Berge, Adel und einfach gute Musik
Irgendwie hat man von dem Ort schon einmal gehört: Gstaad! Gstaad, da war doch was. Richtig: Wer den Begriff in eine der bekannten Internet Suchmaschinen eingibt, der bekommt noch auf der ersten Seite Ergebnisse angezeigt wie "Suisse Open" oder "Sir Roger Moore". Aber auch Begriffe wie "Pologstaad", und "Palace Hotel" lassen erahnen, dass es sich um einen außergewöhnlichen Ort handeln muss. Und tatsächlich: Gstaad ist reich und Gstaad ist mondän. Nur macht man hier nicht soviel Aufhebens um sich wie z.B. in St. Moritz. Wunderschön liegt der Kurort ein wenig zurückgezogen und umgeben von sanften Alpenwiesen keine dreiviertel Stunde vom Thuner See entfernt auf 1.050m Höhe im Saanenland. Vielleicht ist er deshalb so beliebt bei Stars wie dem James Bond Darsteller, der etwas außerhalb auf einem Schloss lebt, Prinz Charles der hier Ski zu fahren pflegt, oder Lord Yehudi Menuhin, der noch zu Lebzeiten ein nach ihm benanntes Festival auf die Beine stellte, das heute alljährlich über mehrere Monate viele Liebhaber klassischer Musik anzieht. Letzte Woche aber stand die Stadt wieder ganz im Zeichen der Countrynight-Gstaad. Ein Festival, das es seit nunmehr 15 Jahren wie kein anderes schafft, echte Größen der US Amerikanischen Countrymusic Szene nach Europa zu holen.

Countrymusic in den Bergen? Geht das denn? Es geht, sind doch die Ursprünge des gerne als "Country und Western" umschriebenen Genres in den Bergen der Blue Ridge Mountains, und nicht wie oft angenommen in den unendlichen Weiten des Südwestens der USA zu suchen.

Das die Musik letztes Wochenende wieder in die Schweizer Berge fand, feierten daher auch über 6000 Fans in einem amerikanischen Volksfest, das alles bot was das Herz begehrt. Natürlich stand die Musik und der Auftritt vier hochkarätiger Künst-ler wieder im Mittelpunkt des drei Tage andauernden Festivals. Mit Terri Clark, Mark Chesnutt, Joe Diffie und Tracy Lawrence, war es auch diesmal dem Veranstalter gelungen, dass wirklich Beste vom Besten zu verpflichten.

Zum 15 Jubiläum war allerdings vieles anders als sonst: Zunächst spielte die für die CMA Awards als Sängerin des Jahres 2003 nominierte Terri Clark. Mit überzeugender Stimme und strecken-weise ohne Band brachte sie aktuelle Hits ebenso wie große Klassiker. Besonderes Highlight jedoch waren die mit einer täuschend echten Männerstimme und rein akustisch vorgetragene Songs. Diese brachten ihr, wie die Kanadierin erzählte, noch vor Beginn ihrer Karriere in Bars und Clubs mehr Trinkgelder ein, als die in ihrer normalen Stimmlage gesungenen Lieder.

Nach ihr gaben sich dann Joe Diffie, Mark Chesnutt und Tracy Lawrence die Ehre. Und während in den vergangenen Jahren Solokünstler oder Bands ihr musikalisches Können in großen Bühnenshows einzeln darboten, traten die drei Sänger und Gitarristen diesmal gemeinsam auf. Wie auch auf ihrer derzeit in den USA überaus erfolgreichen "Rockin' Roadhouse Tour", spielten Sie ihre eigenen Songs, coverten alte Klassiker und öffneten dabei jede Stilschublade. Drei Solokünstler, die insgesamt über 22 Millionen verkaufter Alben und über 42 No.1 Hits verbuchen können auf einer Tour: Das lässt sicherlich Vergleiche zum legendären Rat Pack zu, dem Trio aus Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. das einst Las Vegas begeisterte. Oder es erinnert an die Highway Men, rund um den am ersten Festival Tag verstorbenen Johnny Cash. Ihm wurde denn auch in einer Minute der Stille und durch Chesnutts Interpretationen einiger seiner großen Hits wie "Ring of Fire" oder "I Walk The Line" gedacht. Eine gebührende Ehrung! Hatte doch Chesnutt selbst Cash über viele Jahre gekannt und oft mit ihm zusammen musiziert.

Der allgemeinen Begeisterung über das Konzert, konnte die Trauer über Cashs Tod am Ende jedoch nichts anhaben. Im Gegenteil: Wie so oft trat nach der erfolgten Würdigung das Gefühl des "Jetzt erst Recht ein" und was bis dahin für manche vielleicht ein wenig gewöhnungs-bedürftig war, weil drei Solo-Künstler neben Ihren Trios auch einzeln auftraten, und es folglich immer wieder zu Unterbrechungen und Stiländerungen kam, wurde jetzt zu einer gemeinsamen Veranstaltung von Künstlern und Publikum. Ein Publikum, das am Ende stehende Ovationen brachte, und das im Übrigen nicht nur aus Pseudo-Cowboys bestand, sondern aus Menschen aller Altersklassen und Schichten die einfach gerne gute Musik hören! Hierzulande leider unvorstellbar, wo ein Genre, das wie kein anderes verschiedene Musikalische Stilarten miteinander verbindet, grundsätzlich mit Hüten, Colts und demonstrativ zur Schau getragenen Bierbäuchen assoziiert wird.

Nun denn. Weitergefeiert wurde auch nach dem Konzert in der perfekt amerikanisch eingerichteten Festwirtschaft, die sich dem Konzertzelt anschließt. Bis morgens um vier wurden hier alle Nimmermüden in der Harley Bar oder an langen "Barn"-Tischen mit Finger Food, Muffins oder amerikanischen Getränken verköstigt. Wenn auch in der Schweiz: Hier in Gstaad erlebten über ein Wochenende alle die wollten, und am Sonntag dann wieder den Heimweg antraten, ein Amerika von seiner freundlichen, lebenslustigen und auch weltoffenen Seite.

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