Filmplakat: I Saw the Light

Schwerenöter, Säufer und genialer Songwriter - "I Saw the Light": Biopic über Country-Legende Hank Williams.

Wie wurde aus einem Strich in der (Südstaaten-)Landschaft das größte Ausrufezeichen der Country Music? Darüber gibt das Hank-Williams-Biopic "I Saw The Light" mit Tom Hiddleston Auskunft - aber leider weder besonders mitreißend noch tiefschürfend. Der Film, der auf Colin Escotts Standardbiografie basiert, klappert die Eckdaten in Williams' kurzer Karriere ab wie ein hübsch bebilderter Wikipedia-Eintrag und füllt den Rest der zwei Stunden mit Seifenoper.

I'm So Lonesome I Could Cry

"I Saw The Light" umfasst die Zeitspanne von Hank Williams' Hochzeit mit Audrey Sheppard (Elizabeth Olsen) auf einer Tankstelle Ende 1944 bis zu seinem Herztod am Neujahrstag 1953 mit gerade mal 29. In diesen wenigen Jahren steigt der Songwriter dank unermüdlicher Live-Auftritte in Kaschemmen und auf Provinzfestivals, Radioshows und schließlich "Grand Ole Opry"-Ruhm zum Superstar auf, als es so etwas noch gar nicht gibt. Weil er es versteht, Einsamkeit und Sehnsucht in simple, aber trotzdem profunde und tiefgründige Songs zu verpacken, mit denen sich Farmer John ebenso identifizieren kann wie seine halbwüchsigen Töchter. Auch im Film findet Hank Williams einfache Worte, um einem Reporter ehrlichen Country und damit sich selbst zu erklären: "Wenn ein Mann ein trauriges Lied singt, dann kennt er die Trauer."

Move It On Over (Hank Is Moving In)

Regisseur und Drehbuchautor Marc Abraham zeigt in "I saw the Light" Hank Williams als gequälte Seele, die ihre Inspiration zu 36 Hits in nur sechs Jahren aus ihren privaten Problemen zieht. Suff, ständige Streitereien mit seiner ersten Frau Audrey, bis zur endgültigen Trennung, die Sehnsucht nach seinem Sohn, ein chronisches Rückenleiden, das zur Drogenabhängigkeit führt, und permanenter Tour-Stress zehren an dem Hungerhaken. Hank hat immer einen sitzen, das bisschen, was er isst, kann er schließlich auch trinken. Weil er jedoch zunehmend unzuverlässiger wird, Auftritte platzen lässt, und Weggefährten vor den Kopf stößt, fliegt er schließlich wieder aus dem "Grand Ole Opry"-Zirkus raus, in den er sich einst gesehnt hat. Ein Tiefpunkt seiner Karriere.

Trost findet Williams außer bei seiner dominanten Mutter Lillie (Cherry Jones) bei seiner neuen Frau, Billie Jean (Maddie Hasson). Was ihn allerdings nicht daran hindert, seine Geliebte Bobbie (Wrenn Schmidt) zu schwängern. Kurz darauf erfüllt sich auf dem Weg zu einer Show am Neujahrstag 1953 in Canton, Ohio die Prophezeiung seines letzten Hits: I'll Never Get Out of this World Alive…

Lost Highway

Von Michael Manns Kameramann Dante Spinotti ("Heat", "Der letzte Mohikaner") in nostalgische Farben getaucht, sieht "I Saw the Light" klasse aus, keine Frage. Aber der Funke will trotzdem nicht recht überspringen, das "Licht" zeigt sich nicht.

Weil Abraham für den Menschen Hank Williams, der zum Mythos und einflussreichsten Country Musiker überhaupt wurde, keine zündenden Bilder findet. Stattdessen reiht er ein Sammelsurium an Szenen und Ereignissen aneinander, die sich nie zu einer konzentrierten und spannenden Geschichte fügen. Im Gegenteil, vieles wirkt abgehackt, einiges gar zusammenhanglos. Ein Leben auf dem Lost Highway, eine Karriere auf der Überholspur. Aber eben nicht wirklich lebendig verpackt, sondern ausgebremst von einer chronistenpflichtbewussten Dramaturgie. Mehr künstlerische Freiheit und Interpretation wäre besser gewesen.

Hey Good Lookin' Tom Hiddleston in I Saw the Light

Was den Film trotzdem sehenswert macht? Tom Hiddleston (Loki aus den "Thor"-Filmen und aktueller Freund von Taylor Swift).

Als Brite die uramerikanische Musikikone Hank Williams zu spielen, muss man sich erstmal trauen. Klar wurde im Vorfeld gemault, Williams' Enkel Hank III hält ihn immer noch für eine krasse Fehlbesetzung. Doch der 35-Jährige hat's allen gezeigt. Hiddleston vermittelt tatsächlich eine vage Vorstellung von Hank. Auf jeden Fall kommt er ihm physisch sehr nah. Und Rodney Crowell, musikalischer Leiter des Films, hat Hiddleston sogar Jodeln beigebracht und alles, was man sonst noch draufhaben muss. Mit anderen Worten: Er performt alle Songs in "I Saw the Light" selbst - und zwar wirklich passabel.

Vor allem die introvertierten Momente bleiben im Gedächtnis. Etwa das Intro, in dem er melancholisch an einem Barhocker im gleißend göttlichen Scheinwerferlicht lehnt und a-capella "Cold Cold Heart" singt. Oder auf dem Studiosofa sitzt und auf der Gitarre "Your Cheatin' Heart" klimpert, während seine Frau Billie Jean langsam ins Bild rückt. Das sind schöne Momente.

Fazit: Die tolle Ausstattung und nostalgischen Bilder in "I Saw the Light", die (erstaunlich wenigen) Musikszenen und Hauptdarsteller Tom Hiddleston entschädigen für einen viel zu oberflächlichen Film über Country-Legende Hank Williams.

Regie Darsteller Rolle
Marc Abraham Tom Hiddleston ... Hank Williams
Elizabeth Olsen ... Audrey Williams
Bradley Whitford ... Fred Rose
Cherry Jones ... Lillie Williams
Maddie Hasson ... Billie Jean Jones
Wrenn Schmidt ... Bobbie Jett
David Krumholtz ... James Dolan
Original-Titel: I Saw the Light
Studio: RatPac Entertainment / Sony Pictures Classics (Sony)
Land: USA 2015
FSK: freigegeben ab 6 Jahren
Laufzeit: 123 Minuten
Kino: ./.
DVD: 4. August 2016
Pay-TV: ./.
Free-TV: ./.

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