Gunter Gabriel in Hello I'm Johnny Cash, Foto: Andreas WeihsDa sitzt ein alter Mann im Halbdunkel, seitlich zum Beobachter, eine Gitarre in seinen Händen haltend und singt. Etwas brüchig, leise, eindringlich. "Ain't No Grave"- Nebel umwabert ihn. Es ist still. Das ist nicht nur ein Lied, das ist ein Statement. Der Mann ist Johnny Cash, die US-amerikanische Country Ikone, oft verkannt und falsch eingeschätzt, belächelt und leichtfertig abgetan, und der noch in seinem letzten Lebensjahrzehnt mit seinen American Recordings eine Brücke zwischen den Generationen, zwischen Alt und Jung baute. Und den am Ende seines Lebens sogar MTV für sich entdeckte.

Gunter Gabriel spielt Johnny Cash. Das sollte zweifelsohne die Paraderolle für den eckigen Sangesbarden aus Bünde / Westfalen sein. Viele Jahre schon singt er die Lieder der US-Country Ikone in deutscher Übersetzung und immer wieder bezeichnete man ihn als den "deutschen Cash". Nun steht Gabriel mit 68 Jahren zum ersten Mal auf einer Theaterbühne. Allein das ist eine riesige Herausforderung an den Sänger, ein Sprung "ins kalte Wasser", mit dem er sich hier darstellerisch fast allein benetzt. Denn die tragenden Rollen in "Hello I'm Johnny Cash", dessen Premiere am Donnerstag Abend, den 26. August 2010, im Berliner Renaissance Theater statt fand, ruhen auf den Schultern von nur zwei Charakteren: Johnny Cash und June Carter Cash.

Gunter Gabriel in Hello I'm Johnny Cash, Foto: Andreas WeihsEs ist fast schon erschreckend, wie nah Gabriel dem Original kommt. Die Haare (natürlich eine Perücke), die authentische Mimik und Gestik, ja sogar die sprachliche Betonung, dazu die gesamte Erscheinung in schwarz. Gabriel tänzelt um sein Mikrofon, die Gitarre hochgezogen, fast schon unterm Kinn, und spielend im "Anschlag". "I Walk The Line". Es ist zunächst noch die Probe für das große, bald beginnende Konzert. Von Cash kommen immer wieder Zwischenrufe an die Technik, an seine Musikanten: "Spiel den Bass anders", "Mach meine Stimme lauter", "Bisschen mehr Hall" … Dann schickt er die Musiker nach hinten, eine Rauchen. Er selbst setzt sich auf die Bühnenkante und spricht einen Monolog über seine Gitarre, die er über alles liebt und die Armeezeit in Deutschland. Da werden Erinnerungen wach. Ein wenig wehmütig denkt er an diese Zeit und singt noch einmal ganz für sich die guten alten Lieder von damals, "Goodnight Irene", "I Hung My Head" oder die so komisch klingende Nummer, die Elvis Presley (auch in Deutschland stationiert) immer sang: "Muss i denn zum Städtele hinaus"...

Gunter Gabriel wird am 11. Juni 1942 in Bünde/Westfalen als Günther Caspelherr geboren. Nach dem frühen Tod der Mutter wächst er bei seinem Vater auf. Die Volksschule und das Studium bricht er ab und schlägt sich mit Gelegenheits-Jobs durch. Später legt er als DJ Platten auf, wird Promoter und Auftrags-Liederschreiber für einen Musikverlag. In den 1970er Jahren fliessen ihm eine Reihe von Hits für deutsche Schlagerinterpreten aus der Feder, die ihn schnell bekannt machen und noch schneller viel Geld verdienen lassen. Gabriel schrieb Hits für Juliane Werding und Frank Zander, für Rex Gildo und Tom Astor, für Peter Alexander und Wencke Myhre. Als Singer/Songwriter gehören "Hey Boss ich brauch mehr Geld", "Er ist ein Kerl" oder "Papa trinkt Bier" zu seinen großen Erfolgen. 2003 produziert er das Album "Gabriel singt Cash" mit Liedern der Country-Legende Johnny Cash in deutscher Sprache, produziert im Cash Cabin Studio in Hendersonvillevon John Carter Cash. 2009 erscheint mit "Sohn aus dem Volk" nach vielen Jahren wieder ein vielbeachtetes Album mit neuen Liedern und die Autobiografie "Wer einmal tief im Keller saß". Gabriel war viermal verheiratet, hat drei Töchter und einen Sohn und lebt heute auf einem Hausboot in Hamburg-Harburg.

