Odetta Holmes"Odetta starb am Dienstag an Herzversagen im Lenox Hill Hospital", teilte Doug Yeager, ihr Manager, mit. "Sie wurde vor etwa drei Wochen mit Nierenversagen ins Krankenhaus eingeliefert".

Trotz ihrer Gebrechlichkeit, die sie in den Rollstuhl zwang, gab Odetta in den letzten beiden Jahren 60 Konzerte, jedes 90 Minuten lang. Die Kraft ihres Gesangs hat niemals nachgelassen, sagte Yeager. "Sie schöfte ihre Kraft einfach aus sich selbst, wie man es kaum für möglich hält" sagte er.

Mit ihrer dröhnenden, klassisch ausgebildeten Stimme und spärlich eingesetzten Gitarre erweckte Odetta die Lieder der Arbeiter und Sklaven, Bauern und Bergarbeiter, Hausfrauen und Wäscherinnen, Schwarzen und Weißen zu neuem Leben.

Erstmals in den 50er Jahren zur Berühmtheit gelangt, beeinflusste sie Harry Belafonte, Bob Dylan, Joan Baez und andere Sänger, die ihre Wurzeln in der Aufschwungszeit der Folkmusik hatten.

Sobald eine Aufnahme von Odetta auf dem Plattenteller lag, konnten die Zuhörer ihre Augen schließen und sich vorstellen, die Klänge von Spirituals and Blues zu hören, wie sie ein Jahrhundert zuvor von einer verwitterten Veranda hinter dem Haus oder in der Nähe eines längst erloschenen Lagerfeuers ertönten.

"Was sie von Beginn an auszeichnete, war die penible Sorgfalt, mit der sie versuchte, das Gefühl ihrer Folksongs neu zu erschaffen: Um die Gemütsregungen eines Sträflings in einem Gefangenenlied nachzuempfinden, versuchte sie einmal, mit einem Vorschlaghammer Gestein zu zerschlagen", schrieb das Magazin "Time" im Jahr 1960.

"Sie ist eine kühne Irin in "Foggy Dew", ein Kettensträfling in "Take This Hammer" und eine verlassene Geliebte in "Lass from the Low Country", schrieb "Time".

Odetta beeinflusste viele Musiker aus Nashville, einer Stadt, in der sich Country- und Folkklänge, Lieder und Künstler oft vermischten. Sie arbeitete mit Künstlern in Nashville zusammen, darunter Johnny Cash, Nanci Griffith und Janis Ian. Odetta trat in der Fernsehshow "Cash's ABC" auf (aufgezeichnet im Ryman Auditorium) und sollte im Finale der Show "I Got Shoes2 mitwirken, mit dem Song "All God's children got shoes". Sie erzählte Cash: "Entschuldige, aber ich kann dieses Lied nicht singen, denn nicht alle Kinder Gottes haben Schuhe." Sie gaben ihr einen anderen Song zum Singen.

Odetta leitete ebenfalls die an das Ende des Albums gestellte Version von "Wimoweh" auf Griffiths Grammy-preisgekrönten Album "Other Voices, Other Rooms". Während dieser Aufnahme war sie Interpret und Lehrmeister zugleich und brach die Sitzungen ab, um die versammelten Spieler daran zu erinnern, dass die Bedeutung des Liedes weit größer ist, als das, was die cartoonartig überzeichnete Pop-Adaption aus dem Jahr 1961 von "The Tokens" vermuten lässt.

"Sie war wie der Lehrer vor einer Klasse, der sagt, "Jeder muss daran denken, worum es in diesem Lied geht", schrieb Giffith über diese Session. "Dann sagte sie, "Es geht um die Freiheit der Menschen. Lasst uns auf den Grund dieser Sache gehen."" In Nanci Griffiths "Other Voices: "A Personal History of Folk Music" sprach Odetta über ihre Kunst.

"Wenn du alles gibst, was in dir ist, bist du der Einzige auf Erden, der wirklich geben kann, was du geben musst. Und wenn du das so ehrlich wie möglich tust, gibst du den Menschen etwas, auf das sie reagieren können. Das ist für mich genau das, worauf es beim Singen ankommt. Und einige, ja, die nennen es dann Soul."

Odetta rief ihre afro-amerikanischen Mitbrüder auf, "stolz zu sein auf die Geschichte der schwarzen Amerikaner" und beteiligte sich aktiv in der Bürgerrechtsbewegung. Als sie im August 1963 auf dem "Marsch auf Washington" sang, "war Odettas großartige, vollkehlige Stimme nahezu bis zum Capitol Hill zu hören", schrieb die New York Times.

Sie wurde 1963 für ihr Album "Odetta Sings Folk Songs" für einen Grammy in der Kategorie beste Folkaufnahme nominiert. Zwei weitere Grammy-Nominierungen folgten in den letzten Jahren, für ihr Album "Blues Everywhere I Go" (1999) und ihr Album "Gonna Let It Shine" (2005).

