The Wreckers; Foto Warner Bros. Nashville

Die CMT-Studios machten den Eindruck einer Insel der Stille an diesem späten Nachmittag in Nashville. Hier saßen Michelle Branch und Jessica Harp bei scheuem Licht, nackten Backsteinwänden, einem Orientteppich in einer intimen Kaffeehausatmosphäre auf ihren Hockern und brachten ihre Stimmen zum Chor von "My, Oh My" in Einklang. Zusammen sind sie The Wreckers.

Das Team, das für die CMT-Studios an den "Studio 330 Sessions" arbeitet, fing das Geflecht ihrer Stimmen ein, das Lächeln der beiden, das zwischen ihnen hin und her ging, den knackigen Rhythmus von Michelles Mandoline, wenn sie sich in die Bassline von Ehemann Teddy Landau einklinkt.

Das fühlt sich ganz frisch an, denn sie kennen die Melodie erst seit gestern. Und als die letzte Note in Stille verhallte und die die Kameras in ein schwarzes Bild übergingen, ließ sich Branch langsam ein Stück von ihrem Hocker herab, stampfte mit dem rechten Fuß auf und murmelte "Come on! Wake up!"

Und darum ging es mehr oder weniger für Branch und Harp in der Country-Musikbranche im Mai 2006 als sie als The Wreckers ihr Debutalbum "Stand Still, Look Pretty" herausbrachten. Ihre erste Single "Leave the Pieces" stürmte die R&R- und die Billboard-Countrycharts. Das Album verkaufte sich schnell und erreichte mehr als Goldniveau. Derzeit stehen sie fast bei Platin. In den nächsten Monaten sollten sie sich der Tour der Rascal Flatts anschließen, unzählige Fernsehauftritte bestreiten, CMA-Awards und Grammy-Nominierungen als Duo des Jahres bekommen und im den ganzen Sommer 2007 mit Keith Urban auf Open-Air-Tour gehen.

Nichts davon schien möglich als sie 2004 entschieden, sich zusammenzutun, nicht nur weil der Erfolg für Künstler mitunter lange auf sich warten lassen kann. Ihre Situation war noch etwas komplizierter: Harp hatte immer gehofft, sich als Künstlerin Verhör verschaffen zu können. Und Branch hatte bereits sehr früh, mit gerade einmal 16 Jahren, ihr erstes Singer-Songwriter-Album The Spirit Room aufgenommen, wodurch sie sich bereits als vertrauenswürdiges Phänomen im Pop & Rock etabliert hat.

Die Frage war; ob sich ihr Zusammentun in den Augen ihrer Hörer bewähren würde, schließlich haben diese bereits mehr als einen Rocker gesehen, der versucht hat, die Grenze zur Country-Glaubwürdigkeit zu überschreiten. Und dennoch, sagen sie, dass ihnen dies nicht durch den Kopf ging, als sie beschlossen, ihre Talente zu kombinieren.

"Es ist schwer nachzuvollziehen, wie wenige Erwartungen wir hatten", sagte Branch, kurz nachdem sie die CMT-Aufnahme einpackt. "Na klar wussten wir, dass die Leute vom Country-Radio und der Country Music uns in eine bestimmte Schublade stecken wegen meiner" und das sagt sie in Anführungsstrichen "schmutzigen Vergangenheit! Aber mal ehrlich, wir hätten uns glücklich geschätzt, wenn nur jemand außer unserer Eltern die Platte gekauft hätte. Aber dass uns alle in die Arme schließen und uns so aufnehmen, wie sie es getan haben, war für uns beide wirklich Wahnsinn."

Für Harp war die Herausforderung eine andere. Sie war im tiefsten Inneren schon immer eine Country-Sängerin. "Am erfreulichsten fand ich, dass ich mir treu bleiben konnte, auf mein Anfangsgefühl hören konnte und diese Musik mit meiner besten Freundin singen kann", sagte sie. "Ich hätte auch einen Vertrag für ein Pop-Album unterschreiben können, aber das war noch nie das, was ich wollte".

The Wreckers
Das Paradoxe daran ist, dass keine der Frauen das Genre von The Wreckers definiert. Ihr Ziel war es, die Musik zu machen, die sie Musik machen wollen und es den anderen überlassen, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, welches ihr Genre ist. Das galt auch für alle Beteiligten an diesem Album, einschließlich John Leventhal, der außer dreien alle Songs darauf produziert hat. Von seinem Sessel hinter dem Mischpult aus waren die Sessions von "Stand Still, Look Pretty" nicht so viel anders als Michelles Platin-Album "Hotel Paper", das er während ihrer Rock-Pop-Inkarnation produziert hat.