Nun ist es an der Zeit, die Show muss beginnen und während die Musiker schon die ersten Takte spielen, kommt Cash von hinten auf die Bühne, reißt einen Arm hoch und spricht in die Noten hinein: "Hello I'm Johnny Cash". Das Publikum jubelt und der Star singt "I Walk The Line", in einem Sprachmix aus englisch und deutsch. Dann: Hinter den Akteuren huscht ein gezeichnetes weißes Pferd zu den Klängen von "Man Comes Around" durch das Bild. Die vier Musiker, die Cash begleiten, machen ihr eigenes Ding daraus, ohne sich nach vorn zu drängen. Die Noten sind für den Zuhörer eingängig und filigran arrangiert, die Musiker haben damit allerdings mehr Arbeit, als es für die Leute im Saal scheint. Denn er Song ist alles andere als einfach. Aber Harry Ermer (Klavier, Mundharmonika, Bass), Michael Gechter (Gitarre, Violine), Johannes Gehlmann (Gitarre) und Stephan Genze (Schlagzeug) meistern nicht nur diese Hürde bravourös.

Nun ist die Musik, sind die Lieder des Johnny Cash, für Gunter Gabriel das Einfachste an seinem Auftritt. Zwar hat er als bekennender Deutsch-Fan seine früheren Interpretationen in seiner eigenen Sprache vorgetragen und muss sich nun wohl oder übel mit den englischen Texten herum schlagen, doch das ist für Gabriel eine reine Form- und Übungssache. Aber für seine Zwischentexte musste er echt büffeln. So, wie es eben am Theater gang und gäbe ist. Dem einen fällt's leichter, dem anderen schwerer. Vor seinem ersten Auftritt als Schauspieler sagte er noch: "Ich habe Muffe ohne Ende." Verständlich. Denn hier, auf dieser Bühne, wird er genau beobachtet, und die "Geier", die ihn schon in den vergangenen Jahrzehnten jagten und jeden Fehltritt dokumentierten und in die Welt hinaus posaunten, die schauen jetzt ganz genau hin und warten nur darauf, dass etwas passiert, dass er der Aufgabe nicht Herr wird, dass er Fehler macht. Doch Gabriel tut ihnen den Gefallen nicht. Nicht hier, nicht in dieser Rolle. Natürlich spürt man als Zuschauer seine innere Aufgeregtheit, seine Anspannung, aber das ist normal. Und es macht die Story noch authentischer.

Wie das Leben des US-amerikanischen Sängers verlief auch Gabriels Lebensgeschichte wie eine Achterbahn, eine pulsierende Sinuskurve, ein turbulenter Rodeoritt. Auf der Theaterbühne durchlebt der 68jährige die Höhen und Tiefen der Countrylegende, und irgendwie auch die seines eigenen Lebens. Parallelen gibt es genug: beide machen sich mit ihren Liedern zum Sprachrohr von Unterdrückten oder Randgruppen der Gesellschaft. Cash singt über Gefangene, Ureinwohner und die Eisenbahn, Gabriel über Trucker, Arbeitslose und immer wieder Frauen. Doch: Beide kommen mit ihrem schnellen Ruhm nicht klar. Bei Cash übernehmen Alkohol und Tabletten das Kommando, Gabriel verliert Millionen und wohnt ein Jahrzehnt in einem Wohnwagen. Am Ende kriegen beide ihr Leben wieder in den Griff. Das ist allerdings die kürzeste Kurzfassung.