1999 wurde sie mit der National Medal of the Arts geehrt. Der damalige Präsident Bill Clinton sagte, dass ihre Karriere "uns allen zeigt, dass Lieder die Macht haben, das Herz und die Welt zu verändern."

"Ich bin keine wahre Folksängerin", erzählte sie der Washington Post im Jahr 1983. "Es macht mir nichts aus, wenn mich die Leute als solche bezeichnen, aber ich bin ein musikalischer Geschichtsschreiber. Ich bin ein Stadtkind, das einen Ort bewundert hat und dorthin gelangt ist. Ich habe Glück gehabt. Mit Folkmusik kann ich lehren und predigen, meine Propaganda verbreiten".

Zu ihren bemerkenswerten frühen Werken zählen ihr Album "Odetta Sings Ballads and Blues"(1956), das solche Lieder enthält wie "Muleskinner Blues" und "Jack O' Diamonds" und ihr Album "At the Gate of Horn" (1957) mit dem bekannten Spiritual "He's Got the Whole World in His Hands".

Ihr Album "Odetta Sings Dylan" (1965) enthält solche Standard-Songs wie "Don't Think Twice, It's All Right", "Masters of War" und "The Times They Are A-Changin'".

In einem "Playboy"-Interview im Jahr 1978, berichtete Dylan, "war es Odetta, die mich zum Folksänger gemacht hat". Er sagte, dass er "etwas sehr Vitales und Persönliches" gefunden hatte, als er als Teenager ein frühes Album von ihr in einem Schallplattenladen hörte. "Genau damals und dort war es, dass ich meine E-Gitarre und den Verstärker eintauschte gegen eine akustische Gitarre" sagte er.

Belafonte nennt ebenfalls sie als diejenige, die maßgeblichen Einfluss auf seine erfolgreiche Musikerkarriere hatte, und sie war Gastsängerin auf seinem 1960 erschienenen Album, "Belafonte Returns to Carnegie Hall". Sie nahm in den vergangenen Jahren weiterhin auf; ihr Album von 2001 "Looking for a Home" würdigte den großen Bluessänger, mit dem sie manchmal verglichen wurde.

Odettas letztes großes Konzert fand am 4. Oktober 2008 im Golden Gate Park in San Francisco, Kalifornien, statt, wo sie im Rahmen des Hardly Strictly Bluegrass Festivals vor einigen Zehntausend Zuhörern auftrat, sagte Yeager. Sie trat auch am 25. und 26. Oktober 2008 in Toronto auf .

Odetta hoffte, bei der Amtseinführung des neugewählten Präsidenten Barack Obama zu singen, obgleich sie noch nicht offiziell eingeladen war, teilte Yeager mit.

Odetta Holmes wurde im Jahr 1930 in Birmingham, Alabama, geboren. Im Alter von 6 Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Los Angeles. Ihr Vater starb, als sie noch sehr jung war und sie nahm den Familiennamen ihres Stiefvaters, Felious, an. Als ein Junior High Lehrer sie im Glee-Club hörte, sorgte er dafür, dass sie Musikunterricht erhielt, aber Odetta interessierte sich als älterer Teenager mehr für Folk-Musik und wandte sich vom klassischen Gesangsunterricht ab.

Sie sammelte einen großen Teil ihrer Erfahrungen im Turnabout Theatre in Los Angeles, wo sie in den frühen 50-er Jahren sang und gelegentlich Bühnenrollen übernahm.

"Was für eine kraftvolle Charakterdarstellung und Projektion von Gefühlen sie schafft, selbst wenn sie einfach dasitzt oder im Halbdunkel steht!" schrieb ein Kritiker der Los Angeles Times 1955.

Im Lauf der Jahre übernahm sie gelegentlich Rollen in Fernseh- und Kinofilmen. Niemand anders als die berühmte Hollywood-Kolumnistin Hedda Hopper berichtete 1961, dass sie in dem Film "Sanctuary" "wunderschön herauskommt.

In einem Interview der Washington Post stellte Odetta die Theorie auf, dass die Menschen die Musik und den Tanz aus Furcht entwickelt haben, "Furcht vor Gott, Furcht, dass die Sonne nicht wiederkommt, und Furcht vor vielen anderen Dingen. Ich glaube, diese Entwicklung hat mit Anbetung zu tun oder um etwas oder jemanden zu beschwichtigen. ... Die Welt ist nicht besser geworden, und so gibt es immer etwas, über das gesungen, oder das besungen werden muss."

Odetta hinterlässt eine Tochter, Michelle Esrick, in New York City, und einen Sohn, Boots Jaffre, in Fort Collins, Colo. Sie wurde vor etwa 40 Jahren geschieden und hat nie wieder geheiratet, sagte ihr Manager.

Ein Gedenkgottesdienst ist im nächsten Monat geplant, teilte Yeager mit.


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