"Es ging irgendwie nahtlos ineinander über", erklärte Leventhal. "Beide Alben fühlten sich für mich fast gleich an. Das neue hat etwas bodenständigere Elemente, da sie Geigen, Mandolinen, Dobros und das ganze Zeug mit einbringen wollten. Aber selbst beim Text haben wir nie in Kategorien gedacht. So ist die Musik einfach das geworden, was sie war." Maverick Records, nicht gerade ein Paradies für Country-Sänger, stand ihrer neuen Herangehensweise zunächst skeptisch gegenüber. Nun da The Wreckers so gut angekommen und sie von Maverick zu Warner Bros. Nashville gewechselt sind, scheint der Weg für ihr nächstes Album bereitet. Natürlich ist der Preis der Freiheit oftmals die Erwartung, was bedeutet, dass viele Leute einen weiteren Kassenschlager erwarten, selbst wenn, wie Branch es ausdrückt, "dir niemand im Nacken sitzt".

Sie wollten, dass die Studio-Sessions in Nashville stattfinden - Heimatstadt von Harp in den letzten drei Jahren und in der letzten Zeit auch Wohnsitz von Branch und Landau. Ende letzten Jahres waren sie hierher gezogen. Zuvor hatten sie ihr großes Haus, das sie erst ein Jahr zuvor in Calabasas, Kalifornien, nahe Malibu, gekauft hatten, verkauft, um näher an der Nashville-Musikszene, dem Music Row, zu sein.

"Ich wollte nicht, dass unsere Tochter [Owen Isabelle, geboren im August 2003] in Los Angeles aufwächst", sagte sie. "Mein Mann ist in L.A. geboren und auch er wollte wegziehen. Das Tempo im Alltag ist hier ganz anders: Wir sind im Schnitt Montag bis Mittwoch oder Donnerstag zu Hause, um dann von Donnerstag bis Sonntag auf Tour zu gehen. Das ist ein gutes Gleichgewicht zwischen Auftritten am Wochenenden und der Ruhe zu Beginn der Woche. Das ist mehr von meinem Leben und weniger von meiner Arbeit. Und ich genieße das." Leventhal bleibt die erste Wahl als Produzent. Obwohl er hauptsächlich von New York aus arbeitet, ist er kein Fremder in Nashville. Laut Harp ist sein Fingerspitzengefühl, transplantiert in dieser Gemeinschaft, der Schlüssel zur wiederholbaren Magie.

"Meine Lieblingssongs auf dem ersten Album waren seine", sagt sie. "Es ist nicht nur, dass wir sie mochten, aber ich denke, wir hatten so viel Freiheit in dieser Stadt, und deshalb sind sie etwas anders sind als die, die man auf jeder anderen Platte hört."

"Na ja, ich kann mich natürlich nicht für ihre kommerziellen Erfolge loben lassen, weil ich die Singles ja nicht gemacht habe", erklärt Leventhal und bezieht sich damit auf die Arbeit von John Shanks bei "Leave the Pieces" und Paul Worley bei "My, Oh My." "Ich respektiere Produzenten, die das können. Es ist nicht so, dass ich kommerzielle Musik verachte. Ich habe genauso gerne Hits wie jeder andere auch, aber darin liegt nicht meine Stärke. Meine Stärke ist: "Wie kann ich das emotional fesselnd und künstlerisch anspruchsvoll gestalten?" Ich habe das Gefühl, dass es den Mädels sowieso nicht so sehr darum geht. Sie sind wirklich sehr kreativ und ich würde sie nicht gern gleich am Anfang abwürgen wollen, indem ich sage "Hey, wir brauchen noch vier weitere Hits".

"Country-Musik ist eines der letzten künstlerfreundlichen Formate. Hier geht es noch darum, Musik zu machen", bemerkt Branch. "Die Leute wurden mehr bewacht und haben mehr miteinander konkurriert beim Pop-Radio, wo ich herkam. Letztens zum Beispiel gingen wir wegen der Einsatzstücke ins Studio, und da waren Little Big Town, Sugarland, Miranda Lambert und wir sind jetzt mit diesen Künstlern befreundet. Das kenne ich von der Popmusikszene überhaupt nicht".

"Country-Künstlern, denen es am Anfang ihrer Karriere gut geht, bleiben die Fans über die Jahre erhalten," fügt Harp zu, die sich unlängst mit dem Bandmitglied Jason Mowery verlobt hat. "Sehen Sie sich George Strait und Reba McEntire an: nicht viele Leute außerhalb der Country Music-Szene hatten vergleichbare Karrieren. Diese Treue ist so erstaunlich. Diese Art der Künstler-Fan-Beziehung hat mich schon immer fasziniert. Ich möchte, dass die Leute wissen, wer ich bin. Ich bin kein gekünstelter, unechter Star. Ich bin einfach ich: ein großer Depp."

"Das gilt für uns beide", stimmt Branch mit ein und bricht zusammen mit ihrer Freundin in die Art von Gelächter aus, bei dem man erwartet, dass es der Beginn einer neuen wilden Reise auf einem Album ist, das am 13. November herauskommt.. Aber ich habe von Anfang an dagegen angekämpft. Wie ich immer sage: Unkraut vergeht nicht."
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