Natürlich kommt jetzt auch SUN Records und Sam Phillips ins Spiel. Ganz entscheidend für den weiteren Weg Cashs. Zunächst blitzt der Sänger mit seinen Gospelsongs beim Plattenboss ab, das will niemand hören. Doch als Cash, ziemlich aufgeregt, ein wenig zittrig sogar, und umrahmt von Stand-Bass und Gitarre "Folsom Prison" und "Hey Porter" zum Besten gibt, lässt sich Phillips erweichen und verkündet: "Wir machen die Platte!" Die Freude darüber rockt und rollt und mündet in "Blue Suede Shoes".

Gunter Gabriel in Hello I'm Johnny Cash, Foto: Andreas WeihsSpätestens jetzt muss ein Satz über das Premieren-Publikum gemacht werden. Denn die rund 600 Freunde, Kollegen, Interessierte und Fans im ausverkauften Renaissance Theater sind äußerst sach- und fachkundig. Sie tragen ihren Teil zum Gelingen bei, bemühen sich um absolut authentische Konzertatmosphäre, klatschen, toben, pfeifen. Hie und da gibt es Zwischenrufe. Einen Graben zwischen Bühne und Saal gibt es nicht. Alle sitzen in einem Boot, sind gleich an diesem Abend. Und sie brennen, denn "wenn es nicht in dir lodert, das Feuer, dann kannst du alles vergessen", meint der "Man In Black". Cash spricht offen über seine Probleme mit Tabletten, Drogen und Alkohol. Tja, und einmal, da schnappten sie ihn an der mexikanischen Grenze mit einem kleinen Vorrat, den er in seiner Gitarre bunkerte.

Nach einer knappen Stunde Show ein weiteres Highlight: Johnny Cash bittet June Carter auf die Bühne, um mit ihm zu singen. Die tänzelt flink und fröhlich von hinten hinein und beginnt mit dem "Juke Box Blues". Dabei wirkt sie wie ein kleines, junges Ding, lacht, scherzt, wirft die Haare und den Rock im Rhythmus. Mit der 57-jährigen Helen Schneider eine Traumbesetzung. Sie spielt zum ersten Mal eine Countrysängerin und sie macht das, wie schon so vieles vorher, grandios. Sie singt hervorragend (keine Frage!) und wirbelt wie das Original über die Bühne. Wie keine andere fühlt sie sich in die Person der June Carter, in ihre Musik, ihren Gesang hinein. Ganz Profi und auch irgendwie ein kleiner Halt für Gabriel, für den das Ganze ziemlich neu ist.

Gunter Gabriel in Hello I'm Johnny Cash, Foto: Andreas WeihsJohnny himmelt June schon lange an, ihre Art fasziniert ihn. Leise Annäherungsversuche beim gemeinsamen Lied "If You Were A Carpenter", sie fassen sich sacht bei den Händen, doch dann, irgendwie Macho, prescht der Mann vor und sagt ihr auf offener Bühne: "Wir werden heiraten!" Das setzt eine spontane Ohrfeige von June, denn die beiden sind noch verheiratet, aber jeweils mit anderen Partnern. Eine brachiale Punkversion von "I Got Stripes" folgt und lässt zunächst den Vorhang fallen.

Helen Schneider wird am 23. Dezember 1952 in Brooklyn, New York, N.Y./USA geboren. Ende der 1970er Jahre kommt sie nach Deutschland und lebt ihre expressive Gesangsstimme im Rock'n'Roll aus, obwohl sie ein klassisches Klavierstudium vorweisen kann. Mit Udo Lindenberg geht sie 1980 auf Tournee und "Rock 'n' Roll Gypsy" wird zum Top-Ten-Chart-Hit. Als erste westliche Rock-Sängerin tritt sie im DDR-Palast der Republik auf. Sogar einen Bronzenen Otto der Jugendzeitschrift BRAVO kann sie entgegennehmen. 1987 wendet sich Schneider dem Theater zu: Am Theater des Westens in Berlinwird sie als Sally Bowles im Musical Cabaret besetzt und kann darin begeistern. Schauspielunterricht, Theater- und Musicalerfolge folgen, machen sie zu einer gefragten Schauspielerin und vielseitigen Chansonsängerin. Sie singt Weill und Sondheim, arbeitet mit Eberhard Schoener - und lässt ihr jüngstes Album mit Jazz-Interpretationen des American Songbook von Star-Trompeter Till Brönner produzieren, bekommt dafür einen Jazz-ECHO. Helen Schneider lebt mit ihrem Lebenspartner George Nassar seit 2006 in Berlin.

Als Johnny wieder einmal betrunken ist und auf sich warten lässt, unterhält June das Publikum allein, stellt singend die Band vor, um die Zeit zu überbrücken. Doch bei "Ring of Fire" eskaliert es, weil Johnny wieder einmal den Macho raushängen lässt und June, die das Lied schrieb, zwingt, die Geschichte des Liedes öffentlich zu erzählen, die Geschichte ihrer Liebe, die eigentlich nicht sein darf, weil beide an andere Partner vergeben sind. Am Ende des folgenden "Jackson" Duettes gibt es schließlich ein filmreifes Liebes-Happy-End, stilecht mit einer roten Rose. Die im wirklichen Leben nun folgenden dreieinhalb Jahrzehnte gemeinsamen Lebens werden mittels eines nur Minuten andauernden traurigen Monologes von June gerafft und münden in "Hurt", das Vermächtnis des Sängers, mit dem sich Johnny Cash von der Welt am 12.September 2003 verabschiedet. Am Ende demaskiert sich die Cash Figur zu Gunter Gabriel, reißt die Perücke vom Kopf und erzählt von seinen letzten Erlebnissen mit dem Mann, der nicht nur sein Leben und seine Musik nachhaltig beeinflusste. Die Brücke zwischen den Generationen wird noch einmal in der Neuauflage von "Personal Jesus" lebendig und mit dem folgenden "Ain't No Grave" schließt sich der Kreis.

Das Bühnenstück "Hello I'm Johnny Cash" kommt ohne große Effekthascherei aus. Passendes, auf die Situation abgestimmtes Licht, ab und an etwas Nebel - das und das Agieren der beiden Hauptdarsteller reicht aus, den Zuschauer in das Geschehen hinein zu versetzen, ihn emotional teilhaben zu lassen an der Lebensgeschichte des Johnny Cash, die alles andere als immer schön und gradlinig war. Wer könnte Cash besser verkörpern als Gunter Gabriel? Hierzulande wohl Niemand. Die enge persönliche Beziehung, die beide Sänger seit 1977 hatten, spürt der Zuhörer vor allem in den berührenden leisen, intensiven Liedern und den Erzählungen. Nach mehr als zwei Stunden hört man Bravo-Rufe im Theater und Niemand ist mehr auf den Sitzen. Eine tolle, berührende Umsetzung. Zeitlose Musik. Grandiose Hauptdarsteller. Standing Ovations. Gerechtfertigt!

Nach der erfolgreichen Premiere mit lautstarken Zugaben-Forderungen ging es für viele der Premierenbesucher noch zur Aftershow-Party ins nahegelegene Hotel Excelsior. Mit einer kleinen Ansprache bedankte sich Renaissance Theater-Chef Horst-H. Filohn bei allen Beteiligten, die dazu beitrugen, die Idee umzusetzen und das Stück zu einem Erfolg zu machen. Vor allem den Hauptdarstellern Gunter Gabriel und Helen Schneider seien die ersten ausverkauften Abende zu verdanken. Dann gab es (wie zu solchen Anlässen üblich) Fingerfood und Wein. Während Helen Schneider die Party gegen Mitternacht verließ, gönnte sich Gunter Gabriel, der zuvor noch zahlreiche Interviews für das Fernsehen gab, noch ein paar ruhige Momente mit seiner Tochter Liesamarie, die extra aus London kam. Einige Weggefährten Gabriels waren ebenfalls zu sehen, u.a. Bear Family Chef Richard Weize und Elvis, auf dessen Werkstatthof Gabriel fast ein Jahrzehnt seinen Wohnwagen abstellte, weil er völlig abgebrannt war und keine Wohnung mehr hatte.


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