einfach nur energisch knödelt er sich durchs Repertoire, dass es eine Freude ist. Und beschließt das Konzert vor den Zugaben sichtbar gut gelaunt mit dem bewegenden "Ain't No More Cane", einem sparsam instrumentierten, von der ganzen Band vorgetragenen Traditional. Das Publikum, darunter lokale Country-Größen wie Jon Flemming Olsen von Texas Lightning, Uwe Lost von Truck Stop und Pedal-Steel-Gitarrist Nils Tuxen, hält es nicht auf ihren Sitzen. Sie sind sich einig: Dieses Konzert war nicht "big", sondern "large"!